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TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Plädoyer für die Langeweile", von Michael Sprenger

Ausgabe vom Samstag, 31. Dezember 2022

Innsbruck (OTS) - 

Seit der Weltfinanzkrise ging es Schlag auf Schlag. Die Abstände zwischen Zwangslage und neuem Tiefpunkt wurden seither immer kürzer. Das Jahr 2022 brachte den bislang traurigen Höhepunkt. Es sollte doch endlich wieder fad werden.

   Was wünschen Sie Ihren Lieben zum Jahreswechsel? Zufriedenheit, jedenfalls Gesundheit, vielleicht Erfolg – wobei und womit auch immer. Ja, bleiben Sie bei Ihren Wünschen. Sollen sie im Nachhinein geholfen haben. 
   Meinen obligatorischen Satz zu Silvester will ich vergessen machen. Er hat sich zu oft bewahrheitet. Ich wünschte ein „ereignisreiches Jahr“. 
Zuerst die Weltfinanzkrise in den Jahren 2007 und 2008, die zu den Verwerfungen in der Europäischen Union führen sollte. Vom Brexit bis zu den autoritären Regierungen in den osteuropäischen Mitgliedsländern. Nicht zu vergessen die von Fake News begleitete Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten, die sich wie Mehltau nahezu unbemerkt über andere demokratische Länder legte. Der Wandel von Wladimir Putin hin zu einem lupenreinen Antidemokraten wollte man ob der Empörung über die politischen Zustände andernorts nicht wahrhaben. Die guten Geschäfte mit dem Feind von morgen waren allemal wichtiger. Unsere Feinde waren die Schutzsuchenden aus Syrien, die nicht zuletzt vor russischen Bomben flüchteten. Derweil wurde die Innenpolitik auf den Kopf gestellt. Seit dem Bekanntwerden des unsäglichen Inhalts des Ibiza-Videos tauschten sich die Begriffe Korruption, Chat und Unschuldsvermutung in Permanenz ab. Bis dann ein Virus aus China das kapitalistische Treiben der globalen Welt radikal stoppte und den in Bedrängnis kommenden Regierenden Luft zum Atmen gab. Sie konnten jetzt plötzlich Maßnahmen setzen, die vormals autoritären Regimen zupass­gekommen wären. Die Pandemie wurde zur Zumutung, sollte aber rasch verdrängt werden, als der Angriffskrieg auf die Ukraine zur tödlichen Realität wurde. Eine Realität, die das Leben für viele zur Qual machte, die eine schier unaufhaltsame Teuerun­g nach oben trieb, die den Klimawandel zur lästigen Nebensache werden ließ. Dafür müssen sich Pazifisten rechtfertigen, weil sie nicht glauben wollen, dass mehr Waffen Frieden schaffen können.
   Das Jahr 2022 kann getrost verschwinden. Doch dann? Ereignisreich braucht das kommende  Jahr nicht werden, fad soll es sein. Wir hätten es verdient, nicht immerzu von Angst und Empörung getrieben zu werden. Die Rückkehr der Fadesse könnte helfen, klare Gedanken im Alltag ein wenig zu sammeln. 
So können wir hellhörig werden. Wir müssen aufpassen. Nichts ist selbstverständlich. Auch nicht die Demokratie. Sie steht längst auf dem Prüfstand. Die Solidarität wird zum Auslaufmodell. Wünschen wir uns, einmal in langweiligen Zeiten zu leben. Damit wir uns sammeln können, für Interessanteres. Wir hätten es verdient.  


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