• 12.10.2026, 10:07:02
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teilhaben teilsein: Wie ein Parlamentsbesuch zur Stärkung des Miteinanders beitragen kann

Wissenschaftliche Forschung beleuchtet den Beitrag von Bildungsangeboten und Architektur zur politischen Teilhabe

Wien (PK) - 

Die heute getroffenen Entscheidungen und beschlossenen Gesetze prägen die Lebensrealität der jungen Generation oft über Jahrzehnte. Doch immer weniger junge Menschen fühlen sich im Parlament gut vertreten und viele von ihnen würden auch gerne besser darüber Bescheid wissen, welche Gesetzesvorhaben gerade erarbeitet werden und wie sie sich selbst dazu einbringen können. Dies geht aus der vom österreichischen Parlament beauftragten Studie "Junge Menschen & Demokratie 2025" des Sozialforschungsinstituts Foresight hervor. Wie ein Besuch im Hohen Haus zur Stärkung politischer Teilhabe beitragen kann, darüber hat die Parlamentskorrespondenz im Rahmen des Jahresschwerpunkts "teilhaben teilsein" mit einer Wissenschaftlerin und einem Wissenschaftler gesprochen, die zu unterschiedlichen Themen im Hohen Haus forschen.

Mit der Architektur des Parlamentsgebäudes befasste sich die promovierte Kunsthistorikerin Julia Rüdiger in den vergangenen zwölf Monaten während ihres "Forschungsjahres im Parlament". Ihr Ziel war es aufzuzeigen, wie Architektur parlamentarische Kultur prägt und Resonanz zwischen Institution und Gesellschaft fördert.

Roland Trabe von der Pädagogischen Hochschule Wien untersucht in einer dreijährigen Forschungsarbeit, wie sich das Demokratieverständnis von Kindern und Jugendlichen durch ihre Teilnahme an einem Angebot der Demokratiewerkstatt im Parlament verändert. Abgefragt werden dazu bis zu 1.200 Workshopteilnehmerinnen und -teilnehmer sowie ihre Lehrkräfte vor ihrem Besuch in der Demokratiewerkstatt, unmittelbar danach sowie nochmals nach drei Monaten. Die Demokratiewerkstatt ist eine Einrichtung des Parlaments für junge Menschen im Alter von 8 bis 19 Jahren. Sie bietet interaktive Workshops zu verschiedenen Themenschwerpunkten.

Gesehen und gehört werden

Gesehen und gehört werden und zwar auf Augenhöhe - das verstehen Julia Rüdiger und Roland Trabe unter Teilhabe. Gerade Kindern und Jugendlichen würde dieses Gefühl jedoch häufig fehlen, sagt Trabe. Aus seiner Sicht ist es daher wichtig, jungen Menschen bereits früh zu vermitteln, dass politische Partizipation weit über die Stimmabgabe bei einer Wahl hinausgeht und er gibt zu bedenken, dass eine große Gruppe von der Stimmabgabe ausgeschlossen ist, da sie nicht die österreichische Staatsbürgerschaft besitzt.

Workshops der Demokratiewerkstatt stärken Interesse an Politik

Trabe rät, möglichst früh anzusetzen: Miteinander und demokratische Partizipation sollten Kindern bereits im Kindergartenalter vermittelt werden, betont er. Für den Fachdidaktiker und Historiker, der auch in der Lehrkräfteaus- und -weiterbildung tätig ist, ist Bildung der Schlüssel. Politische Partizipation dürfe nicht erst zu einem späten Zeitpunkt theoretisch vermittelt werden, sondern müsse bereits im sehr jungen Alter erlebt und praktisch erfahren werden. Dazu gehöre auch, dass Kinder ihre eigenen Rechte kennen und lernen, sich für andere einzusetzen. Damit würde laut Trabe ein entscheidender Grundstein für demokratische Resilienz gelegt.

Erste Ergebnisse seiner Forschung mit Teilnehmenden der Demokratiewerkstatt des Parlaments würden belegen, dass sich Kinder und Jugendliche sehr wohl mit politischen Themen beschäftigen. Ein Besuch in der Demokratiewerkstatt intensiviere laut der von ihm durchgeführten Wirksamkeitsstudie dieses Interesse, so Trabe. Im Rahmen der Studie werden die Kinder und Jugendlichen nicht direkt zu Politik befragt, sondern stattdessen gebeten, jene Themen zu nennen, über die sie mit ihren Freunden sprechen. Dabei habe sich gezeigt, dass sich die Schülerinnen und Schüler mit zahlreichen gesamtgesellschaftlichen und demokratischen Fragen beschäftigen - auch wenn ihnen dies selbst als solches oft gar nicht bewusst sei, berichtet Trabe.

Workshops der Demokratiewerkstatt können virtuell oder in den Räumlichkeiten des Parlaments besucht werden. Wenn Kinder und Jugendliche persönlich zu einem Workshop ins Hohe Haus kommen, tauschen sie das Klassenzimmer gegen einen sogenannten außerschulischen Lernort. Das Besondere dabei sei, dass es den Teilnehmenden damit ermöglicht wird, direkt in jenen Räumlichkeiten neues Wissen zu erarbeiten und Zusammenhänge zu begreifen, in denen die Geschicke des Staates gelenkt und Gesetze beschlossen werden, sagt Trabe. Dass die Teilnehmenden von den Räumen der Demokratiewerkstatt direkt in den Nationalratssitzungssaal hinab blicken können, habe dabei zusätzlich einen positiven Effekt. Durch dieses persönliche Erlebnis in einer besonderen Umgebung werde Abstraktes begreifbarer, so Trabe.

