• 02.10.2023, 22:00:02
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Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 3. Oktober 2023. Von ANITA HEUBACHER. "Warten oder zahlen".

Innsbruck (OTS) - 

Die Zwei-Klassen-Medizin, früher von politischer Seite stets in Abrede gestellt, ist jetzt teilweise Realität. Jeder dritte Patient ist zusatzversichert, obwohl er bereits via Sozialversicherung in ein teures Gesundheitssystem einzahlt.

Das Vertrauen der Bevölkerung in die österreichische Gesundheitsversorgung scheint in den letzten Jahren gesunken zu sein. Während die politische Elite nicht müde wurde zu betonen, dass es in Österreich keine Zwei-Klassen-Medizin gebe, entschied sich ein Drittel der Patienten für eine Zusatzversicherung. Warten oder zahlen ist sowohl im stationären als auch im niedergelassenen Bereich eine eingespielte Praxis. Wer es sich leisten kann, geht zum Wahlarzt. Denn dort sind die Tarife zwar viel höher, die Wartezeiten aber kürzer als beim Kassenarzt. Und der eine oder andere Spitalsarzt offeriert den Patienten, sie in seiner Privatordination einzuschieben und damit die Wartezeit auf eine OP zu verkürzen. 
Privat Geld in die Hand nehmen zu müssen, um eine raschere ärztliche Versorgung zu bekommen, das meint man mit Zwei-Klassen-Medizin. Verwunderlich ist, dass sich das Herr und Frau Österreicher so einfach gefallen lassen. Sie zahlen in ein sehr teures Gesundheitssystem ein und werden seit Jahren in einigen Bereichen mit immer weniger Leistung abgespeist. Anstatt eine Beitragsharmonisierung zustande zu bringen, haben ÖVP und FPÖ die Gebietskrankenkassen fusioniert. Statt der erhofften Patientenmilliarde wird noch mehr Geld verbrannt. Und im Wartezimmer wird nicht nur unterschieden, ob jemand zusatzversichert ist oder nicht, sondern auch noch, welchen Beruf er hat. Schließlich ist in Österreich die Behandlung eines Beamten beim Kassenarzt mehr wert als die Behandlung eines Arbeitnehmers. 
Sehr lange haben die Bundesregierungen, und hier die meist nicht allzu wichtig genommenen Gesundheitsminister, zugesehen, wie die Zahl der Wahlärzte in die Höhe stieg. Seit 2010 sogar ziemlich schnell, während die Zahl der Kassenärzte stagnierte, obwohl die Zahl der Einwohner stieg. Als Kassenarzt lässt es sich nicht so schlecht leben, allerdings nur, wenn man viele Patienten behandelt und viel arbeitet. Wer will das schon? Offensichtlich die wenigeren, die mehreren entscheiden sich für die Wahlarztpraxis, legen die Honorare und die Arbeitszeiten selbst fest. Man sieht, es ist eine finanzielle, aber auch eine Komfortfrage. Und da kommt die Gesundheitspolitik ins Spiel. Sie müsste Regeln aufstellen und versuchen, den Wahlärzten eine gewisse Stundenan­zahl für das allgemeine Gesundheitssystem abzutrotzen. 
Wir haben eine hohe Ärzte- und Spitalsdichte. Vielleicht geht es mehr um einen Verteilungskampf. Den muss die Politik gestalten. Wozu ist sie denn sonst da?

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