- 20.07.2026, 09:07:32
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Demokratie lebt von Vielfalt: Was bedeutet das Volksgruppengesetz für die junge Generation?
"teilhaben teilsein" widmet sich der Frage, wie Minderheitenrechte und demokratische Teilhabe erlebt werden
Das Parlament versteht sich als Zentrum von Beteiligung und Teilhabe von in Österreich lebenden Menschen. Davon umfasst sind die Volksgruppen, deren Rechte im Volksgruppengesetz geregelt sind. Am 7. Juli, an dem sich dessen Beschluss zum 50. Mal jährte, wurde es vom Nationalrat novelliert und die sechs autochthonen Volksgruppen verfassungsrechtlich verankert. Welche Bedeutung haben die rechtlichen Grundlagen für die junge Generation heute?
Gesetzliche Anerkennung
In Österreich leben sechs anerkannte autochthone Volksgruppen: die slowenische, kroatische, ungarische, tschechische und slowakische Volksgruppe sowie die Volksgruppe der Roma. Sie sind österreichische Staatsbürgerinnen und Staatsbürger mit eigener Sprache, Kultur und Geschichte. Das Volksgruppengesetz definiert sie als jene "in Teilen des Bundesgebietes wohnhaften und beheimateten Gruppen österreichischer Staatsbürger mit nichtdeutscher Muttersprache und eigenem Volkstum". Erst seit dem kürzlichen Nationalratsbeschluss werden darin alle sechs Volksgruppen - in Form einer Verfassungsbestimmung - namentlich genannt.
Dem ursprünglichen Beschluss des Volksgruppengesetzes 1976 gingen jahrzehntelange Anstrengungen um Anerkennung voraus. Es wurde ein eigener Unterausschuss eingerichtet, der sieben Mal tagte, um entsprechende Gesetzesentwürfe - darunter auch eine Volkszählungsgesetz-Novelle zur "geheimen Erhebung der Muttersprache" - vorzuberaten, bevor sie der Verfassungsausschuss einhellig an den Nationalrat weiterleitete. Auch dort wurden die Beschlüsse einstimmig gefasst. Niemals zuvor sei über die Probleme der Volksgruppen so intensiv und umfassend beraten worden, sagte der damalige Bundeskanzler Bruno Kreisky im Plenum. Nur so sei es möglich gewesen, eine Übereinstimmung aller damals im Parlament vertretenen Parteien - SPÖ, ÖVP und FPÖ - herbeizuführen.
Geförderte Angebote werden vermehrt von der Jugend angenommen
Das Volksgruppengesetz bildet seither die Grundlage für die Volksgruppenförderung, worüber die Bundesregierung jährlich berichtet. Durch die Nachwuchsförderung werden Vereine, aber auch etwa Jugend- und Ferienlager unterstützt. Sportangebote würden sich am besten dazu eignen, die Volksgruppenjugend zu erreichen, heißt es im Volksgruppenbericht. Der Sport werde von den Jugendlichen als attraktives Umfeld zur Förderung des alltäglichen Sprachgebrauchs wahrgenommen. Am wenigsten für die Jugend geeignet seien die geförderten Medienangebote, wobei sich das langsam bessere. Der Anteil an jugendlichen Teilnehmenden an den geförderten Volksgruppenaktivitäten würde sich generell weiter erhöhen. Künftig sollen im Bericht die Volksgruppenbeiräte selbst zu Wort kommen.
Die Teilhabe an Vereinsaktivitäten hat auch einen demokratiepolitisch bedeutsamen Aspekt. Insbesondere Jugendorganisationen spielen bei der Förderung demokratischer Kompetenzen eine Rolle, wie Sophie Hajszan sagt. Die Burgenlandkroatin engagiert sich nicht nur auf nationaler Ebene - sie ist Präsidentin des Kroatischen Akademischen Klubs - sondern auch in der Mitgliederintegration der Jugend Europäischer Volksgruppen. "Organisierte Jugend ist ein Weg, wie man die Macht mehrerer Menschen nutzen kann, die eigenen Interessen nach außen zu kommunizieren und durchzusetzen. Eine gesunde Demokratie braucht dabei den Diskurs mit Stimmen aus verschiedensten Bereichen, die volksgruppennahen Jugendorganisationen mit inbegriffen", sagt sie. Weiterentwickelt werden sollte das Volksgruppengesetz ihrer Meinung nach in Bezug auf das Territorialprinzip. Es sollte gelockert werden, da junge Volksgruppenangehörige vermehrt außerhalb des historischen Siedlungsgebiets leben. Als wichtiges Zukunftsthema erachtet sie außerdem die Stärkung der schulischen Bildung zur Bewusstseinsbildung - nicht nur innerhalb der Minderheit, sondern auch in der Mehrheitsbevölkerung.
Mehrsprachigkeit als Selbstverständlichkeit?
Das Parlament bemüht sich um die Sichtbarkeit der autochthonen Volksgruppen. Im Demokratikum ist ihnen dieses Jahr die Ausstellung "Wir sind Demokratie" gewidmet. Es gibt auch spezielle Führungen sowie Demokratiewerkstätten mit Volksgruppenschwerpunkt.
Bei einem Parlamentsbesuch von Schülerinnen und Schüler der mehrsprachigen Komensky-Schule wird deutlich, dass die jugendlichen Volksgruppenangehörigen ihre Mehrsprachigkeit als Selbstverständlichkeit wahrnehmen. In ihren Gesprächen wechseln sie fließend zwischen Deutsch und Tschechisch. Bei der Führung durch das Parlamentsgebäude interessiert sie vor allem der historische Sitzungssaal und wie die Nationalitätenkonflikte im Plenarsaal des ehemaligen Abgeordnetenhauses des Reichsrates vor über hundert Jahren ausgetragen wurden. Im "Vielvölkerparlament" wurden neun Sprachen gesprochen, Deutsch besaß bis zum Ende der Monarchie allerdings eine klare Vorrangstellung als Verhandlungssprache, obwohl es keine offizielle Regelung gab, die diese Praxis rechtlich fixierte. Und heute? Eine Schülerin meint, wenn sie Abgeordnete wäre, würde sie Plenarreden auf ihrer Volksgruppensprache, Tschechisch, halten wollen. Das ist möglich, wird aber in der gegenwärtigen Praxis selbst von volksgruppenangehörigen Abgeordneten - mit Ausnahme von Begrüßungsworten - kaum wahrgenommen.
An den Workshops der Demokratiewerkstatt nehmen auch Schulklassen ohne Volksgruppenhintergrund teil, um sich in den Gesprächen mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen mit der Thematik auseinanderzusetzen. Nicht allen von ihnen war die gesetzliche Anerkennung der Volksgruppen überhaupt bewusst. Ihr Interesse galt vorrangig dem Sprachgebrauch der Volksgruppenangehörigen, insbesondere im Zusammenhang mit Identitätsbewusstsein. So meinte etwa der Vorsitzende des Volksgruppenbeirates der Roma Emmerich Gärtner-Horvath zu den Jugendlichen, dass er die Nutzung einzelner Wörter einer Volksgruppensprache - etwa wenn Abgeordnete auf Romanes grüßen - als einen Ausdruck der Wertschätzung empfinde. In seiner Jugend habe er nämlich noch eine Sanktionierung seiner Erstsprache erlebt.
Gemeinsam mit seiner Tochter, der Pädagogin Sarah Gärtner-Horvath setzt er sich dafür ein, dass Romanes in Zukunft als Schulfach angeboten werden kann. Grundsätzlich wäre eine Novellierung des Volksgruppengesetzes hinsichtlich des Volksgruppensprachunterrichts aus ihrer Sicht wünschenswert. Auch der Jurist und Kärtner Slowene Franz Sturm wurde von Schülerinnen und Schülern nach Zukunftsperspektiven gefragt. Das Volksgruppengesetz sollte in den nächsten 50 Jahren andere Schwerpunkte haben als im letzten halben Jahrhundert, meinte er. Wenn man Minderheiten erhalten will, müsse man sie fördern.
Das sieht auch die ehemalige Nationalratsabgeordnete Terezija Stoisits so. Die Burgenlandkroatin hat einen ambivalenten Zugang zum Volksgruppengesetz und meint, das Jubiläum hätte zum Anlass genommen werden sollen, es völlig neu zu schreiben. Die Mehrsprachigkeit sei ihrer Meinung nach so gefährdet wie noch nie. Umso positiver stimmt sie, dass mit dem Schuljahr 2027/28 eine zweisprachige Volksschule (Kroatisch/Deutsch) in Wien starten soll. An die Teilnehmenden des Generationen-Workshops hatte sie eine klare Botschaft: bei jeder Möglichkeit demokratischer Teilhabe mitzumachen. (Schluss) fan
HINWEIS: Unter dem Titel "teilhaben teilsein" rückt das Parlament die gesellschaftspolitische Teilhabe von jungen Menschen in den Mittelpunkt. Mehr Informationen zum Jahresschwerpunkt 2026 finden Sie unter www.parlament.gv.at/jahresschwerpunkt. Eine Auswahl von Fotos aus den Angeboten des Parlaments für junge Menschen finden Sie im Webportal des Parlaments.
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