- 17.03.2022, 14:27:08
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Rinderzucht Austria-Seminar "Tierwohl - transparent, nachvollziehbar, messbar"
Thema im Spannungsfeld von Produzentenerfordernissen, Konsumentenwünschen und Handelsvorgaben
Utl.: Thema im Spannungsfeld von Produzentenerfordernissen,
Konsumentenwünschen und Handelsvorgaben =
Wien (OTS) - Das Rinderzucht Austria-Seminar fand heuer wieder als
Präsenzveranstaltung im Heffterhof in Salzburg statt. Rund 100
Teilnehmer aus dem In- und Ausland freuten sich auf den Austausch und
auf die Beiträge rund um das in der Öffentlichkeit viel diskutierte
Thema Tierwohl. Die Konsumenten haben Erwartungen, der Handel
versucht diesem Wunsch mit Vorgaben nachzukommen, die Landwirte
wünschen sich gesunde Tiere für ihre Milchviehbetriebe sowie faire
wirtschaftliche Abgeltungen. Die Interessen aller Beteiligten sind
unterschiedlich und bringen viel Spannungspotenzial mit sich.
Zu Beginn widmete sich Prof. Dr. Christoph Winckler von der
Universität für Bodenkultur der Frage, wie Tierwohl grundsätzlich
definiert wird als auch messbar ist. Lange Zeit nur über die
Ressourcen beurteilt, wird das Thema heute viel umfassender
betrachtet. Dabei werden tierbezogene Indikatoren, wie direkte
Beobachtungen am Tier oder Gesundheitsparameter, einbezogen, um die
Lebensqualität der Tiere zu erhöhen und Leiden zu reduzieren. Dadurch
sind umfassendere Aussagen über das Wohlergehen des Tieres sowie
Verbesserungsmaßnahmen für den Betrieb, das Herdenmanagement und die
Zusammenarbeit mit der Tierärzteschaft möglich.
Tierwohl-Daten im Rinderdatenverbund
Die Bedeutung von Tiergesundheit und Tierwohl ist in der Zucht, im
Herdenmanagement, in der Qualitätssicherung laut Dr. Christa
Egger-Danner (ZuchtData) in den letzten Jahren stark gestiegen. Die
Routinedatenerfassung im Rinderdatenverbund (RDV) wurde um das
Gesundheitsmonitoring Rind oder die Klauendatenerfassung
kontinuierlich erweitert. Die Daten sind eine wichtige Grundlage für
die Verbesserungsmaßnahmen, die differenzierten Datenerfassungen mit
den unterschiedlichen Merkmalsdefinitionen stellen jedoch große
Herausforderungen dar. Durch die Datenvernetzungen sind
betriebsübergreifende Auswertungen und multifunktionale Nutzungen,
wie für das Herdenmanagement, die Zucht, die Tiergesundheit und das
Qualitätsmanagement, möglich. Die Rinderzucht Austria Projekte GMON,
Efficient Cow, D4Dairy, Klauen-Q-Wohl brachten eine Vielzahl an
relevanten Tierwohl-Messwerten hervor und sind wichtige Werkzeuge für
die Dokumentation sowie Unterstützung von Verbesserungsmaßnahmen. Es
geht nun darum, die Synergien für die Zucht, das Herdenmanagement und
die Qualitätssicherung zu nutzen, zusammenzuarbeiten und bestehende
Datenquellen auszuschöpfen, damit der Aufwand für die Betroffenen
reduziert und der Nutzen erhöht werden kann.
Tierwohl-System "Q Check"
Online zugeschaltet stellte Dr. Jan Brinkmann vom renommierten
Thünen-Institut in Deutschland "Q Check" vor, ein Tierwohl-System,
das von der betrieblichen Eigenkontrolle bis zum nationalen
Monitoring reicht. Das in die Tierwohl-Strategie des deutschen
Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft eingebettete
Projekt mit über 3,7 Mio. einbezogenen Kühen hat zum Ziel, Daten zum
Nutzen für Mensch-Tier-Umwelt zu liefern. Der "Q Check"-Report
zeichnet sich durch praxistaugliche, automatisiert erfassbare und
aussagekräftige Indikatoren aus, die im Vorfeld präzise ausgewählt
wurden. Die umfassenden Datengrundlagen aus der Leistungsprüfung sind
Grundlagen darfür. Die verschiedenen Akteure der Milchviehbranche
sowie auch NGOs waren in diesen Prozess eingebunden.
Zucht für mehr Tierwohl
Welchen Beitrag die Zucht für mehr Tierwohl bringt, beleuchtete
Dr. Christian Fürst (ZuchtData). Die geschichtliche Entwicklung für
Zuchtwerte für mehr Tierwohl geht auf das Jahr 1995 mit der
Einführung der Zuchtwertschätzung für Nutzungsdauer zurück.
Mittlerweile gibt es weiters Zuchtwerte für Zellzahl, Kalbeverlauf
und Totgeburten, Aufzuchtverluste, Gesundheit, Klauengesundheit
(Holstein) und Stoffwechselstabilität. Bei fast allen Rassen werden
Fitness- und Gesundheitsmerkmale im Zuchtziel höher gewichtet als
Milch. Eine stabile bis leicht positive genetische Entwicklung bei
den tierwohlrelevanten Merkmalen ist zu beobachten. Ein wichtiger
Bestandteil der genomischen Zuchtwertschätzung ist seit 2010 das
Monitoring für Erbfehler und genetische Besonderheiten, wie
Hornlosigkeit. Weiterentwicklungen der Zuchtwerte für
Klauengesundheit sowie Stoffwechsel für Fleckvieh und andere Rassen
sind in Arbeit.
Tierwohl 4.0
Viel Potenzial zu Tierwohl wird durch neue Technologien erwartet.
An aussagekräftigen Kennzahlen aus Sensordaten arbeitet die
Rinderzucht Austria federführend mit Partnern aus Wirtschaft,
Wissenschaft und landwirtschaftlichen Organisationen im Rahmen des
Projektes D4Dairy. Dr. Katharina Schodl (ZuchtData) präsentierte
neueste Ergebnisse des Digitalisierungsprozesses, der in der
Landwirtschaft eine immer größere Rolle spielt. Verschiedene
Sensorsysteme am, im und um das Tier zeigen präventiv Abweichungen,
schlagen Gesundheitsalarme und lassen Vorbeugemaßnahmen gezielter
setzen.
Der Nachmittag stand im Zeichen der Umsetzung in die Praxis. Prof.
Dr. Christian Dürnberger von der Vetmeduni Wien widmete sich hier den
hohen Erwartungen der Konsumenten sowie dem teilweise kritischen
Selbstbild der Landwirte.
Dr. Elfriede Ofner-Schröck, HBLFA Raumberg-Gumpenstein,
präsentierte die ersten Ergebnisse des Tools "FarmLife Welfare" zur
Unterstützung der Praxis in der Tierhaltung. Tierbezogene
Indikatoren, wie durch die Beurteilung der Klauen, Lahmkeit,
Ernährung, lassen eine Stärken-Schwächen-Analyse im Stall zu.
Was brauchen die Landwirte?
Die Junglandwirtin Karoline Strauß aus der Steiermark motivierte
das Publikum, die Herausforderungen selbst in die Hand zu nehmen und
betriebsindividuelle Alternativen zu überlegen. Der hohe
Tierwohlstandard soll gemäß dem Motto "Geht's dem Tier gut, geht's
dem Landwirt gut" in der Praxis gelebt werden.
Nationale Tierwohlkennzeichnung
Wie eine nationale Strategie und Umsetzung einer
Tierwohlkennzeichnung in der österreichischen Milchwirtschaft
ausschauen könnte, stellten Helmut Petschar, Präsident der
Vereinigung Österreichischer Milchverarbeiter, und Dipl.-Ing. Rüdiger
Sachsenhofer vom AMA-Marketing vor. Hierbei geht es darum, für die
kleinstrukturierte Milchwirtschaft in Österreich ein praktikables
System zu installieren und eine Branchenlösung mit allen Partnern zu
erreichen. Diese Kennzeichung, eingebettet im Rahmen des
AMA-Gütesiegels, soll für die Konsumenten leicht und einfach
erfassbar sein sowie mit einer gemeinsamen Kommunikationslinie
versehen werden.
Eine Diskussionsrunde mit den Referenten sowie mit Stefan Lindner,
Obmann der Rinderzucht Austria, und Johannes Schmidt, BSc, von der
Landwirtschaftskammer Österreich rundeten den informativen Seminartag
ab.
Die Rinderzucht Austria (www.rinderzucht.at) ist die
Interessenvertretung der über 22.000 österreichischen
Rinderzüchterinnen und -züchter. Mitglieder sind die
Rinderzuchtverbände, Landeskontrollverbände, Landwirtschaftskammern,
Besamungsorganisationen und Rassenarbeitsgemeinschaften. Der
unabhängige Dachverband wurde 1954 als "Zentrale Arbeitsgemeinschaft
österreichischer Rinderzüchter" gegründet. Die wichtigsten Aufgaben
sind Interessenvertretung, Herdebuchführung, Leistungsprüfung,
Zuchtwertschätzung, Marketing, Forschung, Bildung. (Schluss)
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