- 14.07.2023, 22:00:03
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Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 15. Juli 2023. Von MATTHIAS CHRISTLER. "Ernährung mit Risiken und Nebenwirkungen".
Ein seit 40 Jahren eingesetzter Zucker-Ersatzstoff wurde als „möglicherweise krebserregend“ eingestuft. Das ändert nichts daran, dass der Konsument Werbelügen gerne glaubt und Warnungen dem Geschmack zuliebe ignoriert.
Eine Zutat hat vor 40 Jahren die süße Welt der Limonaden verändert: Diät-Colas wurden aus Wasser, Kohlensäure, etwas Koffeingeschmack, ein paar unaussprechlichen Inhaltsstoffen und einem neuen chemischen Süßstoff als Wundermittel zusammengebraut. Als Anfang der 80er-Jahre Aspartam zugelassen wurde, kam Cola light auf den Markt. Die Werbebotschaft vom gesunden Genuss ohne Zucker war gleichermaßen genial wie gelogen – dass die Sache einen Haken hat, wird spätestens jetzt klar. Einerseits weil Süßstoffe, die als kalorienarme Alternative in Getränken, Kaugummis und allerhand Diät-Produkten verwendet werden, generell problematisch sind. Laut Studien führen sie dazu, dass man mehr Lust auf Süßes bekommt und sich den Zucker woanders herholt. Andererseits hat die Weltgesundheitsorganisation WHO speziell Aspartam in hohen Mengen als „möglicherweise krebserregend“ eingestuft. Die Formulierung ist nicht Fisch, nicht Fleisch – weil es noch zu wenig Daten gibt und die Entscheidung wohl wegen eigener Studien von Lobbyisten verwässert wurde. Der Großteil der Kunden hört ohnehin auf das, was in der Werbung gesagt wird. Und nicht auf gut gemeinte, aber letztlich schlecht kommunizierte Warnungen der WHO.
Eher glaubt der Kunde ja Mythen, die etwa besagen, dass Kinder mit Bauchweh gut durchgerührtes Cola trinken sollen. In Wahrheit kann das Getränk, wie Forschungsergebnisse zeigen, der Darmflora schaden. Nicht nur beim Geschmack gehen die Meinungen weit auseinander. Dass gentechnisch veränderte Lebensmittel ohne Kennzeichnung verkauft werden dürfen, wie es die EU-Kommission plant, wird gerade heftig diskutiert. Und als die WHO 2015 rotes Fleisch als „wahrscheinlich krebserregend“ einstufte, war der Reflex eher: Was erhöht eigentlich nicht das Krebsrisiko?
Viele giftige Stoffe des Alltags (in Nahrung, Kleidung, Spielzeug ...) wurden in den vergangenen Jahren verbannt. Ganz ohne Folgen wird auch die Aspartam-Entscheidung nicht bleiben. Heimische Unternehmen haben erklärt, den Süßstoff in den Eigenprodukten austauschen zu wollen. Coca Cola als weltweiter Player schweigt noch. Vermutlich wird man abwarten, wie der Kunde im Supermarkt reagiert, ob er jetzt mehr auf die Inhaltsstoffe achtet und Aspartam meidet.
Am Ende entscheidet immer der Konsument. Und das ist ein Problem. Die Lebensmittel sollen zuckerfrei sein, aber süß schmecken. Sie sollen frisch, billig sowie stets verfügbar sein und auch lange halten. Erwartungen, die sich ohne Zusatzstoffe nicht ausgehen. Das bedeutet, man bräuchte für viele Lebensmittel jetzt schon einen Beipackzettel mit den Risiken und Nebenwirkungen. Aber mal ehrlich, wer würde sich das ganz durchlesen?
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