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Offener Brief an: Bildungsminister, Familienministerin, Finanzminister sowie alle neun Landeshauptleute

Vereinbarung gemäß Art. 15a B-VG zwischen dem Bund und den Ländern über die Elementarpädagogik ab dem Kindergartenjahr 2022/23 – es ist jetzt Zeit zu handeln

Wien (OTS) - Ab Jänner 2022 starten die neuen Verhandlungen mit Ihnen und Ihren VertreterInnen zu den Schwerpunktsetzungen im Bereich elementarer Bildungseinrichtungen ab dem Kindergartenjahr 2022/23. Jetzt ist die Chance da, dass der Blick auf das gesunde, sichere und bildungsgerechte Aufwachsen für alle Kinder in Österreich verstärkt und wegweisend gerichtet wird. Gute elementare Bildungseinrichtungen können einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, damit alle Kinder in gleichwertigen Rahmenbedingungen entwicklungsförderlich begleitet werden.
„Die flächendeckende, qualitätsvolle und vor allem bedarfsgerechte Kinderbetreuung ist ein wesentliches Ziel der österreichischen Gemeinden“, heißt es auch im Positionspapier des österreichischen Gemeindebundes, welches aktuell veröffentlicht wurde.

(Stand: 14.12.2021)

Wir als ExpertInnen und PraktikerInnen im Bereich der elementaren Bildung sehen hier einen klaren Handlungsbedarf. Der oft zitierte Fleckerlteppich – da jedes Bundesland die finanziellen Mittel nach eigenen Kriterien vergeben kann – führt dazu, dass es österreichweit keine Mindestqualitätsstandards für die Parameter Gruppengröße, Fachkraft-Kind-Schlüssel, Ausstattung, Kosten, Inklusion usw. gibt.
In der UN-Kinderrechtskonvention – auch von Österreich unterzeichnet – werden Standards zum Schutz, Wohlbefinden, zur Entwicklung, Nichtdiskriminierung etc. von Kindern geregelt. Der Artikel 28 „Recht auf Bildung“ ist auch ein klarer Auftrag an die erste Bildungsinstitution Kindergarten (Anm.: in unserem Verständnis umfasst „Kindergarten“ jegliche Form der elementaren Kinderbildungs- und Betreuungsangebote). Eine kostenlose und inklusive Teilhabe sollte überall in Österreich für jedes Kind Standard sein.

Bildungspolitische Maßnahmen in der ersten Bildungseinrichtung setzen
Viele internationale Studien belegen den Nutzen einer guten frühkindlichen Bildung. Investitionen in diesem Bereich bringen dem Staat und der Gesellschaft ein Vielfaches zurück. Investitionen im frühkindlichen Bereich haben den größten „Return on Investment“. Jeder in frühkindliche Bildung investierte Euro lohnt sich! Je früher damit begonnen wird, desto besser.
Wir fordern Sie alle – Bildungsminister Martin Polaschek, Familienministerin Susanne Raab, Finanzminister Magnus Brunner und alle neun Landeshauptleute, Hans Peter Doskozil, Wilfried Haslauer, Peter Kaiser, Michael Ludwig, Johanna Mikl-Leitner, Günther Platter, Hermann Schützenhöfer, Thomas Stelzer und Markus Wallner daher auf, über Parteigrenzen hinweg langfristige Investitionen und qualitative Verbesserungen gemeinsam zu beschließen und diese auch verbindlich umzusetzen. Die anstehenden Vereinbarungen zur 15a-Regelung müssen jetzt dafür genutzt werden.

#kindergartenbraucht: einheitliche österreichweite Mindeststandards
Zu den wichtigsten Verbesserungen im Bereich der Qualität zählen die Verkleinerung der Gruppengröße und damit die Verbesserung des Fachkraft-Kind-Schlüssels. Diese müssen wissenschaftlichen Erkenntnissen entsprechend angepasst und österreichweit verbindlich umgesetzt werden.
Die Kosten für den Kindergartenbesuch sind nicht nur von Bundesland zu Bundesland verschieden, hier gibt es aufgrund einer Schieflage der Finanzierungssätze zugunsten öffentlicher Einrichtungen zusätzlich gravierende Unterschiede zwischen öffentlichen und privaten BetreiberInnen. Im Sinne einer Chancengerechtigkeit muss das Ziel sein, dass jedes Kind Anspruch auf einen kostenlosen und qualitativ hochwertigen Kindergartenplatz hat.

Gelebte Inklusion
Der Kindergarten muss ein inklusiver Ort sein, wo alle Kinder einen Platz finden und selbstbestimmt, gleichberechtigt und umfassend teilhaben können. Dies muss unabhängig von Behinderungen, Geschlecht, Entwicklung, Religion oder sozialen und sozio-ökonomischen Bedingungen, unter denen Kinder aufwachsen, möglich sein. Inklusion heißt, dass es selbstverständlich ist, SpielkameradInnen und FreundInnen zu haben, die in ihren Ausdrucksmöglichkeiten, ihrem Tempo oder ihrer Leistungsfähigkeit anders sind. Eine inklusive Haltung unterstützt die Partizipation aller Kinder und wirkt Ausgrenzung von Anfang an entgegen.

Arbeitsbedingungen für MitarbeiterInnen
Im Sinne eines österreichweit gleich attraktiven Arbeitsmarktes für PädagogInnen braucht es bundesweit vergleichbare Rahmenbedingungen: Öffnungs- und Schließzeiten, Gehälter und Urlaubsanspruch müssen für alle MitarbeiterInnen gleich geregelt sein, denn wie die Kinder brauchen auch die MitarbeiterInnen von Vorarlberg bis ins Burgenland nachvollziehbare und einheitliche Bedingungen.

Erster Schritt: 1% vom BIP für die Elementarpädagogik
Dass das System der frühkindlichen Bildung in Österreich hinterherhinkt und unterfinanziert ist, zeigt der Vergleich mit anderen europäischen Ländern. Hier sind Sie Herr Bundesminister Brunner für das Finanzressort gefordert, eine entsprechende Priorisierung der Budgetmittel vorzunehmen, damit die Qualitätsoffensive umgesetzt werden kann. In einem ersten Schritt muss das Budget von derzeit 0,6 % auf mindestens 1% vom BIP angehoben und langfristig auf eine gute und solide finanzielle Basis gestell werden. Das Ziel für die nächsten Jahre muss sein, dass wir Schritt für Schritt zu einer Vorzeigenation im Bereich der elementaren Bildung werden – österreichweit und mit verbindlichen Mindeststandards.
https://awblog.at/beste-kinderbetreuung-und-bildung-leisten/ (Stand: 14.12.2021)
(Bildung auf einen Blick 2016, S. 393, Stand: 14.12.2021)

Kinder und ihre Zukunft
Bereits spürbare Folgen der Pandemie zeigen auf, dass allen voran Kinder und Jugendliche unter den Einschränkungen von Sozialkontakten leiden. Kinder und Jugendliche sind unsere Zukunft, wir müssen jetzt dafür Sorge tragen, dass wir ihnen die bestmögliche Unterstützung und Begleitung zukommen lassen, damit sich alle gut entwickeln können. Sie dürfen nicht mit ihren Sorgen und Ängsten alleine gelassen werden. Ein Kindergarten, der über gut ausgebildete MitarbeiterInnen verfügt, die Zeit für jedes einzelne Kind haben, kann das. Im Sinne einer gelungenen Inklusion und in Anbetracht von möglichen Auswirkungen der Corona-Pandemie müssen Kinder, die in ihrer Entwicklung mehr benötigen, im Kindergartensetting durch ein Netzwerk – bestehend aus einem interdisziplinären Zusatzpersonal aus den Fachbereichen Inklusive Elementarpädagogik, Psychologie, Sozialarbeit, Ergotherapie, Logopädie etc. – begleitet werden. Als familienergänzende Institution kann im Bereich der Elementarpädagogik schnell und niederschwellig im Zusammenspiel mit Eltern zum Wohle des Kindes gehandelt werden. Es ist Zeit, den Kindergarten nicht nur formal als erste österreichweite Bildungsinstitution anzuerkennen, sondern von politischer Seite auch Taten folgen zu lassen, die diesem Anspruch gerecht werden.

Was ist zu tun?
Einigen Sie sich auf qualitative österreichweite Mindeststandards, damit Kinder einen gelungenen Start in ihre Bildungslaufbahn erfahren und ElementarpädagogInnen ihr gesamtes Wissen und Können in der Praxis anwenden können.

Was ist notwendig?
- Ein angemessener, auf Evidenz basierender Fachkraft-Kind-Schlüssel
- Weniger Kinder in den Gruppen
- Hohe Qualifikation des Personals und eine angemessene Entlohnung

Was ist der Output?
So können ElementarpädagogInnen qualitativ hochwertige Impulse setzen, Kinder gezielt in ihrer Entwicklung abholen und sie am Beginn ihrer Bildungslaufbahn sowie in ihrer individuellen Kompetenzentwicklung unterstützen. Ein guter Fachkraft-Kind-Schlüssel wirkt sich in allen Bereichen – sprachlich, motorisch, sozial-emotional sowie kognitiv, die ein Kind für eine ganzheitliche Entwicklung benötigt, positiv aus. Davon profitiert jedes einzelne Kind – und letztendlich auch der Staat, weil es gesunde und kompetente Erwachsene sein werden, die motiviert, engagiert und gut gestärkt ins Berufsleben einsteigen.

Im Namen von
AUFTRAG. BILDUNG. Trägerinitiative Kinderbetreuung mit ihren Mitgliedern:
BÖE – Bundesverband Österreichischer Elternverwalteter Kindergruppen, Grete Miklin
Caritas Österreich, Mag.a Edith Bürgler-Scheubmayr
Diakonie Österreich, Mag.a Johanna Pisecky
Hilfswerk Österreich, Mag.a Martina Genser-Medlitsch
Österreichische Kinderfreunde, Mag.a Daniela Gruber-Pruner
St. Nikolausstiftung Erzdiözese Wien, Mag. Elmar Walter
Volkshilfe Österreich, Barbara Gracher, BA, MSc

BEBEK-Berufsgruppe der elementaren Bildungseinrichtungen Kärntens, Mag.a Elisabeth Nuart, BA
Berufsgruppe für PädagogInnen in Kinderbildungseinrichtungen Salzburgs (BPKS), Nico Etschberger BA, BEd
EduCare – Verein zur Förderung der Elementarbildung, Viktoria Miffek, MSc
FH Campus Wien, Studiengang „Sozialmanagement in der Elementarpädagogik“, Mag.a Nina Hover-Reisner
IFEB, Initiative für elementare Bildung, Judith Ernst
IG-Kinderbildung und -betreuung Salzburg und „Verein gemeinsam wachsen“, Cornelia Ernst
#kinderbrauchenprofis, Mag.a Karin Gasparitz
Landesverband für selbstorganisierte Kindergruppen und Elterninitiativen Vorarlbergs, Bea Madlener-Tonetti
NeBÖ-Netzwerk elementare Bildung Österreich, Natascha J. Taslimi Bakk.phil., MSc
Pikler-Hengstenberg-Gesellschaft Österreich, Mag.a Daniela Pichler-Bogner
(alphabetische Auflistung)

Rückfragen & Kontakt:

St. Nikolausstiftung Erzdiözese Wien
Mag. Gabriele Zwick, 0664 610 13 98, g.zwick@nikolausstiftung.at

Hilfswerk Österreich
DI Roland Wallner, 0676 87 87 60 203, roland.wallner@hilfswerk.at

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