- 15.07.2026, 13:07:33
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Proteine im Trend: Hype für Paradigmenwechsel nutzen
f.eh-Business Breakfast: Protein übernimmt zahlreiche Funktionen im Körper und ist Trend-Nährstoff. Zufuhr ist meist ausreichend, Fokus auf tierische Proteine greift aber zu kurz.
Beim aktuellen Business Breakfast des forum. ernährung heute (f.eh) diskutierten Ao. Univ.-Prof. Dr. Cem Ekmekcioglu (Medizinische Universität Wien), Mag. Hanni Rützler (futurefoodstudio Wien) und DI Georg Sladek (Agro Innovation Lab, RWA) den Stellenwert von Protein für Gesundheit und Ernährungssystem. Ihr Fazit: Die Evidenz widerlegt den Hype um immer höhere Eiweißmengen. Entscheidend sind bedarfsgerechte Ernährung, qualitativ hochwertige Proteinquellen, eine gleichmäßige Verteilung über den Tag sowie regelmäßige Bewegung. Der Protein-Hype birgt aber eine Chance, wenn ein Wandel weg vom steigenden Konsum tierischer Proteine hin zu pflanzlichen gelingt und damit eine Adaption des Ernährungssystems. Schlüssel dafür liegen in der Vermittlung von wissenschaftlich fundierten Informationen, umfassender Ernährungs- und Verbraucherbildung und innovativen Angeboten, so f.eh-Geschäftsführerin Dr. Marlies Gruber.
Proteine werden aus 20 Aminosäuren gebildet, von denen neun unentbehrlich sind und täglich für die körpereigene Proteinsynthese über die Nahrung aufgenommen werden müssen. Sie bilden die Grundlage für Enzyme, Hormone sowie Muskulatur und Immunsystem, die von einer Protein-Energie-Mangelernährung besonders beeinträchtigt werden. Daher wirken aktuelle Meldungen beängstigend, wonach die Bevölkerung generell unzureichend mit Eiweiß versorgt sei.
Bedarf gedeckt, Hype überzogen
Die Evidenz zeichnet ein anderes Bild. Denn die Empfehlung für Erwachsene von 0,8 g/kg Körpergewicht (KG) enthält bereits einen Sicherheitszuschlag. Für Ältere liegt der Schätzwert für die ausreichende Aufnahme bei 1,0 g/kg KG, bei aktiven Menschen mit mehr als 5 Stunden Sport pro Woche bei 1,2 bis 2,0 g/kg KG. „Tatsächlich liefert eine abwechslungsreiche Mischkost mit Fleisch, Fisch, Eiern und Milchprodukten in der Regel ausreichend Eiweiß. Die Proteinzufuhr in Österreich liegt im Durchschnitt sogar über der Empfehlung. Es besteht daher kein Bedarf an proteinangereicherten Produkten oder Nahrungsergänzungsmitteln“, betont Cem Ekmekcioglu.
Mehr bringt nicht mehr: Mit steigender Zufuhr nimmt bei gleichzeitigem Krafttraining die Muskelmasse zu, erreicht jedoch bei etwa 1,6 g/kg KG ein Plateau. Höhere Mengen wie die in den sozialen Medien propagierten 2-3 g/kg KG bringen wahrscheinlich keinen Zusatznutzen. Eine eiweißreiche Ernährung kann aber die Gewichtsabnahme unterstützen, da der Körper für die Verdauung und Verstoffwechselung von Proteinen mehr Energie benötigt als für Kohlenhydrate oder Fette. Zudem fördern Aminosäuren im oberen Dünndarm die Ausschüttung diverser Sättigungshormone. Nachteilige Effekte einer gesteigerten Aufnahme sind bei Gesunden nur indirekt über einen etwaig hohen Verzehr von rotem Fleisch und Wurst zu beobachten. Vorsicht ist bei Menschen mit Nierenerkrankungen gegeben.
Relevant: Qualität, Timing und Bewegung
Neben der Gesamtmenge beeinflussen Proteinqualität und Timing der Aufnahme die effiziente Umwandlung von Nahrungs- in körpereigenes Protein. Hohe Werte weisen Vollei, Molkenprotein und Milch, Rindfleisch sowie Soja auf. Besonders günstig sind Kombination wie Ei und Kartoffeln, Milch und Mehl oder – rein pflanzlich – Hülsenfrüchte und Getreide. Entscheidend ist auch das Timing: Die Muskelproteinsynthese wird bereits mit 20 bis 30 g Protein pro Mahlzeit optimal stimuliert wird. Eine gleichmäßige Verteilung auf drei Mahlzeiten ist daher effizienter als eine einmalige hohe Eiweißzufuhr. Hinzu kommt Bewegung: „Bereits moderate Kraftübungen in Verbindung mit einem zügigen Spaziergang oder leichtem Radfahren führen dazu, dass das aufgenommene Protein effizienter in Muskelprotein eingebaut wird als bei völliger Ruhe“, so Cem Ekmekcioglu.
Hunger nach Protein verlangt Umdenken und Innovation
Longevity, gesundes Altern und Selbstwirksamkeit prägen aktuell das Essverhalten vieler und Protein wird dadurch zum Symbol eines aktiven und gesundheitsorientierten Lebensstils, so Hanni Rützler: „Gemeinsam mit Entwicklungen wie GLP-1-Medikamenten zur Gewichtsreduktion, dem wachsenden Wunsch nach individueller Gesundheitsoptimierung sowie dem veränderten Gesundheitsverständnis seit der Corona-Pandemie kann der Proteintrend einen Wandel des Ernährungsverhaltens markieren.“ Dazu zählt auch, dass der Proteintrend statt dem Verzichtscredo früherer Ernährungskonzepte zu „mehr“ als Teil einer ausgewogenen Ernährung animiert. Doch damit steigt auch der Verzehr tierischer Proteine wie Cottage Cheese, Naturjoghurt, Fleisch oder Eier wieder an. Das öffnet eine Lücke zwischen Konsumverhalten und langfristigen Zielen für ein nachhaltiges Ernährungssystem. „Aus ernährungs- und umweltwissenschaftlicher Sicht besteht aber ein Konsens, dass eine stärkere Orientierung zu pflanzlichen Proteinquellen nötig ist. Um Gesundheit und Nachhaltigkeit besser zu verbinden, braucht es innovative Lösungen entlang der Wertschöpfungskette. So entsteht etwa eine neue Generation pflanzlicher Lebensmittel, die sich nicht mehr ausschließlich als Fleischersatz versteht, sondern als eigenständige Produktkategorie“, betont Hanni Rützler.
In der Landwirtschaft verändern Klimawandel, längere Trockenperioden und häufigere Wetterextreme die Produktionsbedingungen für Pflanzen. Europa hat zudem eine hohe Importabhängigkeit bei Eiweißfuttermitteln. Versorgungssicherheit und nachhaltige Proteinproduktion werden daher künftig noch stärker miteinander verknüpft sein. „Die Landwirtschaft und auch Proteinpflanzen stehen vor massiven Herausforderungen – speziell dem Klimawandel. Die letzten heißen Sommer als auch das trockene Frühjahr haben das spürbar gezeigt. Zum einen züchten wir hin zu Klimaresilienz beispielsweise bei der Sojabohne, um Ertragsstabilität zu gewährleisten, und zum anderen können auch andere Proteinpflanzen wie die Ackerbohne eine stärkere Rolle spielen. In Europa haben wir jedenfalls eine Eiweißlücke, speziell was Futtermittel betrifft. Da braucht es neben guten Pflanzensorten viele neue Ansätze, egal ob in der landwirtschaftlichen Produktion oder der Verarbeitungsindustrie, um die Proteinversorgung für Mensch und Tier zu gewährleisten. Das geht von Fermentation über neue Vermahlungstechnologien, alternativen Proteinquellen bis hin zur optimierten Nutzung von Nebenströmen“, so Georg Sladek. Entscheidend wird sein, sie verständlich zu kommunizieren und Akzeptanz aufzubauen.
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