• 12.05.2022, 22:00:03
  • /
  • OTS0241

TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Freitag, 13. Mai 2022, von Manfred Mitterwachauer: "Die überfällige Reform, Part 1"

Innsbruck (OTS) - Die steigende Unzufriedenheit der Pflegekräfte und
den „Pflege-Notstand“ im Genick, hat Gesundheitsminister Rauch ein
Reform-Paket präsentiert. Eines, das nicht wenig Anerkennung erntet.
Ihre Effektivität muss die Reform erst beweisen.

Die Zielsetzung ist formuliert: Bis 2030 wird der prognostizierte
Bedarf an zusätzlich 76.000 Pflegekräften in Österreich abgedeckt
sein. Das sagten Gesundheitsminister Johannes Rauch (Grüne) und
VP-Klubchef August Wöginger (VP) gestern bei der Präsentation des
Pflege-Pakets im Brustton der Überzeugung. Türkis-Grün wähnt sich mit
„der größten Pflegereform der vergangenen Jahrzehnte“ auf dem
richtigen Weg. Und bereits am Ziel. Dabei war es lediglich ein
erster, überfälliger Schritt.
Bereits unter Ex-Kanzler Wolfgang Schüssel wurde sie versprochen.
Konkreter angeteasert hat ein Paket viele Jahre später Rudolf
Anschober. Angekündigt hat die Reform dann Wolfgang Mückstein. Aber
erst Rauch, der dritte grüne Gesundheitsminister seit 2020, hielt
Wort. Nicht ohne Inszenierung. Just am Tag der Pflege, just bevor die
Gewerkschaften und mit ihnen – ob der jahrelangen gesellschaftlichen
wie politischen Missachtung und Geringschätzung ihres Berufs –
frustrierte, überarbeitete, aber dennoch für ihren Job brennende
Pflegekräfte auf die Straße gingen.
Inhaltlich hat Rauch der Pflege-Zukunft ges­tern einige der lange
geforderten Leitplanken verpasst. Davon zeugt auch, dass das Paket –
bis auf wenige Ausnahmen – von unterschiedlichsten Seiten Anerkennung
erntete. Eine Milliarde ist nicht nichts. Soziale Absicherung in der
Ausbildung, Öffnung für die Lehre, mehr Kompetenzen in der Arbeit am
Klienten auf der einen, Entlastung für pflegende Angehörige auf der
anderen Seite: Die Richtung stimmt. Freilich: Manches, was in Wien
als Novität gepriesen wird (Bsp.: zusätzliche Entlastungswoche), ist
in Tirol (für Landes- und Gemeindevertragsbedienstete) schon
Realität. Zudem ist vieles erst noch auszuverhandeln, wenn nicht
sogar auszufechten. Ob mit Ländern oder Sozialpartnern. Fallstricke
für die Reform gibt es noch zur Genüge.
Das Paket soll die größten Baustellen in der Pflege beseitigen.
Die Zeitschiene ist und bleibt das große Fragezeichen. Ein Beispiel:
Die Pflege-Lehre soll im Herbst 2023 starten. Die ersten werden die
Pflegefachassistenz-Lehre 2027 abschließen. Drei Jahre, bevor die
Koalition die Personallücke geschlossen haben will. Fünf Jahre,
nachdem aktuell bereits der Hut brennt. Gänzlich unbeantwortet bleibt
vorerst, wie der Reform zweiter Teil aussehen soll: jener der
langfristigen, solidarischen Zukunftsfinanzierung der Pflege.
Bill Belichick, einstiger Football-Trainer des
Super-Bowl-Dauersiegers Tom Brady, hatte für sein Team eine simple
Erfolgsformel parat: Do your job. Das hat Rauch gestern getan: seine
Arbeit. Das ist löblich. Extra-Applaus braucht’s keinen. Eher ist man
verleitet, Zugabe zu rufen. Denn abgeschlossen ist die Pflege-Reform
lange nicht.

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PTT

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel