- 08.08.2022, 22:00:17
- /
- OTS0077
Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 9. August 2022. Von MICHAEL SPRENGER. "Die blaue Teflonpartei".
Innsbruck (OTS) - Skandale und Abspaltungen bestimmten die jüngere
Parteigeschichte. Jetzt befindet sich die FPÖ im Sumpf parteiinterner
Intrigen. Einzelne Landesorganisationen gehen auf Distanz zu Herbert
Kickl. Eine Zerreißprobe.
Dass die FPÖ weiterhin in Umfragen bei 20 Prozent liegt, gehört zu
den Besonderheiten des Zustandes der Republik. Die Partei hat sich
seit mehr als 35 Jahren, als sie von Jörg Haider von einer
Kleinpartei zu einer mittelgroßen rechten Partei gemacht worden ist,
eine Teflonschicht zugelegt, an der scheinbar alles abperlt. Mit dem
Liberalen Forum und dem BZÖ war sie mit zwei Abspaltungen
konfrontiert, zweimal scheiterte sie grandios beim Versuch, als
Regierungspartei zu reüssieren, häufig waren und sind die
Verstrickungen ihrer Mandatare in Korruptionsfällen, einige davon
nahmen auf der Anklagebank Platz, immer wieder tauchte die Partei
bewusst tief ein ins rechtsextreme Milieu, zeigte keine
Berührungsängste mit Verschwörungsanhängern, kokettierte mit dem
Austritt aus der EU, sucht immerzu aufs Neue die Kooperation mit
autoritären Regimes – und geht bis heute mit menschenverachtenden
Slogans auf Stimmenfang.
Bis auf zeitlich knapp bemessenen Wählerschwund, den die
Freiheitlichen immerzu wettmachen konnten, scheint die Partei ihren
Platz in der Parteienlandschaft abgesichert zu haben.
Jetzt befindet sich die Partei um Herbert Kickl erneut in
Turbulenzen, und es sind innerparteiliche, die die FPÖ neuerlich vor
eine Zerreißprobe stellen. Zudem hat dieser Fall eine mehr als
tragische Note. Wir wissen nicht, was letzten Endes der oder die
Auslöser waren, die zum Suizidversuch von Hans-Jörg Jenewein geführt
haben. Zurückhaltung ist jedenfalls angebracht. Spekulationen sind
unangemessen. Ein Selbstmordversuch ist immer ein Akt der
Verzweiflung. Also ist Jenewein zu wünschen, dass er – mit
professioneller Hilfe – aus seinem dunklen Tal herausfindet.
In einem dunklen Tal befindet sich zudem die FPÖ. Dieses gilt,
ausgeleuchtet zu werden. Dabei geht es um Machtkämpfe, um Intrigen,
um anonyme Anzeigen. Und natürlich geht es auch um die Zukunft von
Kickl, dessen enger Vertrauter Jenewein war. In der Vorwoche musste
Jenewein auf Geheiß der Parteiführung die FPÖ verlassen. Zugleich
gehen immer mehr Landesorganisationen auf Distanz zu Kickl, wollen
mit seinem Stil nichts mehr gemein haben.
Wie schwer die Partei mit den jüngsten Vorwürfen und Verdächtigungen
zu kämpfen hat, ist an der kurzfristigen Absage der Pressekonferenz
von Walter Rosenkranz abzulesen. Er wollte gestern seinen
freiheitlichen „Weg zur Bundespräsidentschaft“ skizzieren. Der Termin
soll heute stattfinden.
Rosenkranz und mit ihm die Tiroler FPÖ werden bald erkennen, ob die
freiheitliche Teflonschicht nunmehr beschädigt worden ist.
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PTT






