- 16.06.2026, 18:38:32
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Tag der Parlamentsforschung stellt neues Forschungsprojekt zu politischer Repräsentation vor
Politikwissenschaftlerin Ermela Gianna untersucht Vorstellungen von demokratischer Vertretung bei Bevölkerung und Abgeordneten
Das kommende Forschungsjahr des Parlaments steht im Zeichen politischer Repräsentation. Der neue Forschungsschwerpunkt wurde am heutigen Tag der Parlamentsforschung bekanntgegeben. Ermela Gianna von der Universität Salzburg wird untersuchen, inwieweit Bürgerinnen und Bürger sowie Abgeordnete gemeinsame oder unterschiedliche Vorstellungen von politischer Repräsentation haben und analysieren, welche Folgen diese Übereinstimmungen oder Unterschiede für die demokratische Vertretung und das Vertrauen in parlamentarische Institutionen haben.
Präsentiert wurden auch Einblicke in das aktuelle parlamentarische Forschungsprojekt. Kunsthistorikerin Julia Rüdiger erforscht die Bedeutung von Architektur als Medium demokratischer Inszenierung und die Wirkung parlamentarischer Räume auf Abgeordnete sowie Besucherinnen und Besucher.
Schließlich folgte eine Podiumsdiskussion zur Frage "How can we make democracy feel good?". Unter der Moderation von Daniela Ingruber vom Institute for Strategy Analysis/netPOL diskutierten die Regisseurin, Drehbuchautorin und Lehrerin Olga Kosanović, der Journalist Georg Renner sowie die Linguistin Maria Stopfner von der Universität Innsbruck über die emotionale Dimension demokratischer Teilhabe.
Aktuelles Projekt über "Resonanzräume der Demokratie"
Bevor die Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirats der Parlamentsdirektion Susanne Janistyn-Novák das neu ausgewählte Forschungsprojekt bekanntgab, erläuterte sie die Grundidee der Initiative der Parlamentsdirektion. Es gehe darum, wissenschaftliche Forschung mit parlamentarischer Praxis zu verknüpfen und aktuelle demokratiepolitische Fragestellungen ungeachtet des wissenschaftlichen Hintergrunds zu beleuchten. Es forschten bereits eine Philosophin, ein Politologe und derzeit eine Kunsthistorikerin im Parlament.
Beim aktuellen Forschungsprojekt geht es um die Rolle parlamentarischer Räume und Strukturen innerhalb sich verändernder Demokratievorstellungen. Unter dem Titel "Resonanzräume der Demokratie: Wandel der Parlamentsarchitektur im 21. Jahrhundert" untersucht die Kunsthistorikerin Julia Rüdiger, wie sich die Parlamentsarchitektur an neue gesellschaftliche, politische und kommunikative Anforderungen anpasst. Parlamentsgebäude würden sich von repräsentativen Machtzentren hin zu offenen Orten des Austauschs entwickeln und die Voraussetzungen für Offenheit und Teilhabe schaffen, wodurch Resonanz und ein stärkeres Verbundenheitsgefühl mit dem Parlamentsgebäude ermöglicht würden, so die vorläufigen Ergebnisse.
Neues Forschungsprojekt untersucht Verständnis von politischer Repräsentation
Das Forschungsprojekt "Übereinstimmungen im Verständnis politischer Repräsentation: Bürgerinnen bzw. Bürger und Abgeordnete im österreichischen Parlament" untersucht, wie ähnlich oder unterschiedlich Bürgerinnen und Bürger sowie Abgeordnete des österreichischen Parlaments politische Vertretung verstehen. Die Politikwissenschaftlerin Ermela Gianna möchte damit eine Forschungslücke schließen: Während viel darüber bekannt ist, wie Parlamente arbeiten und separat erforscht wird, wie Bürgerinnen und Bürger Demokratie wahrnehmen, seien beide Perspektiven bisher nur selten gemeinsam betrachtet worden. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob Bevölkerung und gewählte Vertreterinnen und Vertreter dieselben Vorstellungen davon haben, was "gute politische Repräsentation" bedeutet. Dafür sollen Parlamentsdebatten und Archive ausgewertet sowie Interviews geführt werden. Ziel ist es, Muster von Übereinstimmung oder Differenzen sichtbar zu machen. Die Ergebnisse sollen neue Erkenntnisse über demokratische Repräsentation liefern und langfristig auch zur Stärkung des Vertrauens in parlamentarische Institutionen beitragen.
Podiumsdiskussion über die emotionale Dimension demokratischer Teilhabe
In der anschließenden Podiumsdiskussion unter dem Titel "How can we make democracy feel good?" betonte Olga Kosanović die Bedeutung des Gefühls, in einer Demokratie gesehen und gehört zu werden. Gerade Menschen, die mangels Staatsbürgerschaft nicht wählen können - in Wien seien das bereits 35 % der Bevölkerung im wahlfähigen Alter -, fühlten sich oft unsichtbar, was zu Abwendung vom demokratischen System führen könne. Es müssten daher Wege gefunden werden, die Menschen stärker einzubeziehen und ihnen das Gefühl zu vermitteln, Teil des politischen Gemeinwesens zu sein. Kosanović sprach sich daher für einen offeneren Zugang zur Staatsbürgerschaft und für mehr Solidarität mit Personen ohne Wahlrecht aus.
Georg Renner stellte hingegen infrage, ob Demokratie überhaupt darauf ausgerichtet sein müsse, sich "gut anzufühlen". Demokratie lebe vom Wettstreit unterschiedlicher Interessen und Ideen und solle diesen Wettstreit konstruktiv organisieren, nicht auflösen. Entscheidend sei vielmehr, dass Bürgerinnen und Bürger den Eindruck hätten, dass ihre Anliegen im politischen Prozess vertreten würden. Als zentrale Voraussetzungen für eine funktionierende Demokratie nannte Renner eine informierte Öffentlichkeit sowie die Bereitschaft der Menschen, sich aktiv am demokratischen Leben zu beteiligen.
Maria Stopfner hob die die Bedeutung von Sprache und politischer Diskussionskultur hervor. Menschen würden Demokratie dann positiv erleben, wenn sie sich respektiert und einbezogen fühlten. Zugleich warnte sie vor politischen Kommunikationsstrategien, die gezielt mit Angst, Wut oder Ausgrenzung arbeiteten. Politikerinnen und Politiker haben laut Stopfner eine wichtige Vorbildfunktion für den gesellschaftlichen Diskurs. Demokratie brauche zwar Konflikt und Meinungsvielfalt, ebenso aber die Fähigkeit, Brücken zwischen unterschiedlichen Positionen zu bauen.
Der Tag der Parlamentsforschung wurde bereits zum vierten Mal vom Rechts-, Legislativ- und Wissenschaftlichen Dienst (RLW) der Parlamentsdirektion organisiert. Das Programm umfasste heute mehrere Panels und Poster Sessions sowie zwei Keynotes. Die Historikerin Ute Frevert befasste sich mit dem Parlament als emotionalen Raum aus historischer Sicht, die Rechtsphilosophin Sabine Müller-Mall legte den Fokus auf die Emotionen in den Mechanismen von Politik und Recht (siehe Parlamentskorrespondenz Nr. 566/2026). Die englischsprachige Veranstaltung zielt darauf ab, parlamentsbezogene Forschung aus der Perspektive unterschiedlichster Disziplinen gemeinsam mit internationalen Vortragenden zu beleuchten und über deren Relevanz für die parlamentarische Praxis zu diskutieren. (Schluss Tag der Parlamentsforschung) fan/wit
HINWEIS: Fotos von dieser Veranstaltung sowie eine Nachschau auf vergangene Veranstaltungen finden Sie im Webportal des Parlaments.
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