- 05.05.2026, 14:14:32
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Parlament erinnert am Jahrestag der Befreiung des KZ Mauthausen an die Opfer des Nationalsozialismus
Gedenkveranstaltung gegen Gewalt und Rassismus im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus würdigt Gedenkdienst
Der 5. Mai 1945 war der Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen und seiner Nebenlager. Aus Anlass dieses Datums erinnert das österreichische Parlament jedes Jahr an das dunkelste Kapitel der österreichischen Geschichte und setzt ein Zeichen der Erinnerung. Im Mittelpunkt der Gedenkveranstaltung gegen Gewalt und Rassismus im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus im Bundesversammlungssaal des Parlaments, zu der die Präsidien des Nationalrats und des Bundesrats gemeinsam eingeladen hatten, stand heuer der Gedenkdienst.
In der Eröffnungsrede betonte Zweiter Nationalratspräsident Peter Haubner, dass es keinen Schlussstrich geben dürfe. Er betonte aber auch, dass das Gedenken neue Formen finden müsse, um lebendig zu bleiben. Das Engagement junger Menschen zeige, dass Österreich sich seiner Verantwortung für die Vergangenheit stelle und die Erinnerung lebendig halte. Die Gedenkrede hielt Hedi Schnabl Argent, die 1939 mit ihrer Familie aus Wien flüchten musste. Sie berichtete aus ihren Lebenserfahrungen und betonte, dass es inmitten des Bösen immer auch Menschen gegeben habe, die bereit waren, Gutes zu tun. Ihre Erfahrungen als jüdisches Mädchen im Österreich der 1930er-Jahre hat Schnabl Argent auch in dem Kinderbuch "Der Tag, an dem sich die Musik veränderte" verarbeitet.
Im Rahmen einer Podiumsdiskussion unterhielt sich der Vizedirektor des Museums Auschwitz-Birkenau Andrzej Kacorzyk mit ehemaligen Gedenkdienerinnen und Gedenkdienern über die Bedeutung des Gedenkdienstes und ihre Erfahrungen im Rahmen ihres Einsatzes. In seinen Abschlussworten würdigte Bundesratspräsident Markus Stotter den Gedenkdienst. Dieser sei eine der wichtigsten tragenden Säulen der österreichischen Erinnerungsarbeit.
Haubner: Erinnerung braucht Verantwortung und Haltung
Der Zweite Nationalratspräsident Peter Haubner stellte an den Beginn seiner Eröffnungsrede ein Zitat von Richard von Weizsäcker: "Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart." Angesichts eines neuen Höchststandes von antisemitischen Vorfällen sei diese Warnung höchst aktuell. Die Antisemitismus-Meldestelle der Israelitischen Kultusgemeinde habe zuletzt 1.532 antisemitische Vorfälle in nur einem Jahr verzeichnet, mehr als vier pro Tag. Angesichts dieser Entwicklungen könne es keinen Schlussstrich geben unter das Leid der Opfer und die Schrecken des Nationalsozialismus.
Haubner erinnerte an Artikel 1 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union: "Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie ist zu achten und zu schützen." Dieser Satz sei das Fundament des gemeinsamen Europa. Würde sei jedoch kein Versprechen, das sich von alleine halte. Sie brauche Erinnerung, und Erinnerung brauche Haltung. Es gebe kein "Verfallsdatum" für Würde und kein "Genug" bei Menschlichkeit.
Der Nationalsozialismus stelle kein abstraktes Kapitel der Geschichte dar. Er stehe für ein von Menschen getragenes System, das andere entrechtet, verfolgt, deportiert und ermordet habe. Der Nationalsozialismus habe die Opfer auslöschen wollen, als hätten sie nie existiert. Darum gebe es die moralische Verantwortung, diesen beispiellosen Zivilisationsbruch niemals zu relativieren, zu verharmlosen oder zu vergessen. Seit über dreißig Jahren trage der Nationalfonds der Republik Österreich dazu bei, die Erinnerung lebendig zu halten. Seine Tätigkeit sei ein Zeichen einer klaren Haltung. Die Erinnerungsarbeit, die viele Menschen für den Nationalfonds leisteten, könne daher gar nicht genug geschätzt werden.
Erinnerung dürfe jedoch nicht stehen bleiben, sondern müsse sich weiterentwickeln und eine neue Sprache finden, betonte Haubner. Wenn Desinformation, Verzerrung und Leugnung in digitalen Räumen immer mehr Platz gewinnen würden, brauche es Klarheit und den Mut zur Wahrheit. Sehr bald werde man ohne die unmittelbaren Stimmen der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen auskommen müssen. Dann gelte es, nicht nur Fakten weiterzugeben, sondern zu handeln und eine Haltung sichtbar zu machen. Erinnerung lebe besonders dann, wenn junge Menschen sie zu ihrer eigenen Sache machen würden. "Wenn Schülerinnen und Schüler Biografien erforschen, Stolpersteine pflegen, digitale Projekte entwickeln, dann wird Erinnerung lebendig", betonte Haubner.
Der Nationalfonds stelle sich der zentralen Herausforderung, wie das Gedenken in Zukunft aussehen werde. Erinnerung und Digitalisierung in Einklang zu bringen und dafür zu sorgen, das Gedenken "nicht im Alltagsrauschen untergehen" zu lassen, sei eine Herausforderung. Die Nationalfonds-Konferenz werde sich im Juni mit einem entscheidenden und notwendigen Schritt für die Zukunft des Erinnerns beschäftigen: der Vision des "Gedenken neu denken".
"Wir können das dunkelste Kapitel unserer Geschichte nicht ungeschehen machen, aber wir können entscheiden, mit welcher Haltung wir diesem begegnen", sagte der Zweite Nationalratspräsident. Die Worte "Nie wieder" seien ein Auftrag an alle. Dabei gelte es, nicht nur die Würde der Vergangenheit zu wahren, sondern die Menschlichkeit der Gegenwart zu verteidigen. Haubner rief dazu auf, den Gedenktag für das Versprechen zu nützen, wachsam zu bleiben und wenn nötig, auch das Wort zu ergreifen und Menschlichkeit über Gleichgültigkeit zu stellen. Dann könne aus Erinnerung Verantwortung und aus Verantwortung Haltung werden.
Schnabl Argent: Jeden Tag etwas Gutes tun
Hedi Schnabl Argent, die als Kind vor dem Nationalsozialismus aus Wien nach England flüchten musste, widmete ihre Gedenkrede ihren Eltern, Lisa and Dr. Max Schnabl. "Meine Mutter hat mir immer gesagt, dass es keine guten oder schlechten Menschen gibt - nur normale Menschen, die Schlechtes oder Gutes tun können - oder beides", sagte sie. Die Rednerin erinnerte auch an die Maxime des Retters vieler jüdischer Kinder, Nicholas Winton: "Sei nicht zufrieden, nichts Schlechtes zu machen, schau, jeden Tag etwas Gutes zu tun." Am Tag der Erinnerung an sechs Millionen ermordete Jüdinnen und Juden und angesichts des wieder erstarkenden Antisemitismus in der Welt sei es vielleicht "der richtige Moment, auch vom Guten zu sprechen".
In ihrer persönlichen Geschichte habe sie Gutes und Schlechtes erlebt. Im Jahr 1933, vier Jahre alt, habe sie erfahren, dass es Antisemitismus gebe, "dass es Menschen gibt, die mich nicht mögen, weil ich Jüdin bin." Mit diesem Wissen sei sie aufgewachsen. Bereits ab dem ersten Schultag habe sie die Ausgrenzung der Klasse erlebt. Das habe sich erst geändert, als ein Mädchen namens Gerti sie am Spielplatz gefragt habe: "Willst du mit mir spielen?" Gerti habe von ihrer Mutter gelernt, nicht das zu tun, was andere vorgeben, sondern zu tun, was sie richtig finde. Für Gerti wäre es einfacher gewesen, sich wie die anderen Kinder zu benehmen und so zu tun, als ob sie schlimme Dinge nicht bemerken würde. "Gerti und ihre Mutter waren Menschen, die Gutes tun", sagte Schnabl Argent.
Der 13. März 1938 habe das Leben der Familie für immer geändert. Bereits am nächsten Tag sei sie von der Schule verwiesen worden. Innerhalb einer Woche sei die Kanzlei des Vaters von einem Nazianwalt übernommen und noch vor Ende des Monats die Familie aus ihrer Wohnung vertrieben worden. 17 Mitglieder ihrer Familie seien im Holocaust ermordet worden. Ihr Vater sei 1938 regelmäßig mitten in der Nacht aufgeweckt und im Schlafanzug auf die Straße gebracht worden, um Gehsteige und öffentliche Toiletten zu putzen. Sogar in dieser Zeit habe es kleine Zeichen von Menschlichkeit gegeben, einmal sogar von einem Mann in NS-Uniform, erinnerte sich Schnabl Argent. Nach einem Unfall habe eine christliche Freundin der Familie sie in einem Krankenhaus behandeln lassen, wo Jüdinnen und Juden nicht mehr zugelassen waren, und ihren Posten und eine harte Bestrafung riskiert.
Ihr Vater sei schließlich verhaftet worden, weil er einen Mann verteidigt habe, der beschuldigt war, einen gefälschten Pass zu haben. In den sechs Wochen der Haft habe ihn ein Wärter, der ihn als angesehenen Anwalt gekannt habe, vor der schlimmsten Behandlung beschützt und während des Novemberpogroms vom 9. auf 10. November 1938 sogar für zwei Tage in einem Kohlenkeller versteckt. Ihr Vater sei zurückgekommen, während die meisten seiner Freunde und Kollegen verschwunden seien. Am 17. Juli 1939 kam die Familie schließlich nach England. "Wir gehören zu den wenigen, die Glück gehabt haben", betonte Schnabl Argent. Ihr Cousin Bubi, der wie ein großer Bruder für sie gewesen sei, seine Eltern und die Großmutter hätten kein solches Glück gehabt.
In den letzten Jahren habe sie auch Menschen kennengelernt, die ihr geholfen hätten, sich mit ihrem Vaterland zu versöhnen. Gemeinsam hätten sie einen Gedenkstein für Bubi am Friedhof in Wels aufgestellt. Er sei am 5. Mai 1945 aus Gunskirchen befreit worden und am Tag darauf, zwei Monate vor seinem 17. Geburtstag, im Krankenhaus Wels gestorben. Auf seinem Gedenkstein stehe der Anfang eines Gedichts von Heinrich Heine: "Mein Kind, wir waren Kinder, zwei Kinder, klein und froh".
Gedenkdienerinnen und Gedenkdiener berichten über Erfahrungen
Über die Bedeutung des Gedenkdienstes unterhielt sich der Vizedirektor des Museums Auschwitz-Birkenau Andrzej Kacorzyk mit ehemaligen Gedenkdienerinnen und Gedenkdienern. In dem Podiumsgespräch teilten sie ihren Erfahrungen.
Der Auslandsdiener des Jahres 2025 Noah Elias Jakovljević absolvierte seinen Gedenkdienst in Portugal, wo er eine Ausstellung über Simon Wiesenthal kuratierte. Gregor Ribarov erzählte von Begegnungen im Rahmen einer Wanderausstellung über Anne Frank in Deutschland. Beide erlebten dabei auch negative Vorfälle, die sie in der Jugendarbeit allerdings bestärkt hätten. Um gegen das Vergessen zu arbeiten und junge Menschen zu erreichen, müssten sie mit Fakten konfrontiert werden, meinte Jakovljević. Insbesondere, da persönliche Begegnungen mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen immer seltener würden, sei es wichtig, Geschichten weiterzuerzählen bzw. mit aufgeschriebenen Geschichten weiterzuarbeiten, so Ribarov. Auch Museums-Vizedirektor Andrzej Kacorzyk sah diesbezüglich neue Aufgaben. Im Museum Auschwitz-Birkenau werde nun vermehrt die emotionelle und historische Bedeutung von geschichtlichen Gegenständen aufgearbeitet. Die österreichischen Gedenkdienerinnen und Gedenkdiener würden bei Restaurationsarbeiten ebenso mitarbeiten wie bei Gedenkzeremonien oder Ausstellungen, in der Bibliothek, beim Verlag, in der Bildungsarbeit oder zumeist im digitalen Archiv, ließ er wissen.
Brigitte Landesmann entschied sich nach ihrer aktiven Berufslaufbahn für den Gedenkdienst in einem Museum in Rom. Für sie sei es wichtig, die Geschichte in die Gegenwart zu transportieren und die Jugend darauf hinzuweisen, dass Prozesse wiederholbar seien. Es gelte Ähnlichkeiten aufzuzeigen, etwa wenn rechtspopulistische Parteien belastete Begriffe nutzten, meinte sie. Außerdem sah sie den Bedarf für ein Holocaust-Museum in Österreich.
Stotter betont Bedeutung der Erinnerungsarbeit
Der 5. Mai sei ein Tag des Innehaltens und des Erinnerns, sagte Bundesratspräsident Markus Stotter zum Abschluss der Veranstaltung. Er führe eindringlich vor Augen, wohin Ausgrenzung, Hass und Menschenverachtung führen können und mahne zugleich, dass Demokratie und Menschenrechte niemals selbstverständlich seien. Der Gedenkdienst sei eine der wichtigsten tragenden Säulen der österreichischen Erinnerungsarbeit, meinte Stotter. Junge Menschen, die sich hier engagierten, würden die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus lebendig halten und mit ihrem Einsatz ein klares Zeichen für Menschlichkeit, Verantwortungsbewusstsein und Solidarität setzen. Insbesondere, da antisemitische Vorfälle in den vergangenen Jahren zugenommen haben, brauche es eine klare Haltung, fundierte Aufklärung, nachhaltige Bildungsarbeit sowie Menschen, die widersprechen, wenn Grenzen überschritten werden und Institutionen, die Verantwortung übernehmen. Erinnerungsarbeit sei lebendig und habe Zukunft, schloss der Bundesratspräsident. "In diesem Sinne: Erinnern wir, aber noch viel wichtiger: Handeln wir", so sein Appell.
Die Moderation der Veranstaltung übernahm Margit Laufer. Die musikalische Umrahmung erfolgte durch das Streichtrio des Alma Rosé Instituts der mdw - Universität für Musik und darstellende Kunst Wien in Kooperation mit dem Exilarte Zentrum für verfolge Musik der mdw. Gespielt wurden Werke von jüdischen Komponisten, die im Holocaust umgekommen sind. (Schluss Gedenkveranstaltung) sox/fan
HINWEIS: Fotos von dieser Veranstaltung sowie eine Nachschau auf vergangene Veranstaltungen finden Sie im Webportal des Parlaments.
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