- 11.03.2026, 12:15:32
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Sparen an der Psyche kommt Österreich teuer zu stehen
Angebotskürzungen im psychosozialen Bereich gefährden gesellschaftliche Stabilität
Budgetkonsolidierung darf nicht in psychosoziale Versorgungskrise münden
Österreich steht unter erheblichem budgetärem Druck. Doch die aktuellen Einsparungen im psychosozialen Bereich treffen ausgerechnet jene Menschen, die ohnehin mit besonderen Belastungen leben: junge Menschen in prekären Lebenslagen, arbeitslose Personen mit psychischen Erkrankungen, Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen, also vorwiegend Menschen mit mehreren schweren Problemstellungen. Kürzungen im Sozialministeriumservice (SMS), Reduktionen im arbeitsmarktpolitischen Bereich sowie faktische Einschnitte durch Nullvalorisierungen und darüber hinaus gefährden gewachsene Versorgungsstrukturen in ganz Österreich.
„Wir sehen mit großer Sorge, dass kurzfristige Budgetmaßnahmen langfristig negative soziale und wirtschaftliche Konsequenzen nach sich ziehen“, erklärt Priv.-Doz. Dr. Günter Klug, Präsident von pro mente Austria. „Psychische Erkrankungen verschwinden nicht, wenn Budgets sinken. Sie werden verschleppt, chronifiziert oder tauchen später in anderen, deutlich teureren Systemen, wie dem Gesundheitssystem oder Pflegesystem, wieder auf. Abseits vom persönlichen Leid führt dies also nicht zu Einsparungen, sondern zu erheblich höheren Folgekosten.“
Sozialministeriumservice: Wenn Förderdeckel zur Existenzfrage werden
Im Kontext des Ausgleichstaxfonds (ATF) und weiterer Förderinstrumente des Sozialministeriumservice führen Reduktionen von Projektmitteln und Sachkostenpauschalen zu massiven Belastungen für Trägerorganisationen. Wie im Ministerrat am 13. Mai 2025 beschlossen, wird der Zuschuss zum ATF aus dem allgemeinen Budget in jährlichen Schritten bis zum Ende der Legislaturperiode von 65 Millionen Euro (2026) auf 15 Millionen Euro (2029) abgesenkt.
„Wir stehen an einer kritischen Wegmarke“, betont MMag. Gernot Koren, MAS, Vizepräsident pro mente Austria. „Der ATF ist ein zentrales Instrument beruflicher Inklusion. Wenn Zuschüsse in dieser Dimension reduziert werden, sprechen wir nicht über Effizienzsteigerungen, sondern über existentielle strukturelle Einschnitte.“
In mehreren Bundesländern sind Budgets bereits am untersten Limit angekommen. Weitere Absenkungen gefährden die Existenz einzelner Einrichtungen. Die Folgen sind konkret: Projekte werden reduziert, Standorte stehen vor der Schließung, qualifiziertes Fachpersonal verlässt das Unterstützungssystem mit gravierenden Folgen für die Betreuung von Menschen mit Behinderungen.
„Wenn Förderpauschalen unter die realen Kostenstrukturen sinken, werden Einrichtungen existenziell gefährdet“, erklärt MMag.a Eva Blagusz, Vorstandsmitglied pro mente Austria. „Das bedeutet weniger Betreuungsplätze, lange Wartelisten und geringere Perspektiven – etwa für junge Menschen, die damit ihrer Entwicklungschancen und positiven Zukunftsperspektiven beraubt werden.“
Arbeitsmarktpolitik unter Druck: AMS-Budget erneut drastisch gekürzt
Auch im AMS-Kontext setzen sich die budgetären Einschnitte fort. Das Budget wurde teilweise bereits im zweistelligen Prozentbereich gekürzt – exklusive Valorisierungen. Besonders betroffen sind arbeitslose Menschen mit psychischen oder gesundheitlichen Einschränkungen.
„Gerade diese Zielgruppen benötigen intensive, bedarfsorientierte Begleitung. Wird diese reduziert, verlängert sich die Dauer der Arbeitslosigkeit – mit erheblichen individuellen und volkswirtschaftlichen Folgen“, sagt Eva Blagusz. „Arbeitsmarktpolitik erfüllt auch eine gesellschaftlich stabilisierende Funktion. Und die Unterstützung für arbeitslose Menschen ist eine Versicherungsleistung und kein Almosen.“
Die aktuelle Arbeitsmarktsituation ist alarmierend. So stieg die Arbeitslosigkeit von Menschen mit Behinderungen im Jänner 2026 um 13,9 % – 3,6-mal stärker als im Gesamtdurchschnitt. 17.130 Menschen mit Behinderungen waren arbeitslos, über 2.000 mehr als im Vorjahr. Der ATF trägt derzeit österreichweit mehr als 210 Projekte des Netzwerks Berufliche Assistenz (NEBA), rund 2.800 Fachkräfte begleiten jährlich etwa 110.000 Teilnehmer:innen auf ihrem Weg in Ausbildung und Arbeit.
„Diese Zahlen zeigen klar: Der Bedarf steigt – während die finanziellen Mittel sinken“, so Gernot Koren. „Das ist ein Spannungsverhältnis, das es dringend aufzulösen gilt. Bisher wurde aktive Arbeitsmarktpolitik vollkommen anders verstanden.“
Nullvalorisierung: Die stille Form der Kürzung
Mehrere Budgets werden nur nominell fortgeschrieben – das Budget 2026 entspricht dem Budget 2025. Angesichts steigender Personal- und Sachkosten bedeutet dies real eine Reduktion der Leistungsfähigkeit. Sozialunternehmen können die vereinbarten Kollektivvertragsabschlüsse, Energiekosten und Infrastrukturaufwendungen nicht dauerhaft kompensieren. Die Folgen sind Angebotsreduktionen, Versorgungsengpässe, mittelfristige Reduktionen von Leistungen oder langfristige Schließungen von Standorten. „Nullrunden sind de facto Kürzungen“, so Gernot Koren. „Strukturen, die über Jahre aufgebaut wurden, werden dadurch schleichend ausgehöhlt. Internationale Entwicklungen zeigen deutlich: Wird im psychosozialen Bereich gespart, steigen die gesamtgesellschaftlichen Kosten mit zeitlicher Verzögerung massiv an, etwa durch Invalidität oder Frühpensionierungen.“
Was nun nicht gefährdet werden darf
Trotz der angespannten Budgetlage gibt es tragende Elemente im System der psychosozialen Versorgung, die Stabilität sichern – und genau diese dürfen, auch wegen ihrer gesamtgesellschaftlichen Bedeutung, nicht geschwächt werden.
Der Ausbau der klinisch-psychologischen Behandlung ist ein wichtiger Schritt, um Versorgungsengpässe zu reduzieren und Menschen raschen Zugang zu Unterstützung zu ermöglichen. Auch die gut gelebte Sozialpartnerschaft, die in wirtschaftlich turbulenten Zeiten vor kurzem einen zweijährigen Kollektivvertragsabschluss mit Augenmaß ermöglicht hat, sorgt für Planungssicherheit. Vor allem aber sind es die hoch engagierten Mitarbeiter:innen in den Sozialunternehmen, die tagtäglich professionelle Arbeit unter schwierigen Rahmenbedingungen leisten und damit wesentlich zur Stabilität unseres Landes beitragen.
„Unsere Einrichtungen funktionieren, weil Menschen mit großer Fachlichkeit und hohem persönlichen Einsatz Verantwortung übernehmen“, betont Gernot Koren. „Diese tragenden Säulen dürfen durch strukturellen Rückbau nicht ins Wanken geraten. Gerade jetzt braucht es verlässliche Partnerschaften zwischen Bund, Ländern und Sozialorganisationen.“ Diese Verlässlichkeit ist den Mitgliedern von pro mente Austria ein besonderes Anliegen: „Wir sind als Arbeitgeber:innen unseren Mitarbeiter:innen verpflichtet und versuchen alles, um bestmögliche Arbeitsbedingungen anzubieten. Wenn laufend davon die Rede ist, dass in der psychosozialen Versorgung gespart und gekürzt wird, ist das hinderlich für junge Menschen, sich für diese Branche zu entscheiden. Neue Mitarbeiter*innen suchen sichere Arbeitsplätze und gute Bedingungen und Perspektiven. Durch dauerndes Sparen und Kürzen demotiviert man in vielerlei Hinsicht“, hält Eva Blagusz fest.
Unsere Forderungen
pro mente Austria fordert: Die psychosoziale Versorgung in Österreich darf nicht weiter gekürzt werden. Strukturelle Einschnitte, Nullvalorisierungen und schleichende Reduktionen führen zu einem realen Rückbau gewachsener Versorgungsnetze. Was über Jahrzehnte aufgebaut wurde, darf nicht durch kurzfristige Budgetmaßnahmen destabilisiert werden. Darüber hinaus braucht Österreich einen verbindlichen, bundesweiten Aktionsplan Psychische Gesundheit. Dieser muss klare Versorgungsziele definieren, Zuständigkeiten abstimmen und eine nachhaltige Finanzierung sicherstellen. Das Thema psychische Gesundheit darf nicht projektbezogen oder reaktiv behandelt werden, sondern benötigt eine strategische strukturelle Gesamtarchitektur – von Prävention über Akutversorgung bis hin zur langfristigen Rehabilitation.
„Das ist keine Frage der absoluten Verfügbarkeit finanzieller Mittel, sondern eine Frage der Prioritätensetzung. In einem Bundesbudget werden Schwerpunkte gesetzt. Die psychosoziale Versorgung darf nicht am Ende dieser Gewichtung stehen, sondern muss als stabilisierender Faktor am Anfang mitgedacht werden“, so Günter Klug. „Wer hier Euros kürzt, kürzt immer am Menschen und verliert noch mehr Euros in Folge“.
Internationale Erfahrungen zeigen deutlich, wie stark politische Entscheidungen langfristig wirken. Good-Practice-Beispiele wie die isländische Suchtpräventionspolitik belegen, dass frühzeitige, systematische Investitionen nachhaltige Effekte erzielen. Gleichzeitig zeigen Entwicklungen wie im britischen National Health Service (NHS) oder in Teilen der deutschen Arbeitsmarktpolitik, welche Folgekosten entstehen, wenn psychosoziale Strukturen ausgedünnt werden. „Miteinander für psychische Gesundheit steht für Zusammenhalt und gegenseitige Wertschätzung. Dieser Geist des Miteinanders sollte uns auch bei budgetären Entscheidungen leiten. Psychosoziale Versorgung ist kein Randthema, sondern Ausdruck gelebter Solidarität, und eine Kernaufgabe des Staates. Wenn wir als Gesellschaft zusammenstehen wollen, muss sich das auch in unseren Prioritäten widerspiegeln“, unterstreicht Günter Klug.
Mentale Gesundheit betrifft uns alle. Psychische Erkrankungen können jede:n treffen – unabhängig von Alter, Einkommen oder Lebenssituation. Investitionen in psychosoziale Versorgung sind daher keine Ausgaben für eine bestimmte Gruppe, sondern eine Investition in die Stabilität, Teilhabe und Zukunftsfähigkeit unserer gesamten Gesellschaft.
pro mente Austria
Als Dachverband vertritt pro mente Austria 26 Mitgliederorganisationen, die in ganz Österreich mit ihren 5.500 Mitarbeiter:innen Menschen mit psychischen oder psychosozialen Problemen versorgen. Multiprofessionelle Teams der Mitglieder decken alle Dienstleistungen ab, die die psychosoziale Gesundheit Einzelner und der Gesellschaft fördern: Sie bieten psychosoziale und sozialpsychiatrische Versorgung, Wohn- und Betreuungsangebote und Arbeitsprojekte sowie Prävention & Rehabilitation und Aus- und Fortbildung. Wir vertreten die gemeinsamen Ziele unserer Mitglieder sowohl in Österreich als auch im Ausland und bieten eine Plattform für den unkomplizierten Informationsaustausch. Nach außen stehen wir als Ansprechpartner für alle Stakeholder:innen im Bereich der psychischen und sozialen Gesundheit zur Verfügung.
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