- 02.10.2026, 11:52:02
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WKÖ-Handelstag: Top-Vertreter aus Politik und Wirtschaft diskutieren aktuelle Herausforderungen im heimischen Handel
Hochkarätig besetzter Branchenevent widmete sich den Fragen, wie der Handel wettbewerbsfähig bleibt und auch in Zukunft ausreichend Fachkräfte findet
„Der heimische Handel ist eine wesentliche Säule der österreichischen Wirtschaft und Arbeitgeber für rund 556.000 Beschäftigte. Doch es gibt große Probleme, der Handel durchlebt mittlerweile sechs Jahre Dauerkrise. Wir brauchen daher Impulse und den Mut, wieder nach vorne zu gehen. Nur so werden wir auch in Zukunft wettbewerbsfähig sein“, sagte Rainer Trefelik, Obmann der Bundessparte Handel, zu Beginn des gestrigen Handelstags 2026, zu dem die Bundessparte in die Wirtschaftskammer Österreich eingeladen hatte. Damit sprach Trefelik auch gleich eines der Schwerpunktthemen des hochkarätig besetzten Branchenevents an: Unter dem Motto „Menschen, Kompetenzen, Perspektiven“ diskutierten Top-Vertreter:innen aus Politik und Wirtschaft, wie sich die Wettbewerbsfähigkeit des europäischen Handels sichern lässt sowie über Lösungen, um dem strukturellen Fachkräftemangel entgegenzuwirken.
Trefelik selbst fordert zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit eine Entschärfung neuer, belastender Regelungen wie beispielsweise der EU-Verpackungsverordnung, sodass endlich wieder mehr Zeit fürs Kerngeschäft bleibt: „Das heißt, keine 27 Bevollmächtigten, wenn man Pakete in der EU verschicken möchte und generell eine massive Entrümpelung diverser Regelungen. Wenn wir den Wandel erfolgreich bewältigen wollen, mit dem die gesamte Wirtschaft und insbesondere der Handel konfrontiert ist, brauchen wir Optimismus und nicht massive Hürden durch Bürokratie“, so der Handelsobmann.
WKÖ-Vizepräsident Andreas Herz, der den Event gemeinsam mit Rainer Trefelik eröffnete, sieht den Handel mit drei Transformationen konfrontiert, bedingt durch die Geopolitik, die Digitalisierung sowie die Demografie. „Als Antwort auf geopolitische Krisen müssen Resilienz, Versorgungssicherheit, stabile Lieferketten und internationale Wettbewerbsfähigkeit gemeinsam gedacht werden. Zudem sind Investitionen in digitale Infrastruktur, Forschung, KI sowie digitale Kompetenzen entscheidend und wir müssen Bildung, Lehre und lebenslanges Lernen stärken“, so Herz. Wichtig sei, „den Wandel mit Mut, Innovation und Vertrauen in die Menschen“ zu gestalten. „Österreich soll nicht Getriebener des Wandels, sondern Gestalter der Zukunft sein“, betont Herz.
Neue Unordnung als Chance für Europa nutzen
Chancen dazu, gestaltend tätig zu sein, sind laut Johannes Hahn, Präsident der Oesterreichischen Nationalbank, für Österreich und vor allem Europa als Ganzes vorhanden: „Die `Unordnung´ in der Welt ist eine große Chance für Europa, Ordnung zu schaffen. Ordnung durch den Abschluss von Freihandelsabkommen mit einer Vielzahl von Partnern, die die Verlässlichkeit und Berechenbarkeit von Europa schätzen. Ein Netzwerk von bilateralen Handelsverträgen schafft neue Handelsmöglichkeiten – mit der Fakturierung in Euro eine zusätzliche Souveränitätsdimension“, so Hahn.
Prominente Händler wünschen sich aktive Gestaltung u.a. in den Bereichen Energiepreise, Level Playing Field und allen voran durch Abbau von Bürokratie. Ernst Mayr, CEO von Fussl Modestraße und Franz Koll, CEO von Intersport Austria, kritisierten die Komplexität und den Aufwand, den diverse, meist europäische Verordnungen mit sich bringen. „Ich versuche alles einzuhalten, aber es ist mittlerweile so kompliziert, dass man das kaum noch schaffen kann“, waren sich Mayr und Koll einig.
Die Kritik der Praktiker stieß bei Marion Walsmann, Abgeordnete zum Europäischen Parlament und Florentine Hopmeier, stv. Leiterin der Europäischen Kommission in Wien, auf offene Ohren: „Unternehmen müssen innerhalb der EU einfacher wachsen, investieren und grenzüberschreitend handeln können. Das bedeutet: Gold-Plating zurückdrängen, Bürokratie abbauen, Verwaltungsprozesse digitalisieren und europäische Regeln einheitlicher anwenden“, bekräftigte EU-Abgeordnete Marion Walsmann (CDU).
Lebensmittelhandel: Druck auf Preise sowie auf Margen
Um das Spannungsfeld zwischen Verantwortung, Preis und Konsumentenvertrauen, in dem sich der Lebensmittelhandel bewegt, ging es anschließend im Talk zum Schwerpunktthema Lebensmittelhandel. Severin Gruber, Generalsekretär im Wirtschaftsministerium, umriss kurz, welche Maßnahmen die Bundesregierung zur Bekämpfung der Inflation getroffen hat, die den Lebensmittelhandel betreffen. Dazu zählen u.a. das Anti-Mogelpackungs-Gesetz gegen „Shrinkflation“ sowie die Mehrwertsteuersenkung auf Grundnahrungsmittel.
Rainer Trefelik wies dabei darauf hin, dass die Margen des Lebensmittelhandels bereits mehrfach geprüft sind und jede weitere Maßnahme neue Bürokratie und Zusatzkosten bedeutet, ohne echten Mehrwert für die Konsument:innen zu bringen. Gerade für kleine Nahversorger, so betonte Hannes Wuchterl, Geschäftsführer von Nah & Frisch, ist jeglicher Zusatzaufwand kaum noch zu stemmen. Aber auch den größeren Playern kosteten die Maßnahmen viel Zeit und Geld. Erich Szuchy, Vorstandsvorsitzender von Billa, plädiert daher dafür, politische Maßnahmen frühzeitig mit jenen abzustimmen, die sie auch umzusetzen haben. Auch wenn es gelungen sei, Mehrwertsteuersenkung auf Grundnahrungsmittel und andere Maßnahmen zeitgerecht und vollständig umzusetzen, wie auch die Bundeswettbewerbsbehörde bestätigt hat, sei eine stärkere Einbindung der Unternehmen wünschenswert. Gabriele Zgublic-Engleder, Abteilungsleiterin Konsumentenpolitik der Arbeiterkammer Wien, beurteilte die Maßnahmen aus Konsumentensicht.
Menschliches Potenzial als Erfolgsfaktor: HBB-Qualifikationen stärken die Branche
Im Themenblock „Zukunftskompetenzen im Handel“ widmet sich zunächst Strategieberater und Trendforscher Franz Kühmayer in seiner Keynote der Bedeutung menschlicher Kompetenzen in Zeiten des technologischen Wandels: „Wir erleben gerade ein massives Technologie-Upgrade, aber gleichzeitig vielerorts einen Human Downgrade: mehr Bürokratie, engere Spielregeln, weniger Entscheidungsspielraum. Doch Technologie allein schafft weder Transformation noch Kundennutzen. Deshalb müssen wir diese Entwicklung umkehren: Wir brauchen ein Human Upgrade.“ Das bedeute: „Wenn Maschinen immer bessere Maschinen werden, müssen wir Menschen immer bessere Menschen werden“, so Kühmayer. Denn 40 Prozent der heutigen Skills werden sich bis 2030 grundlegend verändern.
Melina Schneider, Leiterin der Bildungspolitischen Abteilung der WKÖ, sprach über die „Pionierleistung Höhere Berufliche Bildung“ (HBB) und betonte dabei, dass die drei aufeinander aufbauenden HBB-Qualifikationen, die der Handel entwickelt hat, den Fachkräften praxisnah und berufsbegleitend neue Karrierechancen eröffnen. Das werte die Lehre enorm auf und bedeute für Betriebe zusätzliche Möglichkeiten, zu qualifizierten Fach- und Führungskräften zu kommen.
Auch die Teilnehmer des anschließenden Panels „Berufschancen im Handel“ waren sich einig, dass die HBB neue, spannende Perspektiven für Mitarbeitende im Handel biete und außerdem die Mitarbeiterbindung stärken kann. Mit dabei waren Thomas Spann, Leiter des Transformations- und Reformprozesses der WKÖ, Raimund Lainer, Leiter Personalentwicklung bei SPAR Österreich, Johannes Kopf, Vorstandsvorsitzender des AMS Österreich, Bernhard Arbeiter, Bereichsleitung Personalmanagement bei Hartlauer, sowie Anna Tritscher, die erste Teilnehmerin der WorldSkills aus dem Handel, über Karrierewege, Fachkräfteentwicklung, Qualifizierung und die Chancen, die der Handel als Arbeitgeber bietet.
Dabei betonte Johannes Kopf: „Der Konjunkturaufschwung kommt langsam am Arbeitsmarkt an, im Handel ist die Erholung bislang aber noch verhalten. Ende September waren 56.903 Menschen aus dem Handel arbeitslos oder in Schulung vorgemerkt, um 4,0 Prozent mehr als vor einem Jahr. Auch die Beschäftigung war zuletzt noch leicht rückläufig: Ende August waren 534.417 Menschen im Handel unselbständig beschäftigt, um 0,1 Prozent weniger als im Vorjahr. Gleichzeitig bleibt der Handel aber einer der wichtigsten Arbeitgeber Österreichs. Umso wichtiger ist es, jungen Menschen attraktive Perspektiven und sichtbare Karrierewege zu bieten: Eine Lehre kann der Einstieg in eine Karriere sein, die über Weiterbildung und höhere berufliche Qualifikationen bis hin zu Führungsverantwortung führt.“
Außerdem stand die moderne Arbeitsplatzkultur im Fokus des Handelstags. Max Lammer, Employee-Experience-Experte, erläuterte, wie Betriebe Arbeitsplätze und Unternehmenskultur an die Erwartungen und Bedürfnisse der Beschäftigten anpassen können und welche Rolle Employee Experience für Motivation und den Erfolg von Unternehmen spielt.
Digitale Kompetenzen als zentraler Wettbewerbsfaktor
Wo die heimischen Handelsunternehmen in Bezug auf Digitalisierung stehen, beleuchtete Iris Thalbauer, Geschäftsführerin der Bundessparte Handel: „Bereits 2030 sollen in Europa 70% der Wertschöpfung auf digitale Schlüsseltechnologien zurückzuführen sein. Österreich ist bei den digitalen Grundkompetenzen gut und liegt über dem EU-Schnitt, bei Schlüsseltechnologien wie etwa KI oder Cloudlösungen haben wir aber Aufholbedarf. Dabei gibt es hier gerade für den Handel enormes Potenzial, von der Sortimentsgestaltung bis zu Lagerhaltung.“ Thalbauer zufolge sind viele Handelsbetriebe auch schon sehr weit, manche aber wagen sich erst langsam an das Thema heran. Diesen rät sie, sich Unterstützung zu holen: „Hier gibt es unheimlich viel, die Wirtschaftskammer unterstützt in Form von Webinaren, Workshops oder persönliche Beratung. Entscheidend ist, einfach anzufangen“, betont Thalbauer.
Die Bedeutung digitaler Kompetenzen bestätigten auch Ida Lindner, Absolventin und E-Commerce-Expertin bei Frey Wille, Daniel Schuster, Lehrlingsbeauftragte für den Lehrberuf E-Commerce-Kaufmann/-frau, Yorck von Mirbach, Country Leader Amazon Österreich & Schweiz, und Robert Zniva, Studiengangsleiter Retail & Technology an der FH Salzburg, in der anschließenden Diskussion darüber, welche Qualifikationen der Handel künftig braucht und welche Perspektiven der Handel jungen Menschen bietet. Denn feststeht, dass der Handel, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, auch künftig eine starke Lehre braucht.
Starke Lehre für die Fachkräfte von morgen
Um die Verbindung von Lehre mit digitalen Kompetenzen ging es schließlich bei der feierlichen Preisverleihung des Lehrlingshackathons Handel Edition, die den krönenden Abschluss des Handelstags2026 darstellte. Gemeinsam mit Elisabeth Zehetner und Bundesspartenobmann Rainer Trefelik wurden die besten digitalen Projekte von Lehrlingen ausgezeichnet und die Leistungen der Teams gewürdigt.
„Eine starke Lehre ist ein Gewinn für junge Menschen und für unseren Wirtschaftsstandort. Wir brauchen Fachkräfte, die fachlich bestens ausgebildet sind und gleichzeitig offen für neue Technologien, neue Ideen und neue Lösungen sind. Deshalb stärken wir die Lehre als modernen Bildungs- und Karriereweg – von der digitalen Ausbildung bis hin zu neuen berufspraktischen Qualifikationen und klaren Entwicklungsmöglichkeiten“, betonte dabei Staatssekretärin Elisabeth Zehetner. (PWK502/DFS)
Zur Foto-Rückschau auf den Handelstag 2026, der von Ina Sabitzer moderiert und von WKÖ-Experten sowie Pianist & Comedian Roman Seeliger am Klavier begleitet wurde, geht es hier
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