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TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Verreisen, statt die Welt zu retten", von Verena Langegger

Ausgabe vom Freitag, 4. August 2023

Innsbruck (OTS) - 

Die Fluglinien erwarten Rekordgewinne. Die Bewohner der westlichen Welt müssen nachholen, was ihnen während der Pandemie verboten wurde. Doch reicht es aus, dass Fliegen erst ab 2050 klimaneutral werden will?

   Gestiegene Passagierzahlen wegen höherer Nachfrage nach teureren Premium-Flugtickets – die AUA-Mutter Lufthansa erwartet im zweiten Quartal einen Rekordgewinn und eines der besten Jahre ihrer Unternehmensgeschichte. Die AUA selbst fliegt wieder in schwarze Zahlen. Ryanair vervierfacht seinen Quartalsgewinn. Aber ist das wirklich eine gute Nachricht? Gerade gab es doch die Corona-Pandemie und die erwerbstätige Generation der westlichen Welt erlebte erstmals, dass das Leben weitergeht, auch wenn die Wirtschaft (mit hohen Förderungen) einen anständigen Gang zurückschaltet. Besonders schön zu erleben war, dass sich mit diesem nahezu vollständigen Herunterfahren von Auto-, Flug-, Bahn- und Schiffsverkehr wieder viele Tiere zeigten. Und nein, es sind nicht Wolf oder Bär gemeint, die lassen sich offenbar weder vom Flughafen noch von der Autobahn stören. 
   Doch der Mensch ist wohl doch nicht gemacht für Verzicht, Rückzug oder Bescheidenheit. Nach den Reisebeschränkungen während der Pandemiejahre wird wieder geflogen, was das Zeug hält. Die Kapazitäten sind zwar noch nicht wieder auf Vor-Corona-Niveau, aber Flüge, die angeboten werden, werden gebucht. Auch der Begriff Flugscham, der 2018 unter dem Hashtag #flygskam via Twitter, Facebook oder Instagram von Schweden aus die Welt eroberte, scheint vergessen. Ruhig ist es auch um die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg geworden (außer sie wird gerade verhaftet). Und die Anliegen der so genannten „Klimakleber“ (Forderung nach Tempo 100 auf der Autobahn mit einer ganz kurzen Blockade von Verkehrswegen) sind zwar nicht sonderlich radikal, aber trotzdem sehr unbeliebt. Gerade diese Unbeliebtheit von Einschränkungen im Kampf gegen die Erderhitzung scheint es zu sein, die Politikerinnen und Politiker davon abhält, auch die Flugbranche (neben allen anderen Branchen) zu mehr Tempo im Klimaschutz zu zwingen. Denn Fliegen ist zweifelsohne eine der klimaschädlichsten Arten, sich fortzubewegen. Warum gibt es aber noch keine Kerosinsteuer? Immerhin: Ab 2050 will die Luftfahrtbranche klimaneutral sein. Reicht dieser Zeitplan aus? Erst vor wenigen Wochen haben orkanartige Böen auch in Tirol Häuser abgedeckt und Bäume umgeknickt. Im Juni ist ein Berggipfel in der Silvretta abgebrochen. ExpertInnen setzen sich in einem Future Lab mit diesen Szenarien des Klimawandels im Land auseinander. Und dann? Viel Zeit bleibt ja nicht mehr im Kampf gegen das, was man recht verharmlosend Klimawandel nennt. Kein großes Industrieland schafft die Klimaziele. Das ist fix. Da hilft auch kein Wegfliegen.

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