- 28.10.2026, 14:12:02
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Staatliche Auszeichnungen für langjährigen Einsatz für die Rechte gehörloser Menschen
Bundespräsident Alexander Van der Bellen ehrt Helene Jarmer und Lukas Huber mit österreichischen Ehrenzeichen.

Bundespräsident Alexander Van der Bellen hat am 27. Oktober in der Wiener Hofburg Helene Jarmer, Präsidentin des Österreichischen Gehörlosenbundes (ÖGLB), und Lukas Huber, Generalsekretär des ÖGLB, mit staatlichen Auszeichnungen geehrt. Die Verleihung fand anlässlich des österreichischen Nationalfeiertages statt und würdigt ihren jahrzehntelangen Einsatz für die Rechte gehörloser Menschen, die Österreichische Gebärdensprache (ÖGS) und eine gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe.
Helene Jarmer: Einsatz für Sprachrechte, Bildung und Barrierefreiheit
Mag.a Helene Jarmer erhielt das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich. Seit 2001 ist sie Präsidentin des ÖGLB und engagiert sich auf nationaler und internationaler Ebene für die Rechte gehörloser Menschen.
2009 zog sie als erste gehörlose Abgeordnete in den österreichischen Nationalrat ein, dem sie bis 2017 angehörte. Als Pädagogin und langjährige Lehrbeauftragte an der Universität Wien und weiteren Bildungseinrichtungen setzt sie sich besonders für bilinguale Bildung in Österreichischer Gebärdensprache und Deutsch ein.
Ein wichtiger Meilenstein ihres Engagements war die verfassungsrechtliche Anerkennung der ÖGS im Jahr 2005. 2013 wurde die Österreichische Gebärdensprache zudem in das nationale UNESCO Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen.
2005 gründete Jarmer den gemeinnützigen Verein Service-Center ÖGS.barrierefrei, den sie bis heute leitet. Daraus entstanden zahlreiche Angebote für barrierefreie Kommunikation und Information, darunter der Relay-Service für barrierefreies Telefonieren mit ÖGS-Dolmetschung, die Online-Medienplattform Gebärdenwelt.tv, das Bildungs- und Medienangebot GeKi für Kinder sowie professionelle Übersetzungen schriftlicher Informationen in Österreichische Gebärdensprache und barrierefreie Filmproduktionen.
2011 veröffentlichte Jarmer ihr autobiografisches Buch „Schreien nützt nichts – Mittendrin statt still dabei“, in dem sie ihre persönlichen Erfahrungen und ihren Einsatz für die Gleichberechtigung gehörloser Menschen schildert.
Für Jarmer ist die Auszeichnung auch eine Anerkennung der gemeinsamen Arbeit der gehörlosen Gemeinschaft:
„Ich freue mich sehr über diese Auszeichnung und bedanke mich herzlich dafür. Besonders wichtig ist mir, dass damit auch die langjährige Arbeit unserer Gebärdensprach - Community und all jener Menschen gewürdigt wird, die sich gemeinsam mit uns für unsere Rechte einsetzen. Diese Anerkennung bedeutet uns viel und bestärkt uns darin, unsere Arbeit für Gleichberechtigung, Sprachrechte und gesellschaftliche Teilhabe fortzusetzen
“, so Jarmer.
Lukas Huber: Engagement für Interessenvertretung und barrierefreie Medien
Ing. Lukas Huber wurde mit dem Goldenen Verdienstzeichen der Republik Österreich ausgezeichnet. Seit 2001 ist er Generalsekretär des ÖGLB und trägt wesentlich zur politischen Arbeit des Verbandes bei. Darüber hinaus leitet er seit 2015 den Gehörlosenverband Niederösterreich.
Ein wichtiger Schwerpunkt seines langjährigen Engagements ist der barrierefreie Zugang zu Medien. Huber setzt sich insbesondere für den Ausbau der Untertitelung im österreichischen Fernsehen ein, damit gehörlose und schwerhörige Menschen gleichberechtigt Zugang zu Nachrichten, Information und Unterhaltung erhalten.
Beim österreichischen Dokumentarfilm „gehörlos“ (2025) der Regisseurin Anita Lackenberger wirkte er als inhaltlich-wissenschaftlicher Berater mit. Der Film beleuchtet die Geschichte gehörloser Menschen in Österreich, ihre Erfahrungen mit Diskriminierung und ihren Einsatz für sprachliche Anerkennung und Selbstbestimmung.
