• 06.10.2026, 10:06:02
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Disoski/Neßler: Alleinerziehenden-Ratgeber von ÖVP-Ministerin Bauer ist blanker Hohn für Frauen

Grüne: Regierung lässt Alleinerziehende bei finanzieller Absicherung und Kinderbetreuung im Stich und empfiehlt ihnen „Erste Hilfe bei Selbstmitleid“

Wien (OTS) - 

„Fast neun von zehn Alleinerziehenden sind Frauen. Diese Bundesregierung setzt die Inflationsanpassung bei Familienleistungen aus, beim Ausbau der Kinderbetreuung kommt sie nur im Schneckentempo voran und beim unterdotierten Unterstützungsfonds für Alleinerziehende gibt es nicht einmal einen Rechtsanspruch. Und dann veröffentlicht das Familienministerium einen Ratgeber, der genau diesen Frauen erklärt, sie sollten nicht glauben, ‚mehr Geld‘ würde ihre Probleme lösen und weniger mit ihrem ‚Schicksal hadern‘. Das ist keine Unterstützung. Das ist blanker Hohn“, reagiert die Frauensprecherin der Grünen, Meri Disoski, auf einen aktuellen Bericht des Standard über den mittlerweile zurückgezogenen Alleinerziehenden-Ratgeber des Familienministeriums.

„Alleinerziehende Frauen brauchen keine Nachhilfe in positivem Denken. Sie brauchen Geld, von dem sie und ihre Kinder leben können, und Kinderbetreuung, auf die sie sich verlassen können. Wer genau dort nicht ausreichend absichert und Frauen gleichzeitig ‚Erste Hilfe bei Selbstmitleid‘ empfiehlt, wälzt politische Verantwortung auf jene ab, die ohnehin jeden Tag alles stemmen müssen“, sagt Disoski.

Der Standard berichtet, dass die mit „Stand Jänner 2026“ versehene Broschüre inhaltlich bereits 2016 konzipiert wurde. Bei den Neuauflagen seien laut Familienministerium lediglich Links und einzelne Daten aktualisiert worden. Nach öffentlicher Kritik wurde sie nun offline genommen. Das Ministerium räumt selbst ein, dass die Formulierungen „so nicht in Ordnung“ sowie „Inhalte und Tonalität“ nicht mehr zeitgemäß seien.

„Dass Ministerin Bauer die Broschüre jetzt vom Netz nimmt, ist überfällig. Aber damit ist das eigentliche Problem nicht gelöst. Alleinerziehende brauchen keine neue Hochglanzbroschüre, sondern endlich verlässliche Unterstützung im Alltag. Wenn Familienleistungen real an Wert verlieren, Kinderbetreuung vielerorts nicht mit den Arbeitszeiten von Eltern zusammenpasst und selbst beim neuen Unterstützungsfonds kein Rechtsanspruch besteht, dann helfen keine gut gemeinten Tipps. Dann braucht es bessere Rahmenbedingungen“, sagt die Familiensprecherin der Grünen, Barbara Neßler.

Besonders schwer wiegt für die beiden Sprecherinnen, dass der problematische Ton nicht auf einzelne Formulierungen beschränkt bleibt. Der Ratgeber reproduziert wiederholt stereotype Vorstellungen von Frauen und Männern. In einem Familienbeispiel erklärt die Mutter von vier Kindern: „Meine Arbeit ist hier“, während der Vater von der Erwerbsarbeit nach Hause kommt und mit den Kindern eine „Runde Toben“ einlegt. Ein pubertierender Bub brauche laut Broschüre einen männlichen Erwachsenen als „Reibebaum“ zur Identitätsfindung.

„Mama kümmert sich, Papa tobt, Buben brauchen einen männlichen ‚Reibebaum‘ und Alleinerziehende bekommen ‚Erste Hilfe bei Selbstmitleid‘. Zehn Jahre lang wurden offenbar Links und Zahlen aktualisiert – nur das Frauenbild nicht. Dass solche Rollenklischees 2026 mit dem Stempel eines Bundesministeriums neu aufgelegt wurden, ist frauenpolitisch völlig inakzeptabel“, kritisiert Disoski.

Neßler kritisiert zudem die Auswahl der Unterhaltungsangebote in der Broschüre: „Als wären die Ratschläge nicht schon weltfremd genug, werden Alleinerziehenden auch noch Serien als Ablenkung empfohlen, die teilweise überhaupt nichts mit Alleinerziehen zu tun haben oder mit problematischen Geschlechterbildern arbeiten. Das zeigt zusätzlich, wie dringend eine grundlegende Überarbeitung nötig ist.“

Disoski und Neßler verlangen von Bauer außerdem Aufklärung darüber, wie die Neuauflage zustande kam: „Eine Broschüre nach öffentlichem Druck offline zu nehmen und eine Überarbeitung anzukündigen, erledigt die politische Verantwortung nicht. Ministerin Bauer muss erklären, wie diese Inhalte unter ihrer Verantwortung mit ‚Stand Jänner 2026‘ veröffentlicht werden konnten, wer die Neuauflage freigegeben hat und wie viel Steuergeld dafür verwendet wurde.“

Abschließend halten Disoski und Neßler fest: „Wertschätzung für Alleinerziehende schreibt man nicht ins Vorwort einer Broschüre. Sie zeigt sich daran, ob Frauen und ihre Kinder finanziell abgesichert sind, ob Kinderbetreuung verfügbar ist und ob Politik ihre Lebensrealität ernst nimmt. Genau daran muss sich Ministerin Bauer messen lassen.“

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