• 14.09.2021, 22:00:02
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TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Mittwoch, 15. Spetember 2021, von Christian Jentsch: "Reich, stabil, innovativ, Wechselwille"

Innsbruck (OTS) - Im norwegischen Wohlfahrtsstaat ist die
Lebensqualität laut UNO am höchsten. Norwegen ist steinreich. Und
leistet sich mit einem Linksruck einen Regierungswechsel. Aber nein:
Norwegen steht nicht für einen sozialdemokratischen Umbruch.

Sie machte ihren Job gut, sie war mit ihrer unaufgeregten Art bei den
Norwegern sehr beliebt. Trotzdem wurde die konservative norwegische
Ministerpräsidentin Erna Solberg, die das durch den Export von
Nordseeöl und -gas schwerreich gewordene skandinavische Nicht-EU-Land
seit 2013 regiert – seit 2020 mit einer Minderheitsregierung – bei
den Parlamentswahlen am Montag abgewählt. Und zwar deutlich. Die
Norweger, die laut UNO zu den glücklichsten Menschen der Welt zählen,
hievten das von der sozialdemokratischen Arbeiterpartei geführte
Mitte-Links-Lager an die Spitze. Der Oppositionsführer,
Sozialdemokrat und Millionär Jonas Gahr Störe kann nun wohl seine
Lieblingskoalition zusammen mit der Zentrumspartei und der
Sozialistischen Linken bilden.
Wobei eines klar ist: Den allzu großen Kurswechsel wird es wohl
nicht geben. Nicht in der Klimapolitik, die von einigen als zentrales
Thema der Wahl betitelt wurde. Einerseits ist Norwegen
klimapolitischer Musterschüler, andererseits einer der größten Öl-
und Gasexporteure der Welt. Es förderte 2020 rund 92 Millionen Tonnen
Erdöl. Die norwegische Ölindustrie ist für rund 30 Prozent der
Exporte verantwortlich und beschäftigt rund 200.000 Menschen. Und:
Die Einnahmen aus dem Export von Öl und Gas speisen den größten
Staatsfonds der Welt mit einem Vermögen von rund einer Milliarde
Euro. Und dieser Staatsfonds sichert den Wohlfahrtsstaat, auch für
künftige Generationen. Das Öl hat Norwegen reich gemacht und die
Einnahmen werden äußerst klug und vorausschauend angelegt. Und dieses
Erfolgsmodell wird nicht angetastet. Der künftige sozialdemokratische
Regierungschef Jonas Gahr Störe erteilte den Grünen, die den
möglichst schnellen Ausstieg aus der Öl- und Gasförderung fordern,
bereits eine klare Absage. Nur neue Großprojekte in der Arktis
könnten es künftig schwerer haben.
Norwegens Reichtum baut auf Öl. Aber Norwegen ist auch Vorreiter
in der Klimapolitik. So produziert Norwegen seine Energie zu fast 100
Prozent aus erneuerbaren Quellen und jedes zweite verkaufte Auto ist
ein Elektrofahrzeug. Werte, von denen der Rest Europas nur träumen
kann. Und: Der norwegische Staatsfonds fordert von den über 9000
Firmen, in die er investiert, Auskünfte zu ihren Anstrengungen beim
Thema Nachhaltigkeit.
Norwegen ist fast überall Spitze. Und trotzdem wurde die Regierung
abgewählt. Das hat nichts mit der schlechten Arbeit der bisherigen
Regierung zu tun. Aber nach acht Jahren wollen die Norweger einen
Wechsel. Langzeit-Herrscher passen nicht ins Bild. Norweger sind auch
in Sachen Demokratie spitze – ganz jenseits aller Ideologie.

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