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TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Montag, 23. August 2021, von Gabriele Starck: "Spannung auch ohne Inhalt"
Innsbruck (OTS) - Das bevölkerungsreichste Land der EU steht durch
den Abschied von Angela Merkel aus der Politik vor einer Zäsur. Doch
fünf Wochen vor der Bundestagswahl wirkt Deutschland ratlos – sowohl
auf politischer als auch auf Wählerseite.
Die Deutschen zeigen sich wenige Wochen vor der Bundestagswahl
äußerst flexibel. Die Positionswechsel an der Spitze der Umfragen
erinnern an Radrennen, wo der Erstplatzierte den Hinteren einen
erholsamen Windschatten verschafft, bevor sich diese an die Spitze
setzen. Zuerst haben die Grünen die Union überholt, bevor diese
wieder die Führung übernommen hat. Derweil hat die SPD zum Überholen
angesetzt und liegt inzwischen gleichauf mit dem Wahlbündnis von CDU
und CSU an der Spitze.
Ein durchaus spannendes Rennen also – allerdings mit dem Manko,
dass es nicht auf inhaltliche Auseinandersetzungen der Wahlwerber
zurückzuführen ist. Vielmehr sind zwei der drei Parteien, die ums
Kanzleramt kämpfen, mit sich selbst und nicht mit der Zukunft der 83
Millionen BürgerInnen beschäftigt. Bislang beherrschten
Schlampigkeiten von Annalena Baerbock (Grüne) und Peinlichkeiten von
Unionskandidat Armin Laschet die Schlagzeilen und damit auch die
Arbeit ihrer Wahlkampfstrategen.
Das Auf und Ab in den Umfragen zeigt das Dilemma. Mit Angela
Merkels Abschied aus der Politik geht Deutschland eine langjährige
Konstante verloren, mag man sich durch die Kanzlerin nun gut
vertreten gefühlt oder sich an ihr gerieben haben. Jetzt muss jemand
ihren Platz einnehmen. Noch im Frühsommer lief es auf ein Duell
zwischen Baerbock und Laschet hinaus, doch die beiden sind an ihren
eigenen Ansprüchen gescheitert – sie an den moralischen, er an seiner
selbst gepriesenen Regierungskompetenz, die der Noch-Landeschef von
Nordrhein-Westfalen nach der Unwetterkatastrophe dort jedoch
vermissen ließ.
Nutznießer ist Vizekanzler und Finanzminister Olaf Scholz. Vor
einem Jahr wurde er noch mitleidig belächelt, als die dahinsiechende
SPD ihn zu ihrem Kanzlerkandidaten kürte. Inzwischen ist er der
Wunschkandidat einer Mehrheit für die Merkel-Nachfolge. Und er zieht
die Genossen in der Wählergunst mit nach oben. In der neuesten
Umfrage haben sie die Union eingeholt.
Scholz’ Popularität ist nicht nur auf die Pannen seiner Konkurrenz
zurückzuführen. Vielmehr verkörperte ausgerechnet der Sozialdemokrat
zuletzt am besten Merkels Politikstil – unaufgeregt, schweigend und
alles andere als progressiv.
Wie sehr das die Nerven bei CDU und CSU bloßlegt, zeigt, dass
plötzlich, wie am Samstag, Merkel auf die Wahlkampfbühne gezerrt
wird: Die scheidende Kanzlerin muss als Auffrischungsimpfung für die
schwächelnde Union und den laschen Wahlkampf herhalten.
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