- 15.09.2021, 22:00:02
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TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Donnerstag, 16. September 2021, von Peter Nindler: "Ischgl hat sich festgekrallt"
Innsbruck (OTS) - Österreich steckt in der vierten Welle, das
Coronavirus hält sich auch nach 18 Monaten noch hartnäckig. Deshalb
bleiben Ischgl und damalige Fehleinschätzungen ein (politischer)
Aufwecker. Jetzt lässt der Schadenersatzprozess den Wecker läuten.
Die Causa Ischgl wurde in der Corona-Krise zum negativen
Selbstläufer. Der anfangs selbstgefällige und trotzige Umgang von
Tourismus, Behörden und (lokaler) Politik mit dem sich ausbreitenden
Virus im bislang erfolgsverwöhnten „Ballermann der Alpen“ ließ sich
gerade deshalb nicht mehr regional einfangen. In der internationalen
Wahrnehmung verdichteten sich die Vorgänge im Paznaun vielmehr zu
einem Bild, als ob Ischgl der „Ground Zero“ für die
SARS-CoV-2-Pandemie in Europa gewesen wäre. Mit 10.000 Infektionen,
die sich auf eine der weltweit bekanntesten Skidestinationen
zurückverfolgen lassen, hat sich jedenfalls der Eindruck vom
Superspreader verfestigt.
Dass „wir im Land alles richtig gemacht haben“, wurde nicht nur
zum Selbstfaller, sondern zum Fallbeil in der öffentlichen
Kommunikation. Denn Tirol konnte ab diesem Zeitpunkt (politisch) gar
nichts mehr richtig machen. Das Urteil war längst gefällt, aber
ebenfalls mehr als selbstgefällig. Nach wie vor emotionalisiert und
polarisiert Ischgl. Weil vieles betroffen macht und nachdenklich
stimmt. Trotzdem: „Was, wie und in welchem Ausmaß im März 2020 in
Ischgl Fehler passiert sind, werden die Staatsanwaltschaft und
Gerichte klären“, hat Liane Pircher-Deutschmann bereits vor einem
Jahr in der TT festgestellt. Daran hat sich bis heute nichts
geändert.
Sowohl im noch laufenden Strafverfahren als auch in dem vom
Verbraucherschutzverein angestrengten Zivilprozess ab Freitag geht es
darum, ob über die Erkenntnisse der Expertenkommission hinaus straf-
bzw. schadenersatzrechtliche Verantwortungen festgemacht werden
können. Der Vorsitzende der Ischgl-Kommission, Ronald Rohrer, hat in
seinem Bericht schließlich Fehleinschätzungen auf allen behördlichen
Ebenen aufgelistet. Bis hin zur chaotischen Ausreise nach der nicht
abgesprochenen Quarantäne-Ankündigung im Paznaun und St. Anton durch
Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP).
Unabhängig davon agiert die Politik – besonders Landeshauptmann
Günther Platter (ÖVP) und seine schwarz-grüne Landesregierung –
weiterhin im langen Schatten von Ischgl. Platter und sein
Krisenmanagement bleiben angreifbar, daran haben die Personalrochaden
im ÖVP-Regierungsteam Anfang Mai nichts geändert. Sie kamen zu spät,
zugleich steckt Österreich bereits in der vierten Welle. Corona lässt
sich auch 18 Monate nach Ischgl noch nicht abschütteln. Im Gegenteil:
Zwar grüßen Après-Ski und Ischgl nicht mehr täglich wie das berühmte
Murmeltier Punxsutawney Phil. Doch die Schadenersatzklage, das
Ermittlungsverfahren der Justiz oder die Landtagswahl in eineinhalb
Jahren sind immer ein Aufwecker. Weil die Causa Ischgl sehr wohl
Tirol verändert hat.
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