- 15.10.2026, 11:00:43
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Dürre trifft auf Wirkstofflücken: Europas Lebensmittel-Versorgung ist nicht krisensicher
Kombination aus Klimawandel, neuen Schädlingen und schwindender Wirkstoffvielfalt wird zum Risiko für die Versorgungssicherheit.
Die heurige Dürre führt in Österreich zu massiven Ertragseinbußen. U.a. sind Getreide, Zuckerrüben, Kartoffeln, Ölkürbis, Raps, Soja, Mais sowie Obst- und Gemüsekulturen betroffen. Gleichzeitig zeigt eine Analyse der in Österreich zugelassenen Pflanzenschutzmittel-Wirkstoffe für Freiland-Anwendungen erhebliche Lücken bei vielen Kulturen und Schaderregern. Besonders angespannt ist die Situation bei Ölkürbis, Soja und Zwiebel. Aber auch bei Raps, Kartoffeln, Getreide und Wein steigt der Druck: Dort stehen zwar nominell mehr Wirkstoffe zur Verfügung, diese konzentrieren sich jedoch teilweise auf wenige Wirkmechanismen. „Die Kombination aus Klimawandel und zunehmenden Wetterextremen mit steigendem Schaderregerdruck und Wirkstofflücken sollte auch auf europäischer Ebene die Alarmglocken schrillen lassen. Aus schwierigen Erntejahren kann so schnell ein strukturelles Risiko für die Versorgung werden“, warnt IGP-Obmann Christian Stockmar.
Dürre 2026: Massive Einbußen bei wichtigen Kulturen
Die Erntebilanz 2026 zeigt die Dimension des heurigen Trockenjahres mit teils hohen Ertragseinbußen und regional ganzen Ernteausfällen. Die österreichische Ernte 2026 wird damit als eine der schwächsten der vergangenen zehn Jahre eingestuft. Bereits das stellt die Landwirtschaft vor enorme Herausforderungen. Noch gefährlicher wird die Situation jedoch, wenn gleichzeitig die Möglichkeiten abnehmen, Kulturen vor Krankheiten, Schädlingen und Unkräutern zu schützen. So wurden viele Kulturen zusätzlich von Schädlingen befallen, die weitere Einbußen verursachten.
Eine Analyse der in Österreich verfügbaren Wirkstoffe für wichtige Kulturen zeigt: Die Zahl der zugelassenen Wirkstoffe vermittelt eine Scheinsicherheit, so Stockmar: „Entscheidend ist nicht, wie viele Wirkstoffnamen oder Handelsprodukte auf dem Papier verfügbar sind, sondern wie viele voneinander unabhängige Wirkmechanismen den Landwirten für einen bestimmten Schaderreger tatsächlich zur Verfügung stehen. Mehrere unterschiedliche Wirkstoffe können auf denselben biologischen Angriffspunkt wirken. Entsteht dagegen eine Resistenz, können dadurch gleich mehrere vermeintliche Alternativen gleichzeitig an Wirkung verlieren.“
Klimawandel macht Pflanzenschutz anspruchsvoller
Das heurige Jahr zeigt auch, wie fragil der Pflanzenbau ist: Bei Trockenheit dominieren zunächst abiotische Schäden. Schädlinge entwickeln sich bei warmen und trockenen Bedingungen besser und erhöhen den Druck auf die Kulturen. Folgt Feuchtigkeit, können sich wiederum Pilzkrankheiten ausbreiten. Unkräuter konkurrieren gerade unter Stressbedingungen ebenfalls mit den Kulturpflanzen um Wasser und Nährstoffe. Die Landwirtschaft sollte deshalb mit sehr unterschiedlichen und teilweise kurzfristig wechselnden Gefahren umgehen können.
Die Kombination aus der Dürre 2026 und der analysierten Wirkstoffsituation wirft deshalb eine grundsätzliche EU-agrarpolitische Frage auf: „Die Ernährungssicherheit Europas darf nicht nur unter durchschnittlichen Wetterbedingungen und geringem Schaderregerdruck funktionieren. Ein resilientes Ernährungssystem sollte auch mehrere Belastungen gleichzeitig verkraften können. Genau hier zeigt sich eine wachsende Verwundbarkeit. Wenn Erträge aufgrund von Wetterextremen bereits massiv sinken und gleichzeitig für einzelne Schadorganismen nur noch ein oder zwei wirksame Optionen zur Verfügung stehen, fehlt die notwendige Sicherheitsreserve. Europas Lebensmittelversorgung ist gegenüber gleichzeitig auftretenden Krisen nicht ausreichend abgesichert.“
Europa braucht deshalb eine Pflanzenschutz-Strategie, die Umwelt- und Gesundheitsschutz konsequent mit Versorgungssicherheit und agronomischer Realität verbindet. Dazu gehört insbesondere, bei regulatorischen Entscheidungen nicht nur einzelne Wirkstoffe isoliert zu beurteilen, sondern auch die Folgen für die gesamte verfügbare Wirkmechanismen-Palette einer Kultur zu berücksichtigen. Zudem braucht Europa schnellere Innovations- und Zulassungswege für neue Wirkstoffe, biologische Lösungen, digitale Pflanzenschutz-Verfahren und andere Instrumente des integrierten Pflanzenschutzes.
Kulturen im Überblick
Besonders deutlich wird die Problematik beim Ölkürbis. Für diese Kultur stehen insgesamt nur 15 Wirkstoffe zur Verfügung, gegen Blattläuse nur einer und gegen Schwarzfäule zwei. Fallen diese Wirkstoffe durch Resistenzentwicklung oder regulatorische Veränderungen weg, besteht keine echte chemische Alternative. Biologische Mittel erweitern die Möglichkeiten, können die geringe Breite leistungsfähiger chemischer Lösungen jedoch kaum kompensieren.
Auch bei Soja zeigt sich ein strukturelles Problem. Insgesamt stehen 30 Wirkstoffe zur Verfügung. Davon ist ein großer Teil für die Unkrautkontrolle, wobei diese nur wenige Wirkmechanismen umfassen. Gegen Krankheiten und Schädlinge ist das Portfolio noch kleiner. Dadurch steigt das Resistenzrisiko.
Raps: Rund 60 Wirkstoffe erscheinen zunächst komfortabel. Bei wichtigen Schädlingen konzentriert sich die Bekämpfung jedoch auf wenige Wirkmechanismen. Ein erheblicher Teil der Palette gegen Rapsglanzkäfer etwa entfällt auf Pyrethroide und ähnliche Wirkmechanismen, die bereits ein hohes Resistenzniveau erreicht haben. Beim Rapserdfloh ist die Auswahl ebenfalls begrenzt. Damit entsteht keine klassische Wirkstofflücke, sondern eine ebenso problematische Wirkmechanismen-Lücke.
Bei Kartoffeln stehen insgesamt über 70 Wirkstoffe zur Verfügung. Gegen die Kraut- und Knollenfäule existiert eine breite Palette, allerdings handelt es sich teils um hochspezifische Wirkmechanismen. Werden diese zu häufig eingesetzt, steigt das Risiko einer Resistenzentwicklung. Bei anderen Schaderregern fehlt diese Breite bereits heute. Gegen Drahtwurm etwa stehen in der Analyse nur vier Wirkstoffe zur Verfügung. Hinzu kommen neue Herausforderungen: Glasflügelzikaden sind bedeutende neue Schaderreger im Kartoffelanbau und können bakterielle Krankheiten übertragen.
Bei Weizen und Roggen stehen mit 84 beziehungsweise 74 Wirkstoffen nominell viele Möglichkeiten zur Verfügung. Doch auch hier bestehen erhebliche Resistenzrisiken. Besonders deutlich wird dies bei Problemgräsern. Bei der Bekämpfung von Ackerfuchsschwanz, Windhalm und anderen Ungräsern sind auf dem Papier mehrere Wirkstoffe vorhanden, praktisch aber nur wenige Wirkmechanismen. Das größer werdende Problem des rasch Resistenzen bildenden Weidelgrases ist in vielen Kulturen derzeit ungelöst. Ähnlich ist die Situation bei Fungiziden.
Mais ist vor dem Weizen die wichtigste Kulturart in Österreich und weist am Papier eine große Vielfalt an Produktnamen und Wirkstoffen auf. Aber: Gegen die Blattfleckenkrankheit, einkeimblättrige und zweikeimblättrige Unkräuter, den Drahtwurm und den Westlichen Maiswurzelbohrer sieht die AGES die Bekämpfung als nicht gesichert an.
Mit 97 Wirkstoffen weist der Weinbau unter den untersuchten Kulturen die größte Wirkstoffbreite auf. Doch auch hier darf die hohe Zahl nicht über das Risiko hinwegtäuschen. Falscher Mehltau, Echter Mehltau und Botrytis erfordern regelmäßig Pflanzenschutz-Maßnahmen. Dadurch entsteht ein hoher Selektionsdruck. Gerade bei hochspezifischen Fungiziden ist deshalb ein konsequenter Wechsel der Wirkmechanismen notwendig. Der Weinbau zeigt gleichzeitig, wohin eine resilientere Strategie führen kann: Biologische Wirkstoffe und weitere Verfahren verbreitern das verfügbare Instrumentarium.
Besonders fragil ist auch der Zwiebelanbau. Zwar finden sich 57 unterschiedliche Wirkstoffnamen, gleichzeitig sind aber rund drei Viertel der analysierten Indikationen Art.-51-Anwendungen (Lückenindikationen). Bei Zwiebelthripsen stehen nur wenige Wirkstoffe beziehungsweise biologische Lösungen zur Verfügung. Gegen Drahtwurm beschränkt sich die Auswahl auf zwei Wirkstoffe. Für Spezialkulturen können regulatorische Veränderungen deshalb rasch zu Bekämpfungslücken führen.
Quelle: PSM-Register des BAES Stand August 2026
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