• 16.10.2026, 08:29:02
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„Was ist schon normal?“: Psychische Erkrankungen und Delir im Fokus

Fachveranstaltung „chronisch_konkret“ im Haus der Barmherzigkeit diskutierte gesellschaftliche Vorstellungen von Normalität und ihre Rolle für würdevolle Versorgung im Alter.

Fachveranstaltung: chronisch_konkret - Wirr und Wir. Was ist
schon normal? Im Bild vlnr.: Leon Engler, BA MA MA (Psychologe und
Autor "Botanik des Wahnsinns"), Univ.-Prof. Dr. Christoph Gisinger
(Institutsdirektor Haus der Barmherzigkeit), Dr. Athe Grafinger, MSc
(NÖ Landesgesundheitsagentur), Prim. Dr. Michael Lazansky, MBA
(Facharzt für Psychiatrie und Leiter der Abt. für Gerontopsychiatrie
Haus der Barmherzigkeit) und Moderator Köksal Baltaci (Die Presse)
Wien (OTS) - 

Unter dem Titel „Wirr und Wir. Was ist schon normal?“ diskutierten am Donnerstag rund 70 Expert:innen aus dem Gesundheits- und Sozialbereich im Haus der Barmherzigkeit über psychische Erkrankungen, Delir und gesellschaftliche Vorstellungen von Normalität. Im Fokus standen die häufige Verwechslung von Delir und Demenz sowie die Frage, wie eine bedarfsgerechte Versorgung von Menschen gelingen kann, die nicht dem gesellschaftlichen Bild von „Normalität“ entsprechen. „Menschen mit psychischen Erkrankungen verdienen dieselbe Würde und Lebensqualität. Eine psychische Erkrankung kann jeden Menschen treffen, insbesondere auch im Alter“, betonte Christoph Gisinger, Institutsdirektor des Haus der Barmherzigkeit, bei der Eröffnung der Fachveranstaltung.

„Die Grenzen der Normalität sind fließend.“

Der Psychologe und Autor Leon Engler setzt sich in seinem viel beachteten Debütroman „Botanik des Wahnsinns“ aus autofiktionaler Perspektive mit psychischen Ausnahmezuständen auseinander. In seinem Impulsvortrag hinterfragte er die vermeintlich klare Grenze zwischen „normal“ und „nicht normal“. Dabei zeigte er auf, dass psychiatrische Diagnosen nicht nur individuelle Zustände beschreiben, sondern auch gesellschaftliche Vorstellungen ihrer Zeit widerspiegeln. „Gerade im Seelischen sind die Grenzen fließend. Diagnosen sind Zeitdiagnosen und verraten ebenso viel über jene, die sie erhalten, wie über jene, die sie stellen“, so Engler.

Delir: Akutes Hirnversagen statt Altersschicksal

Ein Delir wird im Versorgungsalltag oft als Demenz fehlinterpretiert. Tatsächlich ist es aber ein akutes Organversagen des Gehirns, das bei rascher Behandlung potenziell reversibel ist. Michael Lazansky, Leiter der Gerontopsychiatrie im Haus der Barmherzigkeit, warnte in seiner Keynote vor einem „zermürbenden Drehtüreffekt“. „Wer akute Verwirrtheit als vitalen medizinischen Hilferuf begreift, überwindet den therapeutischen Nihilismus“, betonte Lazansky. Dass dieser Ansatz funktioniert, zeigt die gerontopsychiatrische Schwerpunktstation im HB Pflegekrankenhaus Tokiostraße seit über einem Jahrzehnt. Das Team setzt dort auf evidenzbasierte Standards, wie gezieltes Absetzen delirogener Medikamente und Beziehungsarbeit. „Wir möchten hier erreichen, dass Normalität im Alter keine Frage des Schemas, sondern der Würde bleibt“, so Lazansky abschließend.

„Normalität“ im Versorgungsalltag neu denken

Zudem brachten Athe Grafinger, Geriaterin und Palliativmedizinerin bei der NÖ Landesgesundheitsagentur, sowie Birgit Meinhard-Schiebel, Präsidentin der Interessengemeinschaft pflegender Angehöriger, ihre Perspektiven in die vom Journalisten Köksal Baltaci moderierte Podiumsdiskussion ein. Im Mittelpunkt des Austauschs stand wie in der Gesundheitsversorgung nicht die Erkrankung, sondern der Mensch mit seinen individuellen Bedürfnissen in den Blick genommen werden kann. Darüber hinaus erörterten die Teilnehmer:innen, wie sich diese Haltung im Versorgungsalltag umsetzen lässt und welche Unterstützung Betroffene und ihre Angehörigen benötigen.

Seit zehn Jahren veranstaltet das Haus der Barmherzigkeit regelmäßig die Fachveranstaltung „chronisch_konkret“, die sich mit gesundheitspolitischen und pflegerelevanten Themen befasst. Die Veranstaltung fand im Seminarzentrum Campus Collegialität im Haus der Barmherzigkeit statt. Für die kulinarischen Köstlichkeiten zum Ausklang sorgte SANA Catering.

Die „Haus der Barmherzigkeit“-Gruppe

Das gemeinnützige Haus der Barmherzigkeit bietet Langzeitpflege und -betreuung für schwer pflegebedürftige Menschen. In sieben Pflegeeinrichtungen in Wien und Niederösterreich betreuen wir rund 1.300 Bewohner:innen mit chronischen Erkrankungen. Darunter auch 14 Kinder und Jugendliche im Kinderpflegedomizil FRIDOLINA. Mit HABIT, dem Haus der Barmherzigkeit Inklusionsteam, bieten wir rund 480 Betreuungsplätze für Menschen mit mehrfachen Behinderungen und hohem Unterstützungsbedarf in unseren 17 Wohngemeinschaften, Garconnierenverbünden sowie im zeitlich befristeten Wohnen, fünf Tageszentren und in der Mobilen Begleitung.

Unsere Leistungen werden durch den Fonds Soziales Wien (FSW) aus Mitteln der Stadt Wien sowie durch das Land Niederösterreich gefördert. Neben bestmöglicher pflegerischer, therapeutischer und medizinischer Betreuung legen wir besonderen Wert auf ein selbstbestimmtes und abwechslungsreiches Leben. hb.at

Weitere Bilder in der APA-Fotogalerie

Rückfragen & Kontakt

Haus der Barmherzigkeit
MMag. Robert Schafleitner
Seeböckgasse 30a, 1160 Wien
01/ 40 199-1321
[email protected]
www.hb.at

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