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Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 14. Juli 2023. Von CHRISTIAN JENTSCH. "Angst vor und gute Geschäfte mit China".
Im Kampf um die Weltherrschaft von morgen befinden sich die etablierte Weltmacht USA und die aufstrebende Weltmacht China auf Konfrontationskurs. Die Angst geht um, auch in Europa. Nun sucht Berlin den Balanceakt.
Der russische Angriffskrieg in der Ukraine hat den Westen geeint und seinem bereits totgesagten Militärbündnis NATO wieder zu alter Stärke verholfen. Zumindest auf den ersten Blick. Doch nicht nur in Washington ist eines klar: Die russische Aggression hat in erster Line Europa geschockt. Eine möglicherweise auch militärische Konfrontation zwischen den USA und China, zwischen den beiden Supermächten, hätte eine ganz andere Dimension und würde wohl in einer globalen Katastrophe münden.
Und trotzdem wird der Konflikt zwischen den USA als Führungsmacht der nach dem Zweiten Weltkrieg etablierten westlich-liberalen Weltordnung und der aufstrebenden Weltmacht China, die den so genannten Globalen Süden in ihren Bann zu ziehen versucht und Russland als Anhängsel an ihrer Seite hat, immer wieder neu befeuert. Man hat sich gegenseitig zum strategischen Hauptrivalen auserkoren. Auf der einen Seite stellt Chinas starker Mann Xi Jinping die uneingeschränkte Führungsrolle der USA vor seiner Haustüre immer selbstbewusster in Frage. Auf der anderen Seite denken die USA nicht daran, das Feld zu räumen. Auch nicht im Konflikt um Taiwan.
Trotz der starken Verflechtung der beiden Volkswirtschaften machen gerade in US-Vorwahlzeiten die Worte Entkopplung und Eindämmung die Runde, Washington will China in Sachen Hochtechnologie ausbremsen, China den Westen auf der anderen Seite von der Versorgung mit wichtigen Rohstoffen abschneiden.
Mitten im Donnergrollen zwischen Washington und Peking versucht Europa seinen Weg im Umgang mit China zu finden. Bisher ist man lieber in Deckung gegangen. Doch der Druck aus Washington, sich klarer auf die Seite der USA zu schlagen, und die Mahnungen aus Peking, die Wirtschaftsbeziehungen nicht nachhaltig zu beschädigen, zwingen gerade Deutschland zu einem Balanceakt. Gestern hat die Regierung in Berlin erstmals eine Strategie für den Umgang mit China vorgelegt. Man kritisiert zwar Peking für seine immer aggressivere Außenpolitik und die Missachtung der Menschenrechte, will und kann die umfangreichen Wirtschaftsbeziehungen aber nicht aufs Spiel setzen.
„De-Risking“, also Risikominimierung, heißt das neue Zauberwort, mit dem die Quadratur des Kreises erreicht werden soll. Abhängigkeiten vermeiden, aber die guten Geschäfte mit China nicht ausbremsen heißt die Devise. Für die deutsche Autoindustrie ist China schließlich der wichtigste Absatzmarkt. Übrigens: Trotz der aggressiven Rhetorik wollen und können auch Washington und Peking die engen wirtschaftlichen Bande nicht einfach kappen.
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