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TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Ausgabe vom 30. August 2023, von Jasmine Hrdina: "Wasser findet immer einen Weg"

Innsbruck (OTS) - 

Beinahe auf den Tag genau 18 Jahre nach dem letzten Hochwasser schrammte das Untere Unterinntal an einer Katastrophe vorbei. Der damals versprochene Schutzbau am Inn kommt frühestens 2038. Eine Farce.


Überstanden war das Hochwasser am Dienstag in Tirol noch lange nicht. Nur im Unterland blieb das erwartete hundertjährliche Hochwasser zum Glück aus. Die Wassermassen hatten sich im Oberlauf und in den Seitentälern bereits gewaltsam Platz verschafft. Felder wurden geflutet, Straßen unterspült und weggerissen, Hänge vermurt. Jede Regenpause gab flussabwärts mehr Hoffnung. Und eine Katastrophe wie 2005 blieb zumindest im Unteren Unterinntal aus. Diesmal noch. 
   Doch die Starkregenereignisse nehmen zu und die Möglichkeiten der Gemeinden, vor Ort mit mobilen Schutzelementen gegenzuwirken, sind begrenzt. Frühestens 2038 könnten die Schutzmaßnahmen am Inn fertiggestellt sein, verkündete kürzlich der Wasserverband für Hochwasserschutz im Unteren Unterinntal. Für Betroffene eine Farce. Werden Dämme und Retentionsflächen doch schon seit 18 Jahren versprochen. Eine Zeitspanne, die bei anderen Großprojekten in Tirol undenkbar wäre, egal ob Skilifte, Bahngleise oder Kraftwerke. 
   Der politische Druck aus den Gemeinden fehlte und tut es noch. Für Bund und Land war es ein Leichtes, die Verantwortung auf die Gemeinden entlang des Inns abzuwälzen. Die Verhandlungen des Wasserverbands mit Grundeigentümern für Retentionsflächen und Dämme stockten. Zum größten Teil handelt es sich um landwirtschaftlich genutzte Flächen oder ungewidmetes Grünland in der Roten Zone. Dabei sind es die Wassermassen, vor denen sich die Verantwortlichen fürchten sollten, nicht die Landwirte. Diese werden mit 25 Mio. Euro für 291 Hektar Land entschädigt. Im Schadensfall (bei Flutungen) fließt zusätzlich Geld aus öffentlicher Hand. Detail am Rande: Bei hundertjährlichen Hochwassern wird der Großteil dieser Weiden und Äcker ohnehin vom Wasser erfasst und durch Verunreinigungen unbrauchbar gemacht. 
   Während die Verhandlungen laufen, soll das Projekt noch heuer zur Prüfung vorgelegt werden. Den Bürgern derweil zu suggerieren, Gemeinden wären dank mobiler Schutzelemente gerüstet, ist unverantwortlich und verwerflich. Allein 500 Feuerwehrfrauen und -männer waren am Montag im Bezirk Kufstein damit beschäftigt, Sandsäcke zu füllen und Bretter zu verschrauben. Unermüdlich, unentgeltlich und unter Gefährdung ihrer eigenen Sicherheit. Der Applaus, den ihnen die Politik zollt, ist verdient – aber wo bleibt der Aufschrei? Deutlicher als in den vergangenen zwei Tagen geht es nicht: Wasser findet immer einen Weg – ob gelenkt und mit abwägbaren Schäden in definierten Gebieten oder gewaltsam mit unvorhersehbaren Konsequenzen.

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