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TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 16. August 2022 von Mario Zenhäusern "Tiroler ÖVP im Gegenwind"

Innsbruck (OTS) - Die schwarzen Umfragewerte sind dramatisch schlecht, die miserable Performance der Bundes-ÖVP tut ein Übriges. Spitzen­kandidat Anton Mattle hätte ein paar Monate mehr gut gebrauchen können, um sich als Regierungschef zu profilieren.

Sechs Wochen vor den Landtagswahlen weht der Tiroler Volkspartei, die seit 1945 den Ton angibt im Land und in all diesen Jahren den Landeshauptmann stellte, ein scharfer Wind ins Gesicht. In sämtlichen Umfragen verliert die ÖVP dramatisch, aktuell wird den Schwarzen ein Absturz um deutlich mehr als zehn Prozentpunkte gegenüber dem Wahlergebnis von 2018 prognostiziert. Auch wenn das lediglich eine Momentaufnahme darstellt – die schwarzen Vorzeichen stehen ohne jeden Zweifel auf Sturm.
Der Wechsel von Günther Platter zu Anton Mattle an der Spitze der Partei hat an der tristen Gesamtsituation nichts geändert, sondern scheint sie im Gegenteil eher zu verstärken. Das liegt in erster Linie daran, dass der Plan von Günther Platter – hier der neue Partei-Chef Mattle, der in aller Ruhe Wahlkampf betreiben kann und gleichzeitig versuchen muss, seinen noch ausbaufähigen Bekanntheitsgrad zu steigern, dort der amtierende Landeshauptmann Platter, der weiter die Regierungsgeschäfte führt und dem von ihm selbst auserkorenen Nachfolger den Rücken freihält – offenbar (noch?) nicht aufgeht. Viel zu oft muss Mattle, der formal immer noch „nur“ Wirtschaftslandesrat ist, zu Themen Stellung nehmen, die an und für sich „Chef-pflichtig“ wären. Viel zu oft muss er als Landeshauptmann agieren, obwohl er es noch nicht ist. Wenn dann wie zuletzt bei der Tiwag-Sonderdividende auch noch Kommunikationsprobleme dazukommen, bietet das der Opposition völlig unnötigerweise Angriffsflächen, die sie natürlich beinhart ausschlachtet. Schonzeit gibt es im Wahlkampf keine.
Ob es wahltaktisch geschickt war, den Wechsel nur halb zu vollziehen und die Wahl auch noch vorzuverlegen, wird sich am 25. September weisen. Klar ist aber bereits jetzt, dass Anton Mattle ein paar Monate mehr gut hätte gebrauchen können, um sich als Regierungschef zu profilieren.
Zu allem Überdruss zeigt aktuell auch noch der Bundestrend steil nach unten. Bei den Landtagswahlen 2018 konnten die Tiroler Schwarzen noch von den außergewöhnlichen Beliebtheitswerten des damaligen Bundesparteiobmanns Sebastian Kurz profitieren. Nur vier Jahre und eine schier unendliche Reihe von Verfehlungen im Dunstkreis der Bundes-ÖVP später ist es nun genau umgekehrt: Die schwache Performance der Parteispitze in Wien und vor allem die immer wieder neu auftauchenden Vorwürfe – zuletzt kritisierte bekanntlich der Rechnungshof die Förderpraxis der Covid-19-Finanzierungsagentur des Bundes GmbH (Cofag) scharf – schaden der Tiroler ÖVP massiv. Dabei könnte sie mehr denn je Rücken- und nicht Gegenwind gebrauchen.

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