• 17.11.2023, 22:00:32
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Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 18. November 2023. Von CHRISTIAN JENTSCH. "Duell um die globale Führungsmacht".

Innsbruck (OTS) - 

Die Supermächte USA und China sind auf Kollisionskurs. Es geht um wirtschaftliche, technologische und militärische Dominanz. Zuletzt wurde versucht, die Wogen zu glätten. Doch von Entspannung kann keine Rede sein.

Die unipolare Welt, in der die Führungsrolle der USA militärisch, wirtschaftlich und technologisch unantastbar schien, ist Geschichte. Die global als Ordnungsmacht auftretenden Vereinigten Staaten als Anker der nach dem Zweiten Weltkrieg etablierten westlich-liberalen Weltordnung können und wollen nicht mehr überall präsent sein. „America First“ hat sich nicht nur der frühere US-Präsident Donald Trump auf die Fahnen geschrieben. Es geht um die Verteidigung nationaler Interessen und nicht um die weltweite Durchsetzung liberaler Werte. Wobei eines klar ist: Die USA wollen auf der Weltbühne weiter die erste Geige spielen. Es geht um die Kontrolle der Weltwirtschaft. Es geht um die Führungsrolle in Schlüsselindustrien. Es geht um einen strategischen Vorsprung im Hightech-Bereich – etwa in Sachen Künstlicher Intelligenz, Mikrochips oder Quantencomputer.
Doch gerade in Asien – dem Hotspot der globalen Entwicklung, in dem schon bald 50 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung erbracht werden – ist die aufstrebende Weltmacht China nicht mehr gewillt, sich hinter den USA mit der zweiten Reihe zufriedenzugeben. Auch wenn die Zeit der chinesischen Wirtschaftswunder vorbei zu sein scheint, die Immobilienkrise im Riesenreich tiefe Spuren hinterlassen hat und die Konjunktur schwächelt, ist China eine Supermacht. Eine Supermacht, die ein weltweites Netzwerk gespannt hat und im so genannten Globalen Süden den USA und Europa längst den Rang abgelaufen hat. Gerade vor seiner Haustüre zeigt Peking Washington die Zähne. Der Konflikt um Taiwan birgt enormes Eskalationspotenzial. Peking betrachtet die demokratische Inselrepublik als Teil seines Territoriums, die USA gelten als inoffizielle Schutzmacht Taiwans. Für den Fall eines chinesischen Angriffs auf Taiwan hat US-Präsident Joe Biden Taipeh militärische Unterstützung zugesichert. Wie weit diese gehen würde, bleibt freilich unklar. Aber nicht nur einflussreiche US-republikanische Strategen sehen am Horizont bereits einen militärischen Konflikt der beiden Supermächte heraufziehen. Einen Konflikt, der die Welt aus den Angeln heben würde.
Trotz immer noch enger wirtschaftlicher Verflechtungen – China ist mit einem Volumen von rund 860 Milliarden US-Dollar zweitgrößter Gläubiger der USA – sind beide Supermächte auf Konfrontationskurs. US-Präsident Joe Biden und Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping haben bei ihrem Treffen am Mittwoch in Kalifornien zwar versucht, die Wogen zu glätten. Ihnen sind die desaströsen Folgen einer direkten Konfrontation wohl bewusst. Doch die Lunte brennt. Und in einer  Atmosphäre des Misstrauens und der Eskalation kann die Situation leicht außer Kontrolle geraten.

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