- 08.10.2021, 09:19:25
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Paul-Watzlawick-Ehrenring 2021 der Ärztekammer für Wien an Peter Klimek und Stefan Thurner übergeben
Wiener Vorlesungen zum Thema „Complexity Science – Zwischen neuem Weltbild und Pandemie-Management“

Utl.: Wiener Vorlesungen zum Thema „Complexity Science – Zwischen
neuem Weltbild und Pandemie-Management“ =
Wien (OTS) - Gestern, Donnerstag, Abend wurde der
Paul-Watzlawick-Ehrenring der Ärztekammer für Wien an die beiden
Komplexitätsforscher Peter Klimek und Stefan Thurner übergeben. Die
Überreichung erfolgte im Rahmen des Vortrags- und Diskursabends der
Wiener Vorlesungen im RadioKulturhaus durch den stellvertretenden
Kammeramtsdirektor der Ärztekammer für Wien, Hans-Peter Petutschnig,
und die Juryvorsitzende Elisabeth J. Nöstlinger-Jochum. ****
In ihrer Laudatio verwies Helga Nowotny, Vorsitzende des ERA
Council Forum Austria und Mitglied des österreichischen Rates für
Forschung und Technologieentwicklung, auf die Bedeutung der
Komplexitätsforschung:
„Komplexitätsforschung ist ein Zukunftsfeld, weil uns zunehmend
bewusst wird, wie sehr wir selbst Teil von komplexen Systemen in
einer komplexen Welt sind.“
Die Arbeit mit einer großen Datenmenge, die freilich aus der
Vergangenheit stammt, ermögliche zu erfassen, was noch im Werden ist
und somit in der Zukunft liegt: „Ein komplexes System besteht aus
Netzwerken, deren dynamisches Verhalten sich ständig verändert.
Netzwerke lassen sich modellieren. Sie reagieren auf Stress, zeigen
Robustheit oder kollabieren.“ Um ein System auch nur ansatzweise zu
verstehen, müsse man wissen, wie dessen Bausteine miteinander in
Beziehung stehen und sich ständig dynamisch verändern. In diesem
Sinne seien Peter Klimek und Stefan Thurner „die wissenschaftlichen
Proponenten der Erforschung emergenter Netzwerke in komplexen
Systemen“, so Nowotny.
Elimination als Pandemie-Option
Ehrenringträger Peter Klimek stellte seinen Vortrag unter das
Motto „Die sich selbst erfüllende Pandemie“ und verwies auf die immer
noch vorhandene Impfskepsis und Resistenz und die diversen
Exitstrategien: „Diese Abwärtsspirale haben wir uns selbst
konstruiert. Sie war keine epidemiologische Notwendigkeit.“ Er spielt
damit auf die Lockdowns und Öffnungen, welche die Menschen
verunsicherten, an.
„Wie wäre die Pandemie wohl verlaufen, hätten wir auch in Europa
eine Eliminierung des ursprünglichen Virus von Anfang an für möglich
gehalten und dies international koordiniert angestrebt? Stattdessen
haben wir eine Wirklichkeit nicht nur für uns selbst konstruiert,
sondern auch für alle anderen Länder. Vor allem Australien und
Neuseeland stehen vor den Trümmern ihrer erfolgreichen
Eliminierungsstrategien: Die Delta-Variante ist anscheinend so
ansteckend, dass Lockdowns bei geringer Impfquote zur Kontrolle der
Virusausbreitung nicht mehr reichen – oder hält sich dort
mittlerweile auch niemand mehr an die Maßnahmen?“
Klimek zeigt aber Zuversicht: „Die gute Nachricht ist, und damit
komme ich zurück zu Paul Watzlawick: Solche Kreisläufe können
durchbrochen werden. Hier ein paar neue Self-Fulfilling-Prophecies:
Eindämmungsmaßnahmen wirken. Elimination kann sehr wohl eine
Pandemie-Option sein. Und wir schaffen Digitalisierung! Wenn wir
daran glauben, wird es viel einfacher werden, eine nächste Pandemie
zu bewältigen.“
Warnung vor Polarisierungen
Der zweite Ehrenringträger Stefan Thurner, Begründer des Vienna
Complexity Hub, überleitete seine Dankesrede mit der Paraphrase zu
Watzlawick: „Man kann auch nicht kommunizieren“ warnte er für
Polarisierungen: „Polarisierung bedeutet, dass sich zwei oder mehr
Lager bilden, die sich zunehmend voneinander abgrenzen;
Fragmentierung heißt, dass sich Tausende Gruppen bilden, deren
Mitglieder untereinander kooperieren, ‚die anderen‘ jenseits der
eigenen Bubble aber nicht schätzen oder verstehen (wollen).“ In einer
Parallelgesellschaft fühlten sich Zehntausende, manchmal
Hunderttausende Menschen „der Gesellschaft“ nicht mehr zugehörig und
starteten allmählich, staatsähnliche Strukturen innerhalb des Staates
aufzubauen, wie es etwa bei arabischen Clans in Berlin, Bremen oder
Stockholm derzeit bereits zu beobachten sei.
Allen diesen Tendenzen sei gemeinsam, dass aufgrund der
Lagerbildung die Kommunikation auf gesellschaftlicher Ebene nicht
mehr funktionierte. Das aber gefährde die
Kompromissfindungsfähigkeit, und damit die Demokratie: „Wir konnten
zeigen, dass, je leichter Kommunikationspartner gewechselt werden
können, die Gesellschaft umso mehr Gefahr läuft, in Filterblasen zu
fragmentieren. Es gibt sogar einen Schwellwert, ab dem die
Gesellschaft schlagartig fragmentieren muss. Es existiert ein Tipping
Point für den Kollaps der Zivilgesellschaft. Wir können also einen
direkten Zusammenhang zwischen der Veränderung der
Kommunikationsmittel und der Bildung von Filterblasen durch das
Verschwinden von Kommunikationsbrücken in der Gesellschaft
herstellen.“
Petutschnig verwies anlässlich der Ring-Überreichung nochmals auf
das Ziel und die Grundidee des Ehrenrings: „Wir wollen den
interdisziplinären Dialog der Wissenschaft fördern und aufzeigen,
dass Medizin den Dialog mit den Geistes- und Sozialwissenschaften,
aber auch mit der Physik notwendig hat. Die beiden Preisträger
beweisen das gerade in ihrer vorbildhaften Arbeit während der
Pandemie.“
Einer der bedeutendsten Wissenschaftsawards
Der Paul Watzlawick Ehrenring zählt zu den bedeutendsten
Wissenschaftsawards im deutschsprachigen Raum. Die bisherigen
Ringträger sind: Robert Pfaller, Ulrike Guérot, Hartmut Rosa, Franz
Schuh, Konrad Paul Liessmann, Ruth Klüger (†), Walter Thirring (†),
Friedrich Achleitner (†), Rüdiger Safranski, Aleida Assmann und Peter
L. Berger (†). Für sein Lebenswerk wurde dieses Jahr zudem der Wiener
Philosoph Rudolf Burger mit dem Watzlawick Ehrenpreis ausgezeichnet,
wie einige Jahre davor schon die ungarische Philosophin Ágnes Heller
(†). (hpp)
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