- 27.09.2023, 22:00:02
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Tiroler Tageszeitung, Leitartikel vom 28 September 2023. Von Michael Sprenger: "Zu viel Nähe ist Gift".
Das Meinungsforschungsinstitut SORA hat sich mit seinem „SPÖ-Strategiepapier“ schwer beschädigt. Der ORF kündigte seinen „Hochrechner der Nation“. Einblick in die toxische Gemengelage in einem kleinen politischen Markt.
Die jüngste Affäre um das „SPÖ-Strategiepapier“ gibt Einblick in den kleinen österreichischen Markt, wenn es um unabhängige Arbeit im Bereich von Meinungsforschung geht. Tatsächlich scheint dies kaum möglich zu sein. Und es zeigt sich einmal mehr: Zu viel Nähe ist Gift. Es ist schwierig, sich in einem kleinen Land nicht über den Weg zu laufen, nicht per Du zu sein, sich nicht zu verhabern. Umfrageinstitute suchen nicht uneigennützig die Nähe zum polit-medialen Komplex. Parteien halten die Türen offen. Voraussetzungen für eine toxische Gemengelage sind gegeben. Der Bogen spannt sich dabei von Korruptionsvorwürfen – eindrucksvoll dokumentiert durch die laufenden Ermittlungen im Zusammenhang mit den manipulierten Umfragen, die einst den Weg von Sebastian Kurz ins Kanzleramt ebneten. Oder im jüngsten Fall, wie versucht wird, die Einnahmequellen für ein Institut zu erweitern.
Zweiteres versuchte eben das Meinungsforschungsinstitut SORA und spielt es selbst durch eine Panne an die Öffentlichkeit. Wie peinlich oder wie dumm, je nach Sichtweise. Jetzt ist es durchaus nachvollziehbar, wenn sich ein Meinungsforschungsinstitut einer Partei andienen will, um für das anstehende Wahljahr einen Strategie- und Beratungsauftrag zu bekommen. Dies versuchte Günther Ogris, der schon bislang eine Nähe zur SPÖ hatte, aber eben nicht als Berater in Erscheinung trat. Das Problem ist nur: SORA wirbt für sich als unabhängiges Meinungs- und Sozialforschungsinstitut. Viel schlimmer: SORA ist aufgrund seiner Wahlanalysen österreichweit bekannt. Hierfür trägt der zweite Geschäftsführer, Christoph Hofinger, die Verantwortung. Seit Jahren liefern er und sein Team die ORF-Hochrechnungen. Von den drei hierzulande tätigen Hochrechnungsinstituten legt SORA seit Jahren die kompetenteste Arbeit vor. Punktgenau. Doch damit ist es jetzt vorbei. Der von der Politik unter Druck stehende ORF kündigte nach Bekanntwerden des „SPÖ-Strategiepapiers“ die Zusammenarbeit mit SORA. Und ja, der ORF konnte nicht anders. Er hätte sich eine weitere Angriffsfläche nicht leisten können. Der ORF argumentiert nachvollziehbar mit „Glaubwürdigkeit und Objektivität“.
Indirekt zum Handkuss kommt durch die Affäre auch die SPÖ. Für den politischen Gegner ein willkommener Anlass, auf den Vorsitzenden Andreas Babler loszugehen. Auch wenn die SPÖ an SORA keinen Auftrag erteilt hat, werden ÖVP und FPÖ versuchen, eine Verbindung bis hin zum einstigen Kern-Berater Tal Silberstein herzustellen. Das ist zwar mehr als nur konstruiert, gehört aber zum politischen Geschäft, welches in weiten Teilen eben toxisch ist.
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