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Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 11. September 2021. Von CHRISTIAN JENTSCH. "9/11 und der Anfang vom Ende".

Innsbruck (OTS) - Die islamistischen Anschläge vom 11. September 2001 veränderten die Welt. Nach dem Schock folgte der „Krieg gegen den Terror“, der neue Monster schuf. 20 Jahre danach schlitterte der Westen in Afghanistan in ein Debakel.

Es war ein Tag, der die Welt veränderte. Nachdem Attentäter des Terrornetzwerks Al-Kaida am Morgen des 11. Septembers 2001 gekaperte Passagiermaschinen in die Zwillingstürme des World Trade Center in New York und in das Pentagon bei Washington steuerten und rund 3000 Menschen in den Tod rissen, blieb auf der Bühne der großen Weltpolitik kein Stein auf dem anderen. In den Ruinen der Symbole des Kapitalismus und der Supermacht USA wurden neue Kriege – sei es in Afghanistan oder im Irak – geboren, entstanden neue Verwerfungen und Verheerungen, tiefe Risse zwischen dem Westen und der islamischen Welt, wurde der Dialog der Kulturen beendet. Nach dem blutigen Terror, nach dem unvorstellbaren Angriff auf das Zentrum der westlichen Welt sannen die USA nach Rache. Und nach mehr. Sie riefen den so genannten „Krieg gegen den Terror“ aus, manifestierten ihre Stärke und ihren Zusammenhalt in Interventionen, starteten die endlosen Kriege im Nahen Osten. Wobei die Rechtfertigung für die Invasion des Irak auf einer Lüge fußte, die angeblichen Massenvernichtungswaffen von Saddam Hussein wurden nie gefunden.
Der „Krieg gegen den Terror“ nährte sich selbst und in den Trümmern der Kriege im Irak und Syrien wurde ein neues Monster des Terrorismus geboren. Die Al-Kaida wurde für tot erklärt (Ableger sind weiterhin in Afghanistan und vor allem in Syrien aktiv), der IS wurde zur neuen Geißel des Westens. Eines ist heute jedenfalls klar: 20 Jahre, Hunderttausende Tote in Afghanistan und im Irak und Billionen von US-Dollar, die in sinnlose Kriege investiert wurden, später ist der Terror nicht besiegt und auch nicht weniger geworden. Ganz im Gegenteil. Es gibt mehr Anschläge und mehr Jihadisten als vor 2001. Heute ist der „Krieg gegen den Terror“ auf den Kopf gestellt. 20 Jahre nach 9/11 und dem folgenden Einmarsch in Afghanistan wurde am Hindukusch nun jene westliche Weltordnung zu Grabe getragen, die im vermeintlichen Kampf für Demokratie, Menschenrechte und universelle Werte die Welt umzugestalten versuchte. Schon der frühere US-Präsident Donald Trump blies mit seinem „America First“ zum Rückzug, der amtierende US-Präsident Joe Biden musste das Unabwendbare vollziehen. Im Blut und Staub Afghanistans, in der Hektik und dem Chaos des Abzugs der US-Soldaten und der NATO-Verbündeten wurden die Schlachtrufe von vor 20 Jahren zur Farce. Und nun? Steuert die Welt, der Kriege müde, ruhigeren Zeiten entgegen? Kaum anzunehmen. Nach dem Kampf der Kulturen wird nun von allen Seiten das Mantra des Zusammenstoßes der Systeme propagiert. Der Westen gegen China und Russland heißt das neue, alte tödliche Spiel. Eine Konfrontation, bei der es keine Sieger geben kann.

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