• 13.09.2021, 22:00:32
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TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Dienstag, 14. September 2021, von Michael Sprenger: "Zwischen Merkel und Lazarus"

Innsbruck, Wien (OTS) - Und was bedeutet dies alles für die SPÖ? In
knapp zehn Tagen wählt Deutschland einen neuen Bundestag. Und der am
Boden liegende SPD könnte dank ihres Spitzenkandidaten Olaf Scholz
eine spektakuläre Auferstehung gelingen.

Die SPÖ schaut dieser Tage gespannt nach Deutschland. Hoffnung keimt
auf. Für einen Rückenwind aus Berlin? Jedenfalls bleibt Olaf Scholz
auch nach dem zweiten Triell Favorit im Dreikampf um das Kanzleramt.
Und das ist mit Blick auf die zurückliegenden Monaten eine Sensation.
Die einst so stolze SPD lag in Umfragen abgeschlagen auf dem dritten
Platz. CDU-Spitzenkandidat Armin Laschet sah auf dem Weg ins
Kanzleramt, um Nachfolger von Angela Merkel zu werden, einzig die
grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock als Gefahr. Jetzt ist alles
anders.
Die lange bei 15 Prozent dahindümpelnde SPD ist drauf und dran,
stimmenstärkste Partei zu werden. Und dies hat alles mit Olaf Scholz
zu tun. Er richtete seine Partei auf und zog sie mit. Eine
Auferstehung, die an Lazarus erinnert.
Die SPÖ schaut gespannt nach Deutschland. Sie hofft ebenso wie
Sozialdemokraten anderswo in Europa, dass am Abend des 26. September
im Willy-Brandt-Haus lauter Jubel aufbraust. Doch ist die Situation
in Deutschland mit Österreich vergleichbar? Nein. Anders als
hierzulande werden in Berlin die Karten neu gemischt. Angela Merkel
tritt nach 16 Jahren als Kanzlerin von der politischen Bühne ab.
Sebastian Kurz bleibt.
Kann man die Situation der SPÖ mit der SPD vergleichen? Ja, beide
Parteien stagnierten zuletzt auf niedrigem Niveau, befanden oder
befinden sich in einer Sinnkrise. Beide Parteien lassen auch beim
jeweiligen Parteivorsitz Parallelen erkennen. Pamela Rendi-Wagner
wurde beim Parteitag abgestraft – und damit geschwächt, das SPD-Duo
Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans wird weitgehend versteckt.
Sie setzten sich zwar bei der Wahl um den Vorsitz gegen Klara Geywitz
und Olaf Scholz durch, aber Scholz führt jetzt die SPD in die Wahl.
Und er ist unumstritten.
Also ein neuer Spitzenkandidat, eine neue Spitzenkandidatin bei
der SPÖ? Diese Möglichkeit besteht immerzu. Deutschland zeigt, wie
wichtig die Person an der Spitze ist: Wenn man sich die Auswahl des
Kanzlerkandidaten bei der Union und der Kanzlerkandidatin bei den
Grünen in puncto Stimmenmaximierung anschaut, dann sind Laschet und
Baerbock (ob der Pannen) die falsche Wahl – und Scholz die richtige.
Gut, Scholz ist keine Rampensau, eher langweilig, aber authentisch.
Er bemüht sich, Fehler zu vermeiden und Merkel zu kopieren. Die Wahl
hat er deshalb noch nicht gewonnen. Aber er ist auf dem besten Weg.
Vor einem halben Jahr war dies undenkbar. Das ist vielleicht die
zentrale Lehr­e, die die SPÖ für sich aus der Wahl ziehen kann. Es
ist zumindest möglich.

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