Raum beeinflusst die Gesellschaft

Wie die Architektur eines Parlamentsgebäudes Teilhabe beeinflussen kann, damit beschäftigt sich die Kunsthistorikerin Julia Rüdiger. Die Auseinandersetzung mit diesem Thema beginne bereits damit, dass Raum grundsätzlich die Gesellschaft und ihre Bewegungsfreiheit beeinflusst, sagt Rüdiger. Mit ihrer Forschung will sie zur Stärkung von Architectural Literacy in der Gesellschaft beitragen. Gemeint ist damit ein geschärftes Bewusstsein dafür, mit welcher Agenda eine bestimmte Form von Architektur für ein Gebäude gewählt wurde.

Im Rahmen ihrer Forschungsarbeit im Hohen Haus hat sich Rüdiger unter anderem damit auseinandergesetzt, wie der Raum im Parlamentsgebäude von Besucherinnen und Besuchern wahrgenommen wird. Zunächst habe sich gezeigt, dass die Sicherheitskontrolle am Eingang als "notwendige Schwelle" erlebt werde. Lässt man diese hinter sich, findet man sich im Besucherzentrum, in der Agora, wieder. Im Interview erzählt Rüdiger, dass sie anfangs skeptisch gewesen sei, da es sich bei diesem Raum vor der Wiedereröffnung des sanierten Parlamentsgebäudes um einen fensterlosen Kellerraum gehandelt hat, der nach wie vor nur künstliches Licht bietet. Es habe sie daher überrascht, wie positiv dieser Bereich nun von den meisten Besucherinnen und Besuchern wahrgenommen werde. Dieser sei nun durch seine neue Architektur zu einem zentralen, offenen Begegnungsort geworden, so Rüdiger.

Als Kernfrage beschäftigt sie, wie Architektur den Menschen begegnet. Hält diese Menschen auf Abstand oder lädt sie zum Verweilen ein? Das Parlamentsgebäude am Ring lässt drei Bauphasen erkennen, die jeweils auf ein bestimmtes Demokratieverständnis schließen lassen, sagt Rüdiger. Errichtet wurde das Gebäude im späten 19. Jahrhundert prominent an der Ringstraße. Es zeige Formen und Materialen, die an Herrschaftsarchitektur erinnern. Als Beispiele dafür nennt Rüdiger die Rampe, Symmetrie und eine überhöhte Mitte. Die zweite Bauphase zeigt sich im Nationalratssaal, der nach dem Zweiten Weltkrieg wiederaufgebaut wurde und völlig geradlinig und rational ausfällt. Schließlich erlebte das Hohe Haus mit seiner Sanierung von 2018 bis Ende 2022 eine dritte Bauphase. Die architektonisch neu gestalteten Bereiche bieten nun viel Licht- und Blickregie. Diese würde darauf abzielen, Resonanz zu schaffen und versuchen, mit den Bürgerinnen und Bürgern zu kommunizieren, sagt Rüdiger.

Als Negativbeispiel dafür, wie Architektur Teilhabe einschränken könne, verweist Rüdiger hingegen auf die faschistische Architektur und die Entwürfe der Nationalsozialisten für die Umgestaltung Berlins zur "Welthauptstadt" Germania, die ab Mitte der 1930er-Jahre entstanden. Die schiere Größe der damals geplanten Bauwerke sollte die Menschen zu winzigen Figuren machen, sie einschüchtern und in der Masse verschwinden lassen, so die Forscherin. Die Architektur dieser Gebäude sei derart groß ausgefallen, sodass das Individuum nicht mehr zähle - und nicht mehr gesehen und gehört werden könne.

Parlament erleben: Täglich Führungen und weitere Angebote

Im vergangenen Jahr nutzten 271.498 Menschen die Gelegenheit, das Parlamentsgebäude bei kostenlosen Führungen aus nächster Nähe kennenzulernen. Führungen werden täglich angeboten, in mehreren Sprachen abgehalten und widmen sich unterschiedlichen Themenschwerpunkten. Teile des Hauses können auch selbstständig erkundet werden. An Plenartagen besteht die Möglichkeit, Sitzungen des Nationalrats und des Bundesrats live mitzuerleben. Ein besonderer Höhepunkt ist der Tag der offenen Tür am Nationalfeiertag, dem 26. Oktober: Von 10 bis 16 Uhr öffnet das Parlament seine Türen und heißt tausende Besucherinnen und Besucher willkommen. (Schluss) bea

HINWEIS: Unter dem Titel "teilhaben teilsein" rückt das Parlament die gesellschaftspolitische Teilhabe von jungen Menschen in den Mittelpunkt. Mehr Informationen zum Jahresschwerpunkt 2026 finden Sie unter www.parlament.gv.at/jahresschwerpunkt

Fotos von diesem Interview finden Sie im Webportal des Parlaments.


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