Auch im Bereich der Antidiskriminierung war Huber über viele Jahre aktiv, unter anderem als Vorstandsmitglied des Klagsverbands zur Durchsetzung der Rechte von Diskriminierungsopfern.
Huber schloss 2026 den Lehrgang zum Gebärdensprachdozenten bzw. Gebärdensprachpädagogen am Kompetenzzentrum ÖGS (Soziale Initiative Salzburg) ab. Er ist engagiert in community-basierten Deaf History-Initiativen.
„Ich nehme die Auszeichnung mit Rührung und Stolz entgegen und bedanke mich ebenfalls herzlich dafür. Das ist eine Anerkennung für die gesamte österreichische Gehörlosengemeinschaft und für den ÖGLB - für jede gehörlose Person, die täglich dafür kämpft, ihre Rechte einzufordern. Sie erkennt den Wert der ehrenamtlichen Arbeit der Gehörlosengemeinschaft an. Sie gibt uns die Kraft und die Legitimität, unsere Arbeit fortzusetzen
“, so Huber.
25 Jahre gemeinsamer Einsatz für Gleichberechtigung
Seit 2001 arbeiten Jarmer und Huber in ihren Funktionen beim ÖGLB eng zusammen und haben die Entwicklung der bundesweiten Interessenvertretung maßgeblich mitgestaltet.
Trotz wichtiger Erfolge bestehen weiterhin erhebliche Herausforderungen. Die verfassungsrechtliche Anerkennung der ÖGS war ein historischer Schritt, doch in vielen Lebensbereichen fehlen noch immer ausreichende gesetzliche Regelungen und barrierefreie Angebote.
Der ÖGLB setzt sich daher insbesondere für folgende Ziele ein:
- Sprachrechte im Alltag verwirklichen: Gehörlose Menschen müssen die ÖGS in Bildung, Gesundheitswesen, Arbeitswelt, Behörden und im gesellschaftlichen Leben selbstverständlich verwenden können. Dafür braucht es verbindliche Regelungen und deren konsequente Umsetzung.
- Gebärdensprache ab Geburt: Frühzeitiger Zugang zur ÖGS für gehörlose und schwerhörige Kinder sowie Sprachlernangebote für Familien.
- Bilinguale Bildung: Umsetzung des ÖGS-Lehrplans in der Praxis, Etablierung des neuen Berufsbildes ÖGS-Pädagog:innen und Stärkung der bilingualen Bildung in ÖGS und Deutsch.
- Anerkennung als sprachliche und kulturelle Minderheit: Die gehörlose Gemeinschaft soll nicht ausschließlich unter dem medizinischen Aspekt der Behinderung betrachtet, sondern auch als eigenständige Sprach- und Kulturgemeinschaft rechtlich anerkannt werden. Damit sollen ihre Sprache und ihre kulturelle Identität nachhaltig geschützt und gefördert und deren Weitergabe an kommende Generationen sichergestellt werden.
- Barrierefreiheit und Selbstbestimmung: Der Zugang zu qualifizierten ÖGS-Dolmetscher:innen, barrierefreien Medien, digitalen Angeboten und gesellschaftlicher Mitbestimmung muss langfristig gesichert werden.
Anerkennung und Auftrag für die Zukunft
Für den Österreichischen Gehörlosenbund sind die staatlichen Auszeichnungen eine besondere Wertschätzung für das jahrzehntelange ehrenamtliche Engagement beider Persönlichkeiten und zugleich für die Arbeit der gesamten gehörlosen Gemeinschaft.
Die Vision des ÖGLB ist eine Gesellschaft, in der gehörlose Menschen von Geburt an Zugang zu ihrer Sprache haben, gleichberechtigt lernen und arbeiten, ihre sprachliche und kulturelle Identität leben und selbstbestimmt am gesellschaftlichen und politischen Leben teilnehmen können.
Die Auszeichnungen sind daher nicht nur eine Würdigung des bisher Erreichten, sondern auch ein Ansporn, den gemeinsamen Einsatz für sprachliche und kulturelle Rechte, Chancengleichheit und eine barrierefreie Gesellschaft konsequent fortzusetzen.
Rückfragen & Kontakt
Österreichischer Gehörlosenbund
Telefon: 01 64 10 510-423
E-Mail: [email protected]
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