- 05.10.2021, 22:00:02
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TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 6. Oktober 2021 von Peter Nindler "Systematische Vertuschung"
Innsbruck (OTS) - Die katholische Kirche muss sich endlich ohne Tabus
ihrer Verantwortung bei der Aufarbeitung von Missbrauch durch
Kleriker stellen. Frankreich reißt sie noch tiefer in den
Missbrauchsstrudel, die Bischofssynode wäre eine Chance dafür. Wohl
die letzte.
Wenn Papst Franziskus am Sonntag einen auf zwei Jahre angelegten
Diskussionsprozess für die Bischofssynode 2023 startet, kann das
nicht darüber hinwegtäuschen, dass die katholische Kirche nach wie
vor in einem Missbrauchsstrudel gefangen ist. Jetzt hat er die
französische Kirche erfasst, die zu den traditions- und
einflussreichsten in Europa zählt. Auf 2500 Seiten wird die „Schande
für die Menschlichkeit“, wie es das Missbrauchsopfer und Gründer der
Opfervereinigung „La Parole Libérée“ Francois Devaux drastisch
ausdrückt, erschütternde Gewissheit. Mehr als 330.000 Kinder und
Jugendliche wurden seit 1950 Opfer von sexuellem Missbrauch.
Die systematische Vertuschung durch Bischöfe und Kardinäle rächt
sich, die Kirche schlittert immer tiefer in eine Vertrauens- und
Glaubwürdigkeitskrise. Rom gelang bisher kein Befreiungsschlag, denn
dafür wäre absolute Transparenz im Umgang mit Missbrauchsvorwürfen
notwendig. Im Gegenteil: In regelmäßigen Abständen wird die
Öffentlichkeit mit bekannten Mustern von Missbrauchsskandalen von
Geistlichen konfrontiert, die bis hinauf in die Spitze des Klerus
reichen.
So hat das „Kölner Missbrauchsgutachten“ heuer in Deutschland ein
Erdbeben ausgelöst. Die Kirchenoberen im Erzbistum Köln schauten über
Jahre einfach weg und haben es verabsäumt, bei Bekanntwerden von
zigfacher sexualisierter Gewalt Verfahren gegen die Täter
anzustrengen. Kardinal Rainer Maria Woelki sieht sich seither mit
Rücktrittsaufforderungen konfrontiert, den der ehemalige Generalvikar
und nunmehrige Erzbischof von Hamburg Stefan Heße bereits eingereicht
hat. Deutschlandweit wurden laut Personalakten zwischen 1946 und
2014 rund 1670 Kleriker des sexuellen Missbrauchs beschuldigt.
In Kanada schockiert der jahrzehntelange Missbrauch von indigenen
Kindern in kirchlichen Internaten. Mit den Vorwürfen gegen Kardinal
Hans Hermann Groër begann in Österreich bereits 1995 ein langer
Karfreitag für die Kirche, 2010 wurde sie mit voller Wucht vom
Missbrauch in ihren Institutionen und Heimen getroffen. Auch die
Diözese Innsbruck. Mit der Aufarbeitung ist Österreich schon ein
großes Stück weiter, aber noch lange nicht fertig. Die Schatten
bleiben und belasten, 2600 Opfer wurden entschädigt.
Franziskus muss endlich ein klares Zeichen gegen die sexuellen
Verbrechen im Geheimen setzen. Nicht zaudern. Schließlich hätte das
kirchliche Prinzip des Gehorsams diese massiv begünstigt, heißt es im
bedrückenden Bericht der französischen Untersuchungskommission. Der
Handlungsauftrag liegt klar am Tisch, die Bischofssynode steht bevor.
Davonstehlen wäre nämlich der nächste Skandal.
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