• 16.06.2026, 08:06:02
  • /
  • OTS0011

Investoren verlieren das Vertrauen in Osteuropa

Angekündigte Neuinvestitionen auf niedrigstem Stand seit sechs Jahren; Boom in Rumänien; Ukraine schwächelt; österreichische Investoren zurückhaltend; China größter Neuinvestor

Wien (OTS) - 

Der Abwärtstrend bei den ausländischen Direktinvestitionen hat sich in den meisten Ländern Mittel-, Ost- und Südosteuropas 2025 fortgesetzt. Zu diesem Ergebnis kommt ein neuer Bericht des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw).

Zwar stiegen die ausländischen Direktinvestitionen in der Region insgesamt von rund 75 Milliarden Euro im Jahr 2024 auf gut 91 Milliarden Euro im vergangenen Jahr. Das lag aber vor allem an Zuwächsen in Russland und Rumänien.

Im Falle Russlands haben die Direktinvestitionen von einem sehr tiefen Niveau aus wieder angezogen. Das war aber auf einen Sondereffekt durch die sanktionsbedingte Umstrukturierung von Auslandsvermögen russischer Staatsbürger zurückzuführen, die einen Teil davon aus Offshore-Destinationen nach Russland zurücktransferiert haben. Am schwierigen wirtschaftlichen Umfeld ändert das nichts. Aufgrund der Sanktionen gibt es kaum neue Projekte westlicher Investoren.

Investitionsboom in Rumänien

In allen Subregionen Osteuropas waren die Direktinvestitionen rückläufig, so auch am Westbalkan. Das gilt auch für die EU-Mitglieder der Region, die mit einem Minus von 2% gegenüber 2024 jedoch vergleichsweise glimpflich davonkamen. Innerhalb der östlichen EU-Länder ist das Bild aber gemischt: Während die Direktinvestitionen in der Slowakei (-79%), Estland (-95%) und Lettland (-83%) einen massiven Einbruch erlitten und fast zum Erliegen kamen, verzeichneten Rumänien (+45%), Bulgarien (+32%), Slowenien (+19%) und Polen (+10%) zweistellige Wachstumsraten.

Das starke Plus bei den Direktinvestitionen in Rumänien von 45% verdeutlicht die Attraktivität des Landes für Investoren, trotz der gegenwärtigen wirtschaftlichen und politischen Krise im Land“, sagt Olga Pindyuk, Ökonomin am wiiw und Autorin des Berichts. Die Zuflüsse nach Rumänien lagen 2025 damit fast auf dem Niveau Tschechiens, das seit vielen Jahren zu den wichtigsten Zieldestinationen für Direktinvestitionen in Osteuropa zählt.

Ukraine schwächelt, hat aber großes Potenzial

Die von Russland angegriffene Ukraine kämpft durch den eskalierenden Krieg weiterhin mit signifikanten Rückgängen. So sanken die ausländischen Direktinvestitionen, die 2024 noch 3,2 Milliarden Euro ausmachten, um 29% auf nur mehr 2,3 Milliarden Euro im vergangenen Jahr. „Der Krieg schreckt ausländische Investoren natürlich ab, auch wenn das Land über ein enormes wirtschaftliches Potenzial verfügt. In Kombination mit den Aussichten auf einen lukrativen Wiederaufbau könnten die Direktinvestitionen in der Ukraine bei einem Kriegsende daher boomen, wofür es auch bereits erste Anzeichen gibt“, meint Pindyuk, die auch als Ukraine-Expertin des wiiw fungiert.

Angekündigte Neuinvestitionen geringer als während Covid-Pandemie

Für die nahe Zukunft erwartet das wiiw eine weitere Abschwächung der Investitionsflüsse in die Region. Die Zahl der neu angekündigten Greenfield-Projekte (also von Betriebsansiedlungen oder -erweiterungen auf der grünen Wiese) brach im ersten Quartal 2026 gegenüber dem ersten Quartal 2025 um 44% ein, das zugesagte Kapital um 35%. Das sind die niedrigsten Werte der letzten sechs Jahre. „Damit liegt der Schluss nahe, dass ausländische Investoren derzeit noch weniger Vertrauen in Osteuropa haben als zu Beginn der Covid-Pandemie und der russischen Invasion in der Ukraine“, konstatiert Pindyuk. „Die Auswirkungen des Iran-Krieges sind hier noch nicht voll eingepreist“, so Pindyuk.

Die rückläufigen Direktinvestitionen spiegeln aber auch den Strukturwandel in der Region wider, vor allem in den hochindustrialisierten EU-Mitgliedern. Dort vollzieht sich angesichts stark gestiegener Löhne eine Abkehr vom Modell „verlängerte Werkbank“ für westliche Industriekonzerne, die dort bisher günstig produziert haben.

Deutsche Investoren wenden sich ab, österreichische agieren verhalten

Deutsche und österreichische Unternehmen, die traditionell zu den größten Investoren in der Region zählen, stehen bei Neuinvestitionen weiterhin auf der Bremse. Die Anzahl der angekündigten Projekte aus Deutschland hat sich zwischen dem zweiten Quartal 2025 und dem ersten Quartal 2026 gegenüber der Vergleichsperiode 2024/2025 von 213 auf 144 weiter reduziert. Das entspricht einem Rückgang von 32%. Das dafür zugesagte Kapital verringerte sich um 5% auf noch rund 4,6 Milliarden Euro, nach einer Halbierung von 9,5 Milliarden Euro auf 4,9 Milliarden Euro im vorangegangenen Vergleichszeitraum.

Investoren aus Österreich haben zwischen dem zweiten Quartal 2025 und dem ersten Quartal 2026 Kapitalzusagen über rund 1,3 Milliarden Euro abgegeben und damit kaum mehr als in der Vergleichsperiode davor (1,2 Milliarden Euro). Dabei kündigten sie 35 neue Greenfield-Projekte in der Region an. Das entspricht dem Niveau der vorangegangenen vier Quartale, liegt jedoch weit unter der zuvor verzeichneten Anzahl (49).

China größter Neuinvestor

China bleibt der größte Neuinvestor in der Region Mittel-, Ost- und Südosteuropa. Das zugesagte Investitionsvolumen verdoppelte sich dabei fast von 9 Milliarden Euro auf rund 16,5 Milliarden Euro und näherte sich damit wieder dem hohen Wert der Vergleichsperiode 2023/2024 (18,3 Milliarden Euro) an. „Viel chinesisches Geld fließt einerseits in den Aufbau einer Produktionsstätte für CO2-neutrales Aluminium in Kasachstan und andererseits in den Ausbau der Elektromobilität und Batterieproduktion in Ostmitteleuropa“, sagt Olga Pinduyk.

Trotz der hohen chinesischen Neuinvestitionen machen sie nach wie vor nur etwas mehr als 1% der vorhandenen Investitionsbestände in der Region aus. Rund 70% stammen laut wiiw-Datenbank nach wie vor aus den EU-Staaten, allen voran aus Deutschland.

Der neue Bericht zu den Direktinvestitionen in Mittel-, Ost- und Südosteuropa steht auf Anfrage zur Verfügung und ist für wiiw-Mitglieder kostenlos.

FDI in Central, East and Southeast Europe

Rückfragen & Kontakt

Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw)
Mag. Andreas Knapp
Telefon: +43 680 1342 785
E-Mail: [email protected]

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | IIW

Bei Facebook teilen
Bei X teilen
Bei LinkedIn teilen
Bei Xing teilen
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel