- 08.07.2026, 11:50:32
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Gewerbe und Handwerk: Betriebe brauchen Entlastung, Energie-Resilienz und Rückenwind für die Lehre
„Wir kommen nicht vom Fleck“ - WKÖ-Denk fordert angesichts schwacher Konjunkturdaten rasche Standortimpulse, damit Betriebe wieder investieren, ausbilden und wachsen können
Die Erholung wurde in der Straße von Hormus versenkt. Nach dem ersten Quartal 2026 hatte sich, ausgehend von Aufträgen in der Bauwirtschaft, eine zarte konjunkturelle Erholung für das Gewerbe und Handwerk abgezeichnet. Der Konflikt im Nahen Osten, stark gestiegene Energiepreise und die Rückkehr der hohen Inflation machten diese Erwartungen zunichte. „Die aktuellen Konjunkturdaten bestätigen leider, was viele unserer Betriebe im Alltag spüren. Wir kommen nicht vom Fleck“, sagte Manfred Denk, Obmann der Bundessparte Gewerbe und Handwerk in der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ), am Mittwoch beim vierteljährlichen Pressegespräch.
Die Konjunkturbeobachtung der KMU Forschung Austria zeigt: Im ersten Quartal 2026 sind die Auftragseingänge bzw. Umsätze nominell um 2,1 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal zurückgegangen. Real (mengenmäßig) ergibt sich ein Minus von 4,6 Prozent. Knapp ein Viertel der Betriebe meldete Steigerungen, ein Drittel Rückgänge; 43 Prozent lagen auf Vorjahresniveau. „Die Lage ist heterogen, insgesamt aber ohne erkennbare Dynamik. Besonders in den konsumnahen Branchen spüren wir die Kaufkraftzurückhaltung der Haushalte, während im Baubereich nach wie vor die notwendige Investitionsdynamik fehlt“, analysierte Christina Enichlmair von der KMU Forschung Austria.
Geschäftslage im negativen Bereich
Im zweiten Quartal bleibt das Stimmungsbarometer per Saldo negativ. 22 Prozent der Betriebe beurteilen ihre Geschäftslage als gut, 30 Prozent als schlecht; knapp die Hälfte meldet eine saisonübliche Lage. Der Saldo ist mit -8%-Punkten zwar weiterhin negativ, es ist jedoch ein leichter Aufwärtstrend erkennbar (Saldo Vorquartal -12%-Punkte).
Bei den investitionsgüternahen Branchen verzeichneten im zweiten Quartal 2026 die Hafner, Platten-, Fliesenleger und Keramiker ein Plus im Auftragsbestand von 10,1 Prozent – allerdings ausgehend von starken Rückgängen (-16 Prozent) im Vorjahr. Das Baugewerbe (+8 Prozent), die Chemischen Gewerbe, Denkmal-, Fassaden- und Gebäudereiniger (+4,7 Prozent) sowie Metalltechniker (+4,2 Prozent) lagen ebenfalls im positiven Bereich. Hingegen gingen die Aufträge bei Kunststoffverarbeitern (-15,3 Prozent), im Bauhilfsgewerbe (-14,9 Prozent) und beim Holzbau (-11,5 Prozent) deutlich zurück.
Keine einzige konsumnahe Branche verzeichnete im zweiten Quartal hinsichtlich ihrer Umsatzentwicklung einen positiven Saldo. Die Fahrzeugtechnik (-1 Prozentpunkt), Friseure (-6 Prozentpunkte) und Mechatroniker (-20) konnten sich gegenüber dem Vergleichsquartal im Vorjahr zumindest verbessern. Bei Fußpflegern, Kosmetikern und Masseuren (-19), Personaldienstleistern und Sicherheitsgewerbe (-17) oder im Kunsthandwerk (-10 Prozentpunkte) ging es erneut bergab.
Auch der Ausblick ist gedämpft
Alarmierend ist, dass auch die Erwartungen fürs kommende 3. Quartal (Auftragseingänge/Umsätze) mit einem Saldo von -11 Prozentpunkten gedrückt bleiben. Dabei blicken die investitionsgüternahen Branchen mit -15 Prozentpunkten noch skeptischer in die Zukunft als die konsumnahen (-5 Prozentpunkte).
„Wir können uns nicht darauf verlassen und abwarten, dass die Krisen von selbst verschwinden. Österreich und Europa müssen sich ihrer Stärken besinnen, statt sich ständig selbst zu fesseln“, appelliert Denk zu Eigeninitiative in drei Bereichen. Erstens, stärkere Unabhängigkeit von Energieimporten und damit bessere Resilienz bei Krisen: Dafür sollten alle vorhandenen Potenziale ausgeschöpft werden; vom Ausbau der Erneuerbaren Energie und Energieinfrastruktur über grünen Wasserstoff, Nutzung von Geothermie bis hin Förderung heimischer Gasvorkommen als Brückentechnologie. Viele Unternehmen im Gewerbe und Handwerk könnten davon als „Motoren und praktische Umsetzer der Klima- und Energiewende“ profitieren.
Zweitens: Entlastung für die Betriebe. Beim Bürokratie-Abbau seien der Bundesregierung einige schöne Erfolge gelungen. Diese drohen jedoch an anderen Stellen zunichte gemacht zu werden – beispielsweise durch die überkomplizierte Mehrwertsteuersenkung für Grundnahrungsmittel oder das Bürokratie-Ungetüm zur EU-Lohntransparenz-Richtlinie, das dem Sozialministeriums vorschwebt.
„Auf zwei Schritte vorwärts folgen eineinhalb zurück. Diese Selbstfesselung muss ein Ende haben, wenn wir weiterkommen wollen“, mahnt Denk. Er wünscht sich eine rasche Umsetzung des One-Stop-Shops für Bau- und Genehmigungsverfahren, um das leidige „Behörden-Pingpong“ zu beenden und sieht dafür aus Niederösterreich positive Signale: „Jetzt ist die Reformpartnerschaft gefragt, rasch Resultate zu liefern.“
Als „Stimmungsaufheller“ sieht Denk die Senkung der Lohnnebenkosten ab 2028. Damit sei der Wirtschaftskammer ein großer interessenpolitischer Erfolg geglückt. Die Betriebe im Gewerbe und Handwerk, der größten Arbeitgebersparte, würden am stärksten profitieren: Sie werden um fast 400 Mio. Euro pro Jahr entlastet: „Das ist mehr als ein Hoffnungsschimmer am Horizont. Davon darf man sich schon einen Schub für Investitionen, Beschäftigung und Wachstum erwarten.“
Einstimmiger Beschluss zur Stärkung der Lehre
Mit Blick auf die Zukunft fordert Denk auch ein klares Bekenntnis zur betrieblichen Ausbildung. Auf die Aussagen von AK-Präsidentin Renate Anderl reagiert er mit Unverständnis: „Gerade an jenem Tag, an dem die staatliche Unterstützung für Ausbildungsbetriebe um ein Viertel gekürzt wird, ist die Rede von ‚großzügigen Lehrlingsförderungen‘ aus unserer Sicht schwer nachvollziehbar.“ Denk verweist auf die Faktenlage: Die Lehrlingseinkommen, die die Betriebe bezahlen, sind seit 2023 je nach Lehrberuf um 19 bis 35 Prozent gestiegen – und damit deutlich stärker als die Inflation. Die staatliche Unterstützung ist im selben Zeitraum unverändert geblieben, weil sie gedeckelt ist und nicht inflationsangepasst wurde.
„Wer sorgt also dafür, dass die Lehre für junge Menschen attraktiv bleibt und wer versucht, sich aus der Verantwortung zu stehlen?“, so Denk. „Unsere Hand ist ausgestreckt, aber wir wollen ein klares Bekenntnis zur Lehre. Unsere Betriebe investieren 2,5 bis 3 Milliarden Euro pro Jahr, um jungen Menschen eine solide Ausbildung und sichere berufliche Zukunft zu bieten. Das verdient Respekt, Wertschätzung und Unterstützung. Das permanente Schlechtreden muss endlich ein Ende haben.“ Zumal die Lehrlinge den Ausbildungsbedingungen in ihren Lehrbetrieben (laut der eigenen Umfrage von AK und ÖGB) die starke Durchschnittsnote 2,2 geben - „ein gutes Gut!“
Denk verweist auf den Antrag „Lehre stärken – Fachkräfte sichern, Ausbildung modernisieren“, den er jüngst im Wirtschaftsparlament der WKÖ eingebracht hat. „Dieser Antrag wurde von allen politischen Fraktionen einstimmig angenommen. Sorgen wir gemeinsam dafür, dass Österreich jene Fachkräfte erhält, die wir so dringend brauchen. Denn wer heute bei der Lehre spart, zahlt morgen doppelt und dreifach drauf“, so Denk abschließend. (PWK334/HSP)
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