• 19.08.2021, 22:00:31
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TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "In der falschen Auslage", Ausgabe vom 20. August 2021 von Peter NIndler.

Innsbruck (OTS) - Jetzt geraten auch Bauernhöfe ins Visier von
finanzstarken Investoren. Die Interessenvertreter wollen
gegensteuern, doch sie befinden sich in der Zwickmühle von tristen
finanziellen Zukunftsaussichten der Bauern und landeskultureller
Identität.

Der Druck auf den Tiroler Bodenmarkt ist enorm und nimmt weiter zu:
Die Zinsen sind im Keller, deshalb wird Kapital in Immobilien
angelegt. Betongold ist das eine, mit Grundstücken lässt es sich
allerdings ebenfalls gut verdienen. Und dann kommen noch die
Bauernhöfe mit zum Teil großen Freilandflächen. Bauernland in
Bauernhand, das war einmal. Zwar gibt es nach wie vor Schranken beim
Erwerb, weil die Stärkung bzw. Schaffung eines lebensfähigen
Bauernstandes verfassungsgesetzlich gesichert und vom Europäischen
Gerichtshof „als im Allgemeininteresse gelegene Zielsetzungen“
anerkannt sind. Doch Papier ist geduldig, Investoren mit
landwirtschaftlichen Betriebs- und Verpachtungskonzepten treten
gehäuft als Interessenten und Käufer auf.
Anleger-Bauernhöfe kommen in Mode, allein im Vorjahr haben 44 Bürger
aus anderen EU- bzw. EWR-Staaten land- und forstwirtschaftliche
Grundstücke in Tirol erworben. Die Alarmsirenen schrillen, die
Entwicklung widerspricht der landeskulturellen Ausrichtung. Obwohl
die Verkäufer selbst Landwirte sind, die Situation wird für sie trotz
öffentlicher Förderungen, regionaler Direktvermarktung und Bio-Boom
Jahr für Jahr schwieriger. Eine Landwirtschaft zu stemmen und zu
erhalten, bleibt ein finanzieller Kraftakt. Freilