• 28.04.2026, 10:50:02
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EU-Inc.: Warum Europas Standortvorteil über die schnelle Gründung hinausgeht

Europäische Notarentage in Salzburg
Wien, 28.04.2026 (OTS) - 

  • 36. Europäische Notarentage in Salzburg als Plattform für zentrale rechtspolitische Zukunftsfragen Europas
  • EU-Kommission präsentiert mit „EU Inc.“ (28. Regime) eine neue europaweite Gesellschaftsform
  • Ziel: schnellere, digitale Gründungen und leichtere Skalierung im Binnenmarkt
  • Österreich ist bereits Vorreiter – digitale Gründungen in 48 Stunden sind gelebte Realität
  • Notariatskammer sieht viele offene Fragen im EU Inc. Vorschlag
  • Rechtssicherheit ist zentraler Standortvorteil Europas und Grundlage für Investitionen
  • Die größten Hürden für Unternehmen liegen nach der Gründung – Reformen müssen ganzheitlich gedacht werden

Die Zukunft des europäischen Gesellschaftsrechts und weitere zentrale rechtspolitische Fragen standen im Fokus der 36. Europäischen Notarentage, die am 23. und 24. April 2026 in Salzburg stattfanden. Im Rahmen der hochrangig besetzten Fachkonferenz diskutierten Vertreterinnen und Vertreter der Europäischen Kommission, des Europäischen Parlaments sowie des Europäischen Gerichtshofs gemeinsam mit Notarinnen und Notaren sowie internationalen Expertinnen und Experten aktuelle Entwicklungen und zukünftige Weichenstellungen für Europa.

Ein zentrales Thema war dabei auch die von der Europäischen Kommission vorgestellte „EU Inc.“ (28. Regime), mit der eine europaweit einheitliche Gesellschaftsform zur Diskussion steht. Ziel ist es, Unternehmensgründungen zu beschleunigen, stärker zu digitalisieren und grenzüberschreitendes Wachstum zu erleichtern. Die Österreichische Notariatskammer begrüßt den Vorstoß – sieht jedoch erheblichen Diskussionsbedarf.

„Ein Europa – ein Markt ist der richtige Ansatz. Wir kennen die Bedürfnisse der Start-ups aus der täglichen Praxis gut und begleiten sie, damit sie sich erfolgreich entwickeln können. Aber die derzeitige Debatte greift zu kurz“, betont Claus Spruzina, Präsident der Österreichischen Notariatskammer. „Wettbewerbsfähigkeit entsteht nicht durch Geschwindigkeit allein, sondern durch verlässliche Rahmenbedingungen. Gerade die Rechtsstaatlichkeit ist Europas zentraler Standortvorteil im internationalen Wettbewerb.“

Österreichs Vorreiterrolle

Zahlreiche der vorgeschlagenen Maßnahmen sind in Österreich bereits gelebte Praxis. Digitale Gründungen innerhalb von 48 Stunden, elektronische Beurkundungen und ein transparentes, höchst verlässliches Firmenbuch sind seit Jahren etabliert und Fundamente der erfolgreichen rechtlichen Rahmenbedingungen des Standorts Österreich. Das österreichische Notariat zeigt, dass Effizienz und rechtliche Absicherung einander nicht ausschließen, sondern sich gegenseitig stärken.

„Wir setzen zunehmend erfolgreich auf künstliche Intelligenz und gewinnen dadurch mehr Zeit für die persönliche Beratung unserer Klientinnen und Klienten. Das ist ein wichtiger Schritt in der Transformation und Modernisierung des österreichischen Notariats und ein Beispiel dafür, wie digitalisierte Prozesse sinnvoll in die Praxis integriert werden können“, erklärt Spruzina.

Die eigentlichen Hürden liegen danach

Die starke Fokussierung der EU- Politik auf die Gründung greift aus Sicht der Notariatskammer zu kurz und blendet zentrale Herausforderungen aus. Viele Unternehmen scheitern nicht bei der Errichtung, sondern in den Phasen danach, etwa beim Zugang zu Kapital, bei der Skalierung oder beim Eintritt in internationale Märkte.

Europas Venture-Capital-Märkte sind weiterhin stark fragmentiert, größere Finanzierungsrunden schwer zugänglich und Investitionen häufig national geprägt. Sprachbarrieren sind ein großes und oft unterschätztes Thema. Gleichzeitig fehlt eine Philosophie des Scheiterns, die Neustarts vereinfacht ermöglichen würde.

„Eine zusätzliche Rechtsform allein wird diese strukturellen Herausforderungen nicht lösen, sondern könnte neue Unsicherheiten schaffen, wenn sie bestehende Systeme überlagert“, so Spruzina. Entscheidend ist vielmehr eine solide rechtliche Grundlage von Beginn an – sie schafft Stabilität und verhindert spätere Konflikte oder wirtschaftliche Risiken.

Grundsatzfrage für das europäische Modell

Mit der EU Inc. stellt sich zudem eine grundlegende systemische Frage: Welches Verständnis von Gesellschaftsrecht soll Europa künftig prägen?

„Das europäische Gesellschaftsrecht ist bewusst umfassend angelegt. Es berücksichtigt nicht nur Eigentümerinteressen, sondern auch jene von Arbeitnehmern, Gläubigern und der Allgemeinheit. Diese Schutz- und Transparenzfunktion ist ein zentraler Bestandteil unseres Wirtschaftsmodells. Das ist ein Asset des Standorts, das man nicht leichtfertig schwächen darf“, erklärt Spruzina.

Zu hoher Zeitdruck?

Angesichts der aktuellen wirtschaftlichen Herausforderungen in Europa ist der politische Handlungsdruck nachvollziehbar. Gleichzeitig ist der Umfang des vorgeschlagenen Pakets so weitreichend, dass sich die Frage stellt, wie realistisch und sinnvoll eine derart rasche Umsetzung tatsächlich ist. Vor diesem Hintergrund sieht die Notariatskammer die geplante Einführung der EU Inc. innerhalb kurzer Frist bis Jahresende kritisch. Ein derartig enger zeitlicher Rahmen lässt eine seriöse inhaltliche Auseinandersetzung mit dem umfassenden Vorschlag kaum zu.

Ein stärker fokussierter Ansatz – etwa mit klaren, fokussierten und rasch umsetzbaren Maßnahmen wie vollständig digitalen Gründungen innerhalb von 48 Stunden bei minimalen administrativen Kosten – hätte aus Sicht der Notariatskammer kurzfristig einen spürbaren und gerade in der aktuellen Lage wichtigen Impuls für den Standort Europa setzen können. Die darüberhinausgehenden Schritte müssen sorgfältig analysiert und tragfähig ausgestaltet werden, was die Prozesse auf EU-Ebene erschwert.

Wettbewerbsfähigkeit ganzheitlich denken

Unbestritten ist: Europa muss seine Wettbewerbsfähigkeit stärken und bessere Rahmenbedingungen für Unternehmen schaffen. Dazu braucht es jedoch mehr als neue Rechtsformen – entscheidend sind funktionierende Kapitalmärkte, verlässliche Rahmenbedingungen und eine stärkere Harmonisierung zentraler wirtschaftlicher Bereiche.

Zudem sind gerade in der aktuellen Phase globaler Unsicherheiten stabile Institutionen und berechenbare Regeln ein entscheidender Wettbewerbsvorteil. Europa sollte diesen gezielt ausbauen. Auch vor diesem Hintergrund müssen die vielen offenen Fragen der EU Inc. Initiative sorgfältig diskutiert und Lösungen zugeführt werden.

Über das Notariat

Österreichweit bieten 540 Notar:innen unabhängige, unparteiliche sowie unbürokratische Dienstleistungen in verschiedenen Rechtsbereichen, darunter persönliche Vorsorge, Immobilienrecht und Unternehmensgründungen. Die Leistungen reichen von der Errichtung eines Testaments über den Kauf einer Immobilie bis zur Gründung eines Unternehmens. Dabei stehen Rechtssicherheit und Transparenz im Mittelpunkt. Die Arbeit zeichnet sich durch höchste Sorgfalt, Vertraulichkeit und Fachkompetenz aus – für eine individuelle und lösungsorientierte Beratung in rechtlichen Angelegenheiten. Digitale Services sorgen für eine flexible und effiziente Abwicklung.

Für weitere Informationen: https://ihr-notariat.at/

Notariat in Ihrer Nähe finden: https://ihr-notariat.at/notarfinder/

Rückfragen & Kontakt

Österreichische Notariatskammer
Marion Aitzetmüller, MSc
Telefon: Tel: +43 1 402 45 09 177
E-Mail: marion.aitzetmü[email protected]
Website: https://www.ihr-notariat.at

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