- 27.08.2021, 22:00:02
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TIROLER TAGESZEITUNG: "Der verlorene Krieg gegen den Terror", von Christian Jentsch
Ausgabe vom Samstag, 28. August 2021
Utl.: Ausgabe vom Samstag, 28. August 2021 =
Innsbruck (OTS) - Auch wenn das Projekt Demokratie in Afghanistan
kolossal gescheitert ist, so sei trotz der Machtergreifung der
radikalislamischen Taliban die Terrorgefahr vom Hindukusch gebannt.
Wurde uns versichert. Die Realität ist eine andere.
Im Blut und Staub Afghanistans trägt sich auch der Westen zu
Grabe. Die martialischen Kampfansagen nach den Anschlägen von 9/11 –
der ausgerufene „Krieg gegen Terror“ –, die moralisch hochstilisierte
Mission der USA und ihrer Verbündeten am Hindukusch klingen heute wie
ein fernes Echo, wie zynische Worthülsen verloren in der
Hoffnungslosigkeit der Menschen am Kabuler Flughafen. Nach 20 Jahren
Krieg in Afghanistan ist nichts geblieben.
„Wir werden euch jagen und euch dafür bezahlen lassen“, erklärte
US-Präsident Joe Biden nach dem verheerenden Doppelanschlag auf den
Kabuler Flughafen vom Donnerstag, bei dem über 70 Menschen starben –
darunter auch 13 US-Soldaten – in Richtung des afghanischen Ablegers
der Terrormiliz IS, der sich zum blutigen Terrorakt bekannte.
Martialische Worte, welche die bittere Niederlage der USA nicht
überdecken können. Der Terror ist zurück, nicht nur jener der
Taliban. Auch der IS, ein Monster, das in den Trümmern des ebenso
gescheiterten Krieges der USA im Irak geboren wurde, ist von der
Kette gelassen. Das Kalifat des IS im Irak und Syrien ist zwar
Geschichte, seine Ableger wie etwa in Afghanistan aber offenbar noch
lange nicht.
Die USA hätten nach den Anschlägen vom 11. September 2001 ihre Ziele
im Anti-Terror-Kampf „erfüllt“, verteidigte US-Präsident Biden den
Abzug aller US-Soldaten aus Afghanistan bis Ende August. Doch die
Realität ist eine andere. Mission nicht erfüllt, heißt das Fazit nach
weit über 100.000 getöteten Zivilisten, Tausenden getöteten Soldaten
und Kosten von über zwei Millionen Dollar. Zwar wurde die Al-Kaida
aus Afghanistan vertrieben, doch der IS lebt. Und die
radikal-islamischen Taliban haben die Supermacht USA bloßgestellt.
Mission nicht erfüllt gilt aber nicht nur für die USA, sondern auch
für die Europäer, die es sich in ihrer Bedeutungslosigkeit gemütlich
eingerichtet haben. Europa hat sich auf der internationalen Bühne zum
Zwerg geschrumpft, das wurde auch bei den hektischen
Evakuierungseinsätzen am Kabuler Flughafen klar. Wenn die USA ihre
Soldaten abziehen, können die Europäer keinen Tag länger bleiben.
Eine eigenständige Politik ist ohnehin nicht zu erwarten. Und wenn
Merkel, Johnson und Co. den Einsatz in Afghanistan als Erfolg im
Kampf gegen den Terror bezeichnen, lügen sie sich in die eigene
Tasche.
Den so genannten Westen, der auf der Weltbühne Werte wie Demokratie
und Rechtsstaatlichkeit gemeinsam verteidigt, gibt es nicht – auch
wenn Biden nach Trump von seiner Wiederauferstehung sprach. Es gibt
Interessen, nicht mehr.
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