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TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Opportunismus rächt sich", von Mario Zenhäusern

Ausgabe vom Donnerstag, 4. November 2021

Innsbruck (OTS) - Die rasanten Zuwächse bei den Corona-Neuinfektionen sind die Konsequenz aus der zögerlichen Haltung der Politik, die aus Angst vor Stimmenverlusten vor unpopulären, aber eben notwendigen Maßnahmen zurückschreckt.

Es war abzusehen. Leider. Die Zahlen der Neuinfektionen mit dem Coronavirus explodieren geradezu. Fast 600 ware­n es gestern allein in Tirol, mehr als 6500 in ganz Österreich. Diese Zunahme ist mehr als besorgniserregend. Vor allem deshalb, weil mit der Steigerung bei den Neuinfektionen auch wieder deutlich mehr Menschen spitalsärztlicher und sogar intensivmedizinischer Betreuung bedürfen. Plötzlich steht das Schreckgespenst vom überlas­teten Gesundheitssystem wieder im Raum. Ein Teufelskreis. Auch wenn – was unbestritten ist! – die Impfung in den allermeisten Fällen vor schweren Covid-Erkrankungen schützt: Jeder Mensch, der aufgrund einer Infektion mit Langzeitfolgen zu kämpfen hat oder gar daran stirbt, ist einer zu viel.
Die aktuelle Krise ist hausgemacht. Obwohl in- und ausländische Experten vor einem neuerlichen Anstieg der Zahlen gewarnt haben und obwohl die Durchimpfungsrate erst bei knapp über 64 Prozent liegt, ließen die Regierungen auf allen Ebenen wertvolle Zeit verstreichen, ehe sie reagierten. Länder wie Dänemark haben vorexerziert, wie man die Bevölkerung im Kampf gegen das Virus mitnimmt. Der Lohn für die dort erzielte Impfquote von 76 Prozent sind Lockerungen, von denen die Menschen in Österreich nur träumen können. Ihnen droht im Gegenteil eine weitere Verschärfung. Von wegen Pandemie der Ungeimpften: Einschränkungen wie verschobene OP-Termine, strikte Besuchsregeln und PCR-Testpflicht in Spitälern oder Seniorenheimen werden alle treffen.
Doch nicht nur die Regierungen, auch die Sozialpartner haben ihren Teil zur weiteren Eskalation beigetragen. Dass die ab Montag notwendigen PCR-Tests weiterhin für alle und damit auch für Impf-Verweigerer kostenlos bleiben, ist nicht zuletzt auf eine diesbezügliche Forderung der Arbeiterkammer zurückzuführen. Damit entfällt für viele eine weitere Motivation, sich doch noch impfen zu lassen. Und die Wirtschaftskammer ist nach wie vor weder willens noch in der Lage, ihre Mitgliedsbetriebe zur genauen Umsetzung der bestehenden Verordnungen (3-G-Regel, Registrierung) zu animieren und gegen schwarze Schafe, die gegen diese Verordnungen verstoßen, energisch vorzugehen.
Bisher hat die Angst vor Stimmenverlusten die Politik daran gehindert, unpopuläre, aber nichtsdestotrotz notwendige Maßnahmen zu beschließen. Kostenpflichtige Tests für Impf-Gegner oder eine Impfpflicht zumindest für bestimmte Berufsgruppen bleiben tabu. Diese opportunis­tische Haltung rächt sich jetzt.

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