• 02.10.2022, 22:00:32
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Tiroler Tageszeitung, Leitartikel vom 3. Oktober 2022. Von Peter Nindler: "Die ÖVP-Bünde waren nie weg"

Innsbruck (OTS) - 

Über Jahre wurde in der Tiroler ÖVP alles auf Landeshauptmann Günther Platter ausgerichtet, Bauern-, Wirtschafts- und Arbeitnehmerbund mussten alles abnicken. Das hat sich radikal geändert, die Koalitionsverhandlungen machen es sichtbar.

Der scheidende ÖVP-Landeshauptmann Günther Platter hat die mächtigen Bünde innerhalb der Tiroler Volkspartei meist vor vollendete Tatsachen gestellt und zurückgestutzt. Nicht zurückgedrängt, weil er nur zu gut wusste, dass er die am Land dominierenden und ausgezeichnet vernetzten Bauern, die (Tourismus-)Wirtschaft und die Arbeitnehmer für die Mobilisierung in Wahlkämpfen benötigt. Doch weil über Jahre in der ÖVP alles auf Platter ausgerichtet wurde, saßen die Bünde erste Reihe fußfrei und haben dann seine Entscheidungen mitgetragen oder einfach zur Kenntnis genommen. Wie im Vorjahr den personellen Wechsel im ÖVP-Regierungsteam von Wirtschaftslandesrätin Patrizia Zoller-Frischauf zu Anton Mattle oder von Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg zu Annette Leja. 
Freilich machte es der Landeshauptmann recht geschickt. Bauernbundobmann und Landeshauptmannstellvertreter Josef Geisler war sein engster Vertrauter, damit stellte Platter die Bauern ruhig. Der Obfrau des Arbeitnehmerbundes AAB und Landesrätin Beate Palfrader billigte er ihr kritisches politisches Eigenleben zu, besonders gegenüber der einst türkisen ÖVP im Bund unter Sebastian Kurz. Genauso hielt es Platter mit dem einflussreichen Arbeiterkammerpräsidenten Erwin Zangerl, der ideologisch wie Palfrader tickt. 
Zu Platters vertrautem Kreis zählten noch Klubchef Jakob Wolf (AAB) und Parteimanager Martin Malaun. Den Wirtschaftsbund mit dem immer wieder wegen seiner öffentlichen Auftritte kritisierten Obmann Franz Hörl und dem als zu ehrgeizig empfundenen Wirtschaftskammerpräsidenten Christoph Walser stellte Platter gerne ins Abseits. Ihrem Vorgänger Jürgen Bodenseer erging es ebenso, galt er im Establishment um Platter doch als zu unberechenbar. Weg waren die Bünde aber nie.
Platter ist jedoch bald Geschichte, Mattle am ÖVP-Ruder und die Bünde bzw. die schwarzen Kammerpräsidenten wieder zurück. Schließlich ist der neue ÖVP-Chef nach dem Verlust von zehn Prozentpunkten bei der Landtagswahl noch weit davon entfernt, der starke Mann in der Tiroler ÖVP zu sein. Die fast 99 Prozent am Parteitag waren überwiegend dem Parteigehorsam geschuldet. Indem sich die Bünde und Kammerchefs offen für eine Zweierregierung in den Koalitionsverhandlungen aussprechen, beweisen sie, dass sie sich am Beginn der Ära Mattle nicht aufs Abstellgleis stellen lassen. Zugleich zeichnen sie damit ein politisches Bild, dass die Tiroler ÖVP bereits aus „mehreren Parteien“ besteht, weshalb eine Dreierkoalition zu instabil wäre.
Mattle mit oder gegen die ÖVP-Bünde geht  somit in das erste Kräftemessen. So komfortabel wie unter Platter wird es für Mattle vorerst nicht mehr sein.

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