- 26.08.2021, 22:00:02
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TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Wettbewerb frisst bäuerliche Solidarität", von Peter Nindler
Ausgabe vom Freitag, 27. August 2021
Utl.: Ausgabe vom Freitag, 27. August 2021 =
Innsbruck (OTS) - Die schwierige wirtschaftliche Situation zwingt
viele Bauern zu nachvollziehbaren Entscheidungen, die aber eine
gewisse Entsolidarisierung zur Folge haben. Wie das Andocken von 16
ehemals großen Tirol-Milch-Lieferanten in Berchtesgaden.
Wettbewerb und Solidarität befinden sich in der bäuerlichen Welt
auf einer Gratwanderung. Für die (partei-)politische
Interessenvertretung der Landwirte, den Tiroler ÖVP-Bauernbund, ist
der Zusammenhalt auch heute noch das Rückgrat und die Stärke
innerhalb der Volkspartei. Doch die Geschlossenheit im gänzlich
ausgewiesenen Bergbauerngebiet Tirol wird bereits seit Jahren
strapaziert. Weil es selbst in Tirol die Großen vornehmlich in den
Gunstlagen der Inntalfurche sowie im Unterland gibt und die Kleinen
in den Berggebieten. Also die klassischen Almbauern.
Der massive wirtschaftliche Druck auf die heimische
Landwirtschaft, die im EU-Vergleich mit den großen Agrarnationen
Deutschland, Frankreich, Italien, Großbritannien oder Irland nach wie
vor winzig ist, hat freilich zwangsläufig zu einer Entsolidarisierung
geführt. Betriebswirtschaftlich nachvollziehbar, hat man den Bauern
doch stets mangelndes wirtschaftliches Denken vorgeworfen. Wenn jetzt
16 große Unterländer Milchlieferanten der Tirol Milch, die nur wenige
Kilometer entfernt ihre Produktionsstätte in Wörgl hat, den Rücken
kehren, dann fügt sich Marktwirtschaft mit Unverständnis zusammen.
Die innere Loyalität zur Tirol Milch, die seit mehr als einem
Jahrzehnt zur oberösterreichischen Berglandmilch gehört, existiert
so nicht mehr. Dafür ist Schärding zu weit entfernt, den Bauern das
Hemd näher als der Rock. Jahr für Jahr wurde die Entfremdung größer.
Die Wipptaler Landwirte sind vorausgegangen, haben die Nähe zum
Milchhof Sterzing und die dort höheren Erzeugerpreise für ihre
Milchproduktion ausgenützt. Damit konnte die Landwirtschaft in diesem
Tal stabilisiert und abgesichert werden. War das solidarisch? Im
Sinne der neu gegründeten Wipptaler Milchgenossenschaft sehr wohl,
weil den Bauern in der Region Perspektiven geboten wurden. Für ganz
Tirol betrachtet hingegen sicher nicht.
Es ist müßig, darüber zu diskutieren, ob die Einbringung der Tirol
Milch in die Berglandmilch nicht hätte verhindert werden können.
Damals war es jedoch die einzige finanzielle Überlebenschance. Alles
andere sind Mythen. Die Folgen lassen sich trotzdem nicht
wegdiskutieren, die Tiroler Landwirtschaft hat mehr oder weniger den
Einfluss auf einen der wichtigsten agrarischen Player im Land
verloren. Das tut weh, wie auch der „Abfluss“ von 6,9 Millionen Liter
Milch nach Berchtesgaden.
Doch das ist eben die neue Realität in der Landwirtschaft. Wie
auch der aufkeimende Bio-Kannibalismus. Immer größer, immer mehr,
immer preisgünstiger.
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