- 06.06.2022, 22:05:02
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Tiroler Tageszeitung, Leitertikel, Ausgabe vom 7. Juni 2022. Von PETER NINDLER. "Neue Wege, altes Denken".
Innsbruck (OTS) - Es benötigt noch viel Umdenken, damit Tirol
Modellregion für nachhaltigen Tourismus wird. Solange die Leitlinien
für eine 300-Betten-Grenze unverbindlich sind, ist die Politik
gefordert. Nicht nur LH Platter, sondern auch die Gemeinden.
Die Obergrenze von 300 Betten in Beherbergungsbetrieben pickt. Nicht
rechtlich, dafür politisch bei Tourismusreferent und Landeshauptmann
Günther Platter (VP). Und das nicht zu knapp. Dass die mit der
Tourismuswirtschaft vereinbarte Grenze mit dem namhaften und weit
über Tirol hinaus bekannten Arlberg Hospiz in St. Christoph gleich
auf die Probe gestellt wird, ist für den Landeshauptmann Fluch und
Segen zugleich.
Schließlich hat es Signalwirkung, wenn sich eine Tourismushochburg
wie St. Anton in der Widmungspolitik nicht an die politisch
festgezurrten Leitlinien des Landes hält und ein Tiroler Leitbetrieb
diese vorerst mit „maximal 384 Betten“ schlichtweg ignoriert. Platter
kann jetzt allerdings gar nicht anders, als auf eine Reduktion zu
pochen. Denn die Bettenobergrenze symbolisiert deutlicher als alles
andere die Glaubwürdigkeit des von ihm forcierten neuen Wegs im
heimischen Tourismus, zum anderen Platters politisches
(Tourismus-)Gewicht. Darin liegt freilich auch die große Chance.
Wie es aussieht, werden es am Ende der Verhandlungen wohl weniger
Betten im um- und neugebauten Arlberg Hospiz sein. Das kann der
Landeshauptmann letztlich als seinen Erfolg verbuchen. Unabhängig
davon wäre es generell eine wesentliche Botschaft, dass eine
nachhaltige und verantwortungsvolle Tourismusentwicklung in Tirol
nicht nur in Worte gefasst, sondern in der Realität immerhin
umgesetzt wird. Zu wichtig ist der Tourismus im Land, vor zu großen
Herausforderungen stehen die Hoteliers.
Neben dem eklatanten Personalmangel geht es in den nächsten Jahren in
Tirol um die Übergabe von 2600 meist familiengeführten
Hotelbetrieben. Deshalb benötigt es Perspektiven wie Qualität und
Wertschöpfung vor Quantität bzw. finanziellen „Schleuder“-Angeboten.
Investorenmodelle, touristische Großbetriebe, Chaletdörfer oder
illegale Freizeitwohnsitze – die Politik muss handeln. Mit der
Widmungspolitik hätten die Gemeinden dafür einen mächtigen Schlüssel
in der Hand.
Die kommunale Autonomie macht es dem Land jedoch nicht ganz einfach,
oft agiert die regionale Politik zu nahe an den handelnden Personen.
Darin liegt obendrein die große Schwäche von unverbindlichen
Entwicklungskonzepten nicht nur im Tourismus. Das Land zieht nämlich
nicht an einem Strang, von Günther Platters gewünschter Modellregion
im Tourismus ist Tirol noch ein gutes Stück entfernt. Das geht über
die 300er-Grenze bei den Hotelbetten hinaus und endet in den
Skigebieten mit umstritteten Zusammenschlüssen oder geplanten
Gletscherehen im Oberland.
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