• 20.01.2022, 22:00:32
  • /
  • OTS0261

TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Ausgabe vom Freitag, 21. Jänner 2022, von Manfred Mitterwachauer: "Nachhaltig verärgert"

Innsbruck (OTS) - Die Pandemie hat am Image von Landeshauptmann
Günther Platter als „oberstem Touristiker“ im Land stark genagt. Mit
der vorliegenden Novelle zum Tourismusgesetz zieht sich der ÖVP-Chef
branchenintern einen weiteren Schiefer ein.

In Zeiten von Nächtigungsrekorden und fern jeglicher Virusmutationen
hatte Günther Platter (VP) unter den Touristikern leichtes Spiel. Der
Tourismusreferent konnte sich von Sölden bis Kitzbühel sonnen, wie es
ihm beliebte. Die ein oder andere dunkle Wolke, die der umweltaffine
Koalitionspartner namens Grüne da oder dort gegen touristische
Großprojekte aufziehen ließ, trübte die Stimmung in der Regel nicht
allzu lange. Diese Zeiten sind vorbei. Das Coronavirus und die
wirtschaftliche Folgen kann Platter nicht wie gewohnt teflonartig von
sich abprallen lassen. Der Ausfall nicht nur einer, sondern – zu
befürchten – beinahe zweier Wintersaisonen hat in der Tiroler
Tourismuswirtschaft Zweifel geschürt, ob Platter noch der richtige
Mann für dieses Ressort ist. Dass der „Chef“ nun mit einer Novelle
des Tourismusgesetzes branchenintern erneut viele vor den Kopf stößt,
nährt diese – ein Jahr vor der Landtagswahl – nur noch mehr.
Es war Wirtschaftskammerpräsident Christoph Walser (VP), der im
März 2021 das bis dato Unaussprechliche wagte und Platter
medienöffentlich die Abgabe der Tourismusagenden ans Herz legte.
Zumindest für die Dauer der Pandemie. Oberster Krisenmanager und
oberster Touristiker – beides gehe sich nicht aus. Der Ausgang ist
bekannt: Walser wurde zurückgepfiffen.
Doch Platter wird die Image-Delle nicht los. Seine Überarbeitung
des „Tiroler Wegs“, der Tourismustrategie des Landes, war zwar
überfällig. Schon lange bevor Ischgl zum Corona-Ballermann mutierte,
sorgte der „Overtourism“ dafür, dass die Branche an Rückhalt in der
Bevölkerung verlor. Ohne den Fokus auf Nachhaltigkeit ist Tourismus
nicht mehr zukunftsfähig. Diesen auch gesetzlich festzuschreiben, ist
nicht verkehrt. Die vorliegende Novelle wirkt aber überhastet und
nicht zu Ende gedacht. Nachhaltigkeitskonzepte ohne verbindlichen
Umsetzungscharakter für alle (!) TVB-Mitglieder sind nutz-, weil
wirkungslos. Wieso Verbände, unabhängig von ihrer Struktur und Größe,
allesamt mit eigenen Nachhaltigkeitskoordinatoren zwangsbeglücken,
wenn regionale Kooperationen Personal und Geld sparen helfen könnten?
Und: Wie tief soll Nachhaltigkeit im Tourismus ihre Wirkung
entfalten? Sind denn Hotelbetriebe, die nicht ganzjährig geöffnet
haben, nachhaltig? Was fehlt, sind bereits festgelegte, übergeordnete
inhaltliche Leitplanken.
Die Verantwortung für eine allseits gedeihliche Entwicklung im
Land wollen viele Touristiker übernehmen. Die Novelle kommt aber zur
Unzeit. Die Pandemie stellt viele aktuell nicht vor die
Nachhaltigkeits-, sondern primär vor die Überlebensfrage. Platters
Antwort lässt daher viele in der Branche ratlos und verärgert zurück.

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PTT

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel