• 03.10.2023, 22:00:33
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Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 4. Oktober 2023. Von PETER NINDLER. "Die Glaubenskrise".

Innsbruck (OTS) - 

Die katholische Kirche leidet wie viele andere Institutionen an einer Vertrauenskrise. Die Weltsynode muss deshalb der mutige Versuch sein, eine Kirche auf Höhe der Zeit zu etablieren. Mit Geschlechtergerechtigkeit und Mitbestimmung.

Der katholischen Kirche geht es heute wie den geschrumpften Volksparteien. Sie steckt in einer nachhaltigen Vertrauenskrise. Statistisch untermauert wird dieser Befund vom Negativrekord an Kirchenaustritten. In Österreich kehrten im Vorjahr 91.000 Katholiken ihrer Glaubensgemeinschaft den Rücken, in Deutschland 520.000. Man muss es nicht so drastisch formulieren wie der deutsche Kirchenrechtler Thomas Schüller, dass die Kirche einen quälenden Tod vor den Augen der gesellschaftlichen Öffentlichkeit stirbt, aber der Erosionsprozess lässt sich in Mitteleuropa kaum noch aufhalten. Häme ist keine angebracht, denn nach wie vor schaffen Kirche und Glauben für viele Halt und Heimat.
Es wäre zu einfach, mit Schlagwörtern wie zu wenig modern, zu konservativ, zu starr oder zu hierarchisch die schwindende Akzeptanz zu erklären. Die Kirche als Institution und die Gesellschaft bilden allerdings eine immer kleiner werdende Schnittmenge. Weil von Papst Franziskus abwärts der Klerus nach wie vor krampfhaft an der längst erschütterten Monopolstellung der alleinigen Wahrheit festhält. Damit haben die Kirchenoberen nicht nur die Lebensrealitäten ihrer Mitglieder aus den Augen verloren, sondern sie sperren sie schlicht aus dem Haus Gottes aus. Denn wer auf Dauer nicht willkommen ist, wird fernbleiben, wie wiederverheiratete Geschiedene, die nicht einmal die Kommunion empfangen dürfen.
Besser als vom Bischofsvikar der Diözese Innsbruck, Jakob Bürgler, können die Hoffnungen und Erwartungen junger Menschen an die heute beginnende Bischofssynode in Rom gar nicht zusammenfasst werden. Sie wünschen sich eine lebensnahe und an der Eigenverantwortung der Menschen orientierte Sexualethik sowie eine konkrete Beteiligung an Entscheidungsprozessen und an der Macht in der Kirche. Dazu zählen die Mitbestimmung der Laien, Geschlechtergerechtigkeit wie die anerkannte Rolle von  Frauen (Diakonat der Frau), Regenbogenkompetenz im Umgang mit Homosexualität oder das Ende des Zölibats.
Die Kardinäle und Bischöfe müssen sich endlich ernsthaft mit diesen drängenden Fragestellungen auseinandersetzen, die zweifelsohne herausfordernd für eine inhomogene Weltkirche sind. Trotzdem: Einheit in der Vielfalt muss möglich sein – statt des Versuchs, den gegenwärtigen Zustand des langsamen Siechtums auszusitzen. Bei der Aufklärung der Missbrauchsskandale ist dies in vielen Diözesen kläglich gescheitert und hat die Vertrauenskrise nur noch verschärft.
Der Transformationsprozess hin zur pluralen Teilhabe mag für manche Würdenträger schmerzhaft sein. Aber will das Christentum nicht zu einem Auslaufmodell werden, benötigt es eine Kirche auf Höhe der Zeit.

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