- 30.09.2026, 10:56:03
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Genomdaten bestätigen: eurasische und amerikanische Habichte sind verschiedene Arten

Im Naturhistorischen Museum Wien wurde in einer systematischen Analyse eine lang diskutierte taxonomische Frage beantwortet: Der Eurasische Habicht (Astur gentilis) und der Amerikanische Habicht (Astur atricapillus) sind zwei eigenständige Arten.
Untersucht wurden genomweite Daten – mehrere zehntausend genetische Merkmale, sogenannte SNPs (single nucleotide polymorphisms) – von mehr als 50 geografisch und taxonomisch ausgewählten Vögeln. Die DNA stammte überwiegend aus historischen Präparaten naturkundlicher Sammlungen. Dieser Forschungsansatz wird als Museomics bezeichnet.
Die Analyse zeigt überraschend, dass der Eurasische Habicht mit zwei untersuchten Arten aus Afrika und Madagaskar enger verwandt ist als mit dem morphologisch und ökologisch viel ähnlicheren Amerikanischen Habicht. Damit werden frühere Ergebnisse basierend auf mitochondrialer DNA sowie bioakustische Befunde bestätigt und erheblich erweitert.
In der biologischen Systematik und Taxonomie wird die Biodiversität unseres Planeten untersucht und klassifiziert. Die Art nimmt im biologischen System dabei eine Schlüsselstellung ein. Sie dient als Einheit vieler anderer Disziplinen, wie etwa der Ökologie oder der Naturschutzbiologie. Die Erforschung von Artgrenzen ist deshalb von großer Relevanz, auch wenn diese Grenzen oft fließend sind.
Eine neue Studie des Naturhistorischen Museums Wien und der Universität für Bodenkultur Wien hat nun mithilfe modernster genetischer Methoden zeigen können, dass der Eurasische Habicht (Astur gentilis), der mit über 1000 Brutpaaren auch in Österreich weit verbreitet ist, und der Amerikanische Habicht (Astur atricapillus) eindeutig als zwei eigenständige Arten anzusehen sind. Die Studie nutzt erstmals genomweite Daten (sogenannte SNPs) aus historischen Museumsexemplaren über das gesamte Verbreitungsgebiet des Habichts hinweg und schließt damit eine zentrale Wissenslücke in der Greifvogel-Taxonomie.
Die neuen Ergebnisse bestätigen und erweitern jene Erkenntnisse, die bereits 2019 in einer ebenfalls am Naturhistorischen Museum Wien entstandenen Studie auf Basis von mitochondrialer DNA gewonnen wurden (https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/jzs.12285). Gemeinsam mit bioakustischen Analysen anderer Wissenschaftler*innen waren es diese Arbeiten, die maßgeblich dazu beitrugen, dass internationale Fachgremien den weltweiten Artstatus der Habichte überarbeiteten und „den“ Habicht nun in zwei unterschiedliche Arten aufteilten.
Die Frage, ob amerikanische und eurasische Habichte als eine oder zwei Arten zu behandeln sind, beschäftigt die Wissenschaft seit Jahrzehnten. Bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden die beiden Arten teils getrennt, teils gemeinsam geführt; durchsetzen konnte sich letztlich die Auffassung einer einzigen über weite Teile der Nordhalbkugel verbreiteten Art. In den vergangenen Jahren wurde die alte Frage mit neuen Methoden erneut aufgegriffen – und nun mit klaren Daten basierend auf mehreren zehntausend Merkmalen aus dem gesamten Erbgut beantwortet. Hierfür wurden von Habichtpräparaten aus dem NHM Wien und anderen Sammlungen Proben genommen, aus denen dann DNA extrahiert und analysiert wurde.
Dieser als Museomics bezeichnete Ansatz ist einer der Forschungsschwerpunkte am NHM Wien und zeigt, wie wichtig naturkundliche Sammlungen für die biologische Grundlagenforschung sind. Ohne sie wäre diese Studie nicht möglich gewesen, bei der nicht nur die beiden erwähnten Habichtarten über die gesamte Nordhalbkugel hinweg beprobt wurden, sondern zum Vergleich auch zwei ihrer nächstverwandten Arten aus Afrika und Madagaskar, so dass letztendlich über 50 taxonomisch und geografisch ausgewählte Vögel in die Auswertung eingingen.
Die genetische Verwandtschaftsanalyse ergab, dass die beiden bisher als eine gemeinsame Art geführten und äußerlich sowie ökologisch sehr ähnlichen Habichtlinien sich innerhalb der Gruppe der Habichte nicht einmal besonders nahestehen: Tatsächlich ist unser Eurasischer Habicht mit den beiden afrikanischen Arten trotz vieler Unterschiede näher verwandt als mit seinem nordamerikanischen Vetter.
„Unsere genomischen Analysen zeigen, dass Eurasischer und Amerikanischer Habicht nicht nur geographisch, sondern auch genetisch klar getrennte Linien darstellen“, sagt Studienerstautor Florian Kunz. „Die deutliche genetische Divergenz, die wir im gesamten Genom nachweisen, bestätigt, dass es sich um zwei eigenständige Arten handelt – mit unmittelbaren Konsequenzen für Taxonomie, Naturschutz und Rechtslage.“
„Wie wir Arten abgrenzen, ist keine rein akademische Frage“, betont Min Chai, gemeinsam mit Kunz Ko-Erstautorin der Arbeit. „Artkonzepte haben direkte Auswirkungen darauf, wie wir Biodiversität erfassen, wie wir Populationen schützen und welche rechtlichen Instrumente greifen.“
Die Neubewertung betrifft nicht nur die wissenschaftliche Benennung. Rote Listen, Naturschutzgesetze und andere rechtliche Regelwerke, in denen beide Habichte teilweise noch als eine Art geführt werden, müssen entsprechend angepasst werden. Für Vogelbeobachter bedeutet die Aufteilung außerdem, dass nun zwei getrennt zu dokumentierende Arten anerkannt sind.
Originalpublikation: Kunz, F., Chai, M., Schwentner, M., Zachos, F. E., Kapun, M., Haring, E., “Goshawk genomics: Genome-wide single nucleotide polymorphisms (SNPs) confirm species status of Astur gentilis and Astur atricapillus” (Zoologica Scripta 2026) DOI: 10.1111/zsc.70083
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Allgemeine Info
Weltweit werden gegenwärtig rund 11.000 Vogelarten in knapp 20.000 Unterarten unterschieden. Die Vogelsammlung des NHM Wien beherbergt davon etwa 75 Prozent aller Arten. Insgesamt werden im NHM Wien über 130.000 Vogelbelege aus aller Welt aufbewahrt. Seit 29. September 2026 präsentieren sich die Vogelschausäle 29 und 30 des Naturhistorischen Museums Wien in neuem Glanz! Mehr als 1.000 Vogelpräparate wurden entstaubt, frisiert und zum Teil neu präpariert. Böden wurden saniert, die Elektrik erneuert und die historischen Deckengemälde sowie denkmalgeschützte Vitrinen fachgerecht restauriert.
Wissenschaftlicher Rückfragehinweis
Dr. nat. techn. Florian Kunz, MSc
Universität für Bodenkultur Wien, Institut für Wildbiologie und Jagdwirtschaft
Tel.: +43 1 47654-83220 I [email protected]
Rückfragen & Kontakt
Naturhistorisches Museum Wien
Mag. Irina Kubadinow
Leiterin Presse & Öffentlichkeitsarbeit, Pressesprecherin
Tel.: +43 1 521 77-410 | [email protected]
Mag. Klara Vakaj
Pressereferentin
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