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TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Gespalten, geeint, gesprengt", von Marco Witting
Ausgabe vom Freitag, 20. Oktober 2023
Die groß verkündete Einigung im bürgerlichen Lager hielt keine vier Wochen. Doch statt um Inhalte geht es rein um Posten und Macht. Das Rennen um den Bürgermeistersessel ist damit offener denn je.
Der Plan für die ÖVP klang vielversprechend. Um das Bürgermeisteramt in der Landeshauptstadt zurückzuholen, nehme man ein geeintes bürgerliches Lager, einen Kandidaten, der von der katastrophalen derzeitigen Periode unbeschadet ins Rennen steigt, und streiche hervor, dass der amtierende Bürgermeister zu viele Fehler gemacht hat und es einen Wechsel braucht. Keine vier Wochen nach der Einigung mit Für Innsbruck ist die Stadt-ÖVP wieder gespalten. Der einmal vielversprechende Plan ist nicht aufgegangen und wirkt im Rückspiegel einigermaßen naiv.
Hannes Anzengruber hat die heile bür-gerliche Welt mit den Diskussionen der vergangenen Wochen und seiner Entscheidung, mit einer eigenen Liste anzutreten, gesprengt. Der ÖVP ist es schlicht nicht gelungen, den in der Bevölkerung durchaus angesehenen Vize-Bürgermeister so einzubinden, dass ein gemeinsamer Kurs möglich ist. Das beschädigt auch den designierten Kandidaten für das Bürgermeisteramt, Florian Tursky.
Anzengruber setzt alles auf eine Karte und geht ein hohes politisches Risiko ein. Offenbar beflügelt von viel Zuspruch aus dem Umfeld will er sogar Bürgermeister werden. Das wirkt im Moment verwegen – das Rennen um den Bürgermeistersessel ist aber in jedem Fall offener denn je. So war für Amtsinhaber Georg Willi (Grüne) gestern ein guter Tag. Wenn sich von der Mitte nach rechts bis zu vier ambitionierte Kandidaten (Tursky, Anzengruber, FP-Vize Markus Lassenberger und GR Depaoli) gegenseitig die Simmen wegnehmen, dann kann das für den angeschlagenen Stadtchef durchaus für die Stichwahl reichen.
Sowohl Anzengruber als auch Tursky und die ÖVP haben zudem ein Glaubwürdigkeitsproblem. Beide Seiten betonen, dass es um die Inhalte und nicht um die Posten oder die Macht geht. Doch keiner präsentierte bisher auch nur irgendeinen programmatischen Ansatz. Anzengruber, der gestern trotzig motiviert wirkte, wollte oder konnte über inhaltliche Unterschiede zu seiner Heimatpartei nichts sagen. Selbst hatte er keine Ansätze parat, warum er der bessere Bürgermeister wäre.
Wie auch? Es geht um Macht und Posten. Der einst vielversprechende Plan der ÖVP wird eine Überarbeitung brauchen. Statt mit einem unbeschädigten Kandidaten in die Wahl zu gehen, muss man jetzt erklären, warum Anzengruber nicht mehr Parteimitglied sein soll und ob tatsächlich FI-Chefin Christine Oppitz-Plörer hinter den Kulissen die Strippen zieht, die ja früher auch einmal mit einer eigenen Liste angetreten ist.
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