- 12.06.2022, 23:00:32
- /
- OTS0040
TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Überraschend, und doch erwartet", von Mario Zenhäusern
Ausgabe vom Montag, 13. Juni
Utl.: Ausgabe vom Montag, 13. Juni =
Innsbruck (OTS) - Die Tiroler Landtagswahlen werden vorverlegt,
Landeshauptmann Günther Platter wird nicht mehr antreten. Neuer
Spitzenkandidat der ÖVP wird Toni Mattle, der vor einer
Herkulesaufgabe steht.
Die Ankündigung von Landeshauptmann Günther Platter, entgegen
seinen bisherigen Aussagen bei den bevorstehenden Landtagswahlen doch
nicht mehr zu kandidieren, kam gestern vom Zeitpunkt her
überraschend. Letztlich aber war der Rückzug des langjährigen
Spitzenpolitikers von vielen seit geraumer Zeit erwartet worden.
Einen direkten Auslöser für den Schritt gibt es nicht, aber eine
ganze Reihe von Gründen.
Fakt ist: Mit der neuen ÖVP, geprägt von Alt-Kanzler Sebastian
Kurz, konnte sich der deklarierte „Schwarze“ Platter nie richtig
anfreunden, auch wenn er sich in der Öffentlichkeit mit Kritik an
Strahlemann Kurz immer zurückhielt und ihn auch heute noch verteidigt
als Mann, der die ÖVP zu sensationellen Wahlerfolgen geführt hat. Die
Schattenseiten der Ära Kurz blendet er dabei meist aus. Die für die
ÖVP und ihre Anhänger fatalen Folgen dieser Zeit – Chataffären,
Untersuchungsausschüsse, Misstrauensanträge, Ermittlungen der
Korruptionsstaatsanwaltschaft gegen ranghöchste ÖVP-Minister und
-Funktionäre, der mitunter raue Umgangston unter den „Parteifreunden“
und vieles mehr – machten Platter schwer zu schaffen. Die ständigen
Skandale auf Bundesebene, die raschen Wechsel im Bundeskanzleramt und
in den diversen Ministerien zermürbten den seit wenigen Tagen
68-Jährigen. Hinzu kamen persönliche Anfeindungen bis hin zu
Morddrohungen und die Tatsache, dass auch seine eigene Hausmacht
bröckelte. Die Umfragewerte sanken auch in Tirol auf ein
Rekordniveau, die Kritik – etwa der Touristiker, die sich von Platter
zu wenig vertreten fühlen – wurde zusehends lauter.
Wenn Günther Platter jetzt den Platz an der Spitze der ÖVP frei
macht, weicht er damit natürlich einer sich abzeichnenden
Wahlniederlage und einer schwierigen Regierungsbildung aus. Die wurde
mit dem Rückzug seiner langjährigen Koalitionspartnerin Ingrid Felipe
und der Wahl von Gebi Mair zum Spitzenkandidaten der Grünen um nichts
leichter. Platters Rückzug macht den Weg frei für eine Neuausrichtung
der ÖVP in Tirol. Vor allem die jungen Wählerinnen und Wähler
erwarten sich von der Politik Antworten auf die brennenden Fragen der
Gegenwart. Themen wie Klimaschutz, Energiewende, leistbares Wohnen
oder soziale Gerechtigkeit bedürfen mehr als der Überschriften in den
diversen Koalitionsübereinkommen auf Bundes- und Landesebene. Ob Toni
Mattle für diese Aufgabe der Richtige ist, wird sich weisen. Auf
jeden Fall erspart der Rückzug Platters und die gleichzeitige
Vorverlegung der Landtagswahl uns allen einen langen, zermürbenden
Wahlkampf. Immerhin.
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PTT






