• 04.11.2026, 15:29:03
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Familienausschuss: Sektenstelle warnt vor digitalen Gewalt-Netzwerken

Debatte über Kinderschutz, Aufarbeitung der Mühl-Kommune und Ausrichtung der Bundesstelle für Sektenfragen

Wien (PK) - 

Mit dem Tätigkeitsbericht der Bundesstelle für Sektenfragen für das Jahr 2025 befasste sich heute der Familienausschuss. Die Bundesstelle verzeichnete im Berichtsjahr insgesamt 521 Beratungsfälle und damit einen Anstieg um rund 8 %. Die meisten Anfragen betrafen Esoterik und Angebote mit christlichem Hintergrund (III-374 d.B.). Im Ausschuss warnte Geschäftsführerin Ulrike Schiesser insbesondere vor digitalen Gewalt-Netzwerken, die mittlerweile auch in Österreich angekommen seien und Kinder und Jugendliche gezielt gefährdeten. Sie sprach sich in diesem Zusammenhang für eine bessere Vernetzung von Polizei und sozialen Einrichtungen sowie eine stärkere Verantwortung der Plattformen aus.

Überparteiliche Anerkennung fand die Beratungsarbeit der Bundesstelle. Die FPÖ kritisierte jedoch deren Ausrichtung und hinterfragte die Methoden des Monitorings etwa auf Telegram. Familienministerin Claudia Bauer teilte mit, dass dieses aus Budgetgründen nicht fortgeführt werde. Weitere Themen waren die Aufarbeitung der Mühl-Kommune und die bislang fehlende Finanzierung eines gemeinsamen Forschungsprojekts. Auf Verlangen der Grünen wurde der Bericht im Ausschuss nicht enderledigt und wird im Nationalratsplenum weiterbehandelt.

Überparteiliche Anerkennung für Beratungsarbeit, FPÖ kritisiert Ausrichtung der Sektenstelle

Im Ausschuss äußerten alle Fraktionen Anerkennung für die Arbeit der Bundesstelle für Sektenfragen. So hob etwa Margareth Falkner (ÖVP) besonders den Bereich Kinder- und Jugendschutz hervor. Die anonymisierten Fallbeispiele im Bericht veranschaulichten die Bedeutung der Tätigkeit der Sektenstelle. Falkner, Elisabeth Feichtinger (SPÖ) und Barbara Neßler (Grüne) erkundigten sich nach Finanzierung, Personalstand sowie Schwerpunkten in Beratung und Prävention.

Geschäftsführerin Ulrike Schiesser berichtete von 521 Beratungsfällen, einem Plus von 8 % im Vergleich zum Vorjahr, zu insgesamt 744 Anliegen. Die Zahl der Medienanfragen sei um 51 % auf 124 gestiegen, jene aus der Forschung um 45 %. Mit 54 Vorträgen - einem Anstieg um 38 % - sowie Weiterbildungen seien 2025 rund 2.000 Personen erreicht worden. Die Arbeit werde von einem spezialisierten Team aus sieben Personen mit rund fünf Vollzeitstellen geleistet.

Die meisten Beratungsfälle beträfen das Themenfeld Esoterik mit Überschneidungen zum Coaching-Bereich. Auch lange bekannte Gruppen bedienten sich nun neuer Methoden, wie etwa KI-Avataren. Schiesser schilderte das Beispiel eines "spirituellen Meisters", hinter dem ein Chatbot stehe, der laufend hochpreisige Produkte anbiete. Die dahinterstehende Gemeinschaft sei seit Jahren bekannt und übe Druck aus, hochpreisige Angebote und Seminare in Anspruch zu nehmen.

Die zweitgrößte Gruppe der Anfragen betreffe Gemeinschaften mit christlichem Hintergrund, insbesondere Freikirchen und evangelikale Prediger, die häufig aus dem Ausland kämen. Deren Anliegen, Gemeinschaften in Österreich aufzubauen, sei an sich legitim, erklärte Schiesser. Die Bundesstelle werde etwa dann kontaktiert, wenn starker Druck ausgeübt, der Familienzusammenhalt beeinträchtigt oder in erheblichem Ausmaß Geld, Zeit und Energie eingefordert würden. Diesbezüglich bestehe ein enger Austausch mit den katholischen und evangelischen Weltanschauungsbeauftragten, berichtete Schiesser.

Auch Maximilian Weinzierl (FPÖ) bezeichnete die Beratungsarbeit der Sektenstelle etwa beim Kinder- und Jugendschutz als sinnvoll, warf ihr jedoch vor, über ihren gesetzlichen Auftrag hinauszugehen. Er ortete ebenso wie Lisa Schuch-Gubik (FPÖ) einen blinden Fleck beim radikalen Islam. Schuch-Gubik kritisierte zudem eine "Blindheit am linken Auge" und unterstrich, dass die Bundesstelle vor Sekten schützen und keine kritischen Bürger überwachen solle.

Zur geringen Zahl von Anfragen mit Islambezug erklärte Schiesser, dass sich die Bundesstelle selbst mit dieser Frage beschäftigt und mit anderen Beratungseinrichtungen in Europa verglichen habe. Die Verteilung sei überall ähnlich: Esoterik und Gemeinschaften mit christlichem Hintergrund stünden an der Spitze, Anfragen zum Islam seien selten. Eine mögliche Erklärung sei das Bestehen von spezialisierten Einrichtungen, in Österreich etwa der Dokumentationsstelle Politischer Islam.

Digitale Gewaltmilieus: Bessere Vernetzung und Verantwortung der Plattformen gefordert

Gertraud Auinger-Oberzaucher (NEOS) verwies auf die besondere Gefährdung von Kindern und Jugendlichen durch digitale Anwendungen und fragte nach Möglichkeiten des Gesetzgebers, digitale Kompetenz und Prävention zu stärken. Familienpolitischen Handlungsbedarf bei Online-Gewaltmilieus sowie Anfragen von Bildungseinrichtungen sprach Silvia Kumpan-Takacs (SPÖ) an. Barbara Neßler (Grüne) erkundigte sich nach der Entwicklung des Netzwerks "764" in Österreich und nach etwaigen Verbindungen nihilistischer Gewalt zum Rechtsextremismus.

Die digitale Gewaltszene sei mittlerweile auch in Österreich angekommen, warnte Schiesser. Die Bundesstelle habe bereits vor eineinhalb Jahren darauf aufmerksam gemacht und leite aktuell zwei Arbeitsgruppen, bei denen unter anderem mit Jugendschutzeinrichtungen, der Polizei, Schulen und der Jugendpsychiatrie kooperiert werde. Verbesserungsbedarf bestehe insbesondere bei der Vernetzung zwischen Polizei und sozialen Einrichtungen. Fälle würden unter unterschiedlichen Deliktsbereichen und Erscheinungsformen wie Vandalismus, Suizidversuchen oder Selbstverletzungen erfasst, ohne ein dahinterstehendes Netzwerk zu erkennen. Schiesser regte an, unter anderem auch Schulärztinnen und Schulärzte zu sensibilisiert, um etwa bestimmte in die Haut geritzte Symbole zu erkennen. Sie berichtete von mehreren Konferenzen zur "massiven Gefahr" von Gewalt-Netzwerken, die auch hinter der Manipulation von Süßigkeiten zu Halloween stehen könnten. Betroffene seien durchschnittlich 13 Jahre alt und auch die Täterinnen und Täter zumeist Jugendliche. Insbesondere psychisch belastete junge Menschen würden gezielt ausgewählt. Wichtig seien daher laut Schiesser Hilfsangebote sowie Bewusstseinsbildung darüber, wie leicht Kinder etwa über Online-Spiele in solche Netzwerke geraten könnten. Zudem müssten Plattformen stärker in die Verantwortung genommen werden, etwa bei Alterskontrollen und der Löschung von Material. Da junge Menschen neue Entwicklungen in diesem Bereich oft früher wahrnähmen, sollten sie auch selbst in die Entwicklung von Gegenmaßnahmen eingebunden werden, erklärte Schiesser.

Zur Präventionsarbeit in Bildungseinrichtungen verwies Schiesser auf zahlreiche Vorträge an Schulen und eine Online-Tagung mit knapp 400 Teilnehmenden, darunter viele Lehrkräfte. Ein besonderer Schwerpunkt liege heuer auf der Elementarbildung.

Mühl-Kommune: Aufarbeitung und Forschungsprojekt weiter offen

Die Aufarbeitung der Mühl-Kommune thematisierten Maximilian Weinzierl (FPÖ), Bernhard Herzog (SPÖ) und Gertraud Auinger-Oberzaucher (NEOS). Herzog verwies auf die anhaltenden Folgen der Verbrechen und kritisierte die jüngste Ausstellung der Werke von Otto Mühl. Auinger-Oberzaucher fragte nach dem Stand der interdisziplinären Forschungsinitiative und nach Erkenntnissen für den Umgang mit aktuellen Phänomenen. Weinzierl zeigte auf, dass Betroffene noch keine angemessenen Entschädigungen erhalten hätten.

Schiesser berichtete von langjährigen Kontakten mit Angehörigen der ersten und zweiten Generation der Kommune. Rund 150 Kinder seien in die Gemeinschaft hineingeboren worden. Neben sexualisierter Gewalt seien insbesondere die systematische Unterbindung enger Bindungen, auch zur eigenen Mutter oder zu Ersatzbezugspersonen, sowie die Bewertung und Rangordnung der Kinder schädigend gewesen. Kritik sei mit subtilen und weniger subtilen Methoden unterdrückt worden. Auch den 1991 gegen Otto Mühl geführten Prozess hätten die Betroffenen als traumatisierend erlebt. Danach seien die Kinder ohne Unterstützung in eine ihnen unbekannte Welt entlassen worden. Die zweite Generation werfe insbesondere die Frage auf, warum der Kinder- und Jugendschutz nicht gegriffen habe und wie ein solches autoritäres Gewaltregime habe entstehen können. Diese Fragen seien auch für heutige Gruppen relevant, die Kinder etwa durch häuslichen Unterricht isolierten, so Schiesser.

Für den 13. November kündigte Schiesser eine Fachtagung zum "System Otto Mühl" an. Wissenschafterinnen und Wissenschafter verschiedener Disziplinen beteiligten sich an den Bemühungen um ein gemeinsames Forschungsprojekt. Eine Finanzierung habe dafür bisher nicht gefunden werden können, einzelne Projekte würden jedoch weiterhin eingereicht. Die Befragung der noch lebenden Betroffenen biete die Möglichkeit, ein Stück österreichischer Zeitgeschichte aufzuarbeiten, betonte Schiesser.

Telegram-Monitoring: FPÖ hinterfragt Methoden, Fortführung aus Budgetgründen nicht möglich

Den Einsatz künstlicher Intelligenz beim Online-Monitoring hinterfragten Maximilian Weinzierl und Lisa Schuch-Gubik (beide FPÖ). Ihre Fragen betrafen die Auswahl der untersuchten Telegram-Kanäle, mögliche Verzerrungen durch KI und die Einhaltung des Datenschutzes. Barbara Neßler (Grüne) sprach Spendenaufrufe, demokratiefeindliche Entwicklungen, sowie mögliche Unterschiede zwischen den Bundesländern an.

Schiesser erläuterte, dass keine fertigen KI-Tools verwendet worden seien, sondern ein eigens für das Projekt beschäftigter Data Scientist die Anwendung für die Bundesstelle programmiert habe. Ausgehend von bekannten Kanälen habe man die darin angeführten Weiterleitungen untersucht und so nach dem Schneeballprinzip rund 300 Kanäle erfasst. Diese seien sämtlich händisch überprüft worden, insbesondere auf ihren Bezug zu Österreich. Untersucht worden seien ausschließlich öffentlich zugängliche Kanäle und keine Telegram-Gruppen. Insgesamt habe die Analyse 2,3 Millionen Nachrichten aus sechs Jahren umfasst. Für das Projekt sei zudem eine Datenschutz-Folgenabschätzung erstellt worden, wie Schiesser ausführte.

Inhaltlich zeige sich, dass die während der Pandemie aufgebaute Reichweite zunehmend zum Verkauf von Produkten genutzt werde. Mit "Horrorszenarien" werde Angst erzeugt, um anschließend etwa Gold oder Vorsorgeausrüstung anzubieten. Verschwörungsnarrative entwickelten sich damit laut Schiesser zu Geschäftsmodellen. Eine Zuordnung zu einzelnen Bundesländern, nach der sich Barbara Neßler (Grüne) erkundigte, sei schwierig vorzunehmen.

Familienministerin Claudia Bauer dankte Schiesser und der Bundesstelle für die Bereitstellung ihrer Expertise und betonte die Bedeutung der angesprochenen Phänomene für die Jugendpolitik. Zur Finanzierung erklärte sie, dass im Doppelbudget für die nächsten beiden Jahre aufgrund der Budgetkonsolidierung eine Fortführung des Online-Monitorings nicht vorgesehen sei. Die übrigen Einsparungsziele hätten jedoch durch Umschichtungen erreicht werden können.

Sektenbericht 2025: Kinderschutz und digitale Gewaltmilieus als Schwerpunkte

Insgesamt verzeichnete die Bundesstelle im Berichtsjahr 2.024 Kontakte. Die meisten Anfragen betrafen Esoterik (166), Angebote mit christlichem Hintergrund (141) und Sekten allgemein (69). Fallbeispiele im Bericht veranschaulichen unter anderem Probleme mit fragwürdigen Gesundheitspraktiken, manipulativen Coaching-Angeboten und Machtmissbrauch in sektenähnlichen Gruppen. Mit Fachvorträgen, Workshops und Vernetzungsaktivitäten habe die Bundesstelle insbesondere Fachkräfte aus Pädagogik, Psychologie und Sozialarbeit für Gefährdungen von Kindern und Jugendlichen sensibilisiert, wie aus dem Bericht hervorgeht.

Eine zentrale Herausforderung sei die zunehmende Bedeutung des digitalen Raums als Ort der Anbahnung, Kontrolle und Ausbeutung Minderjähriger. Der Bericht widmet sich in diesem Zusammenhang Gewaltmilieus, die unter dem Begriff "Nihilistic Violent Extremism" erfasst werden. In diesen überwiegend digital organisierten und transnational vernetzten Netzwerken werde Gewalt als Selbstzweck ausgeübt und ideologisch aufgeladen. Kinder und Jugendliche würden gezielt angesprochen und etwa durch Erpressung mit intimen Aufnahmen zu Gewalttaten und Selbstverletzungen gedrängt.

Ein weiterer Schwerpunkt betrifft die von Otto Mühl gegründete Aktionsanalytische Organisation als Beispiel eines hochkontrollierenden Systems mit massiver psychischer, physischer und sexualisierter Gewalt insbesondere gegenüber Kindern und Jugendlichen. Ehemalige Mitglieder hätten sich 2025 verstärkt an die Bundesstelle gewandt. Gemeinsam mit Betroffenen habe diese eine interdisziplinäre Forschungsinitiative zur Aufarbeitung des "Systems Otto Mühl" angestoßen, deren Umsetzung noch von der Sicherstellung der erforderlichen finanziellen Mittel abhänge.

Weiters zeige das Online-Monitoring verschwörungstheoretischer Telegram-Netzwerke in Österreich eine zunehmende wirtschaftliche Ausrichtung. Während zunächst die politische Mobilisierung insbesondere während der COVID-19-Pandemie im Vordergrund gestanden sei, seien zunehmend finanzielle Interessen ins Zentrum gerückt. (Fortsetzung Familienausschuss) wit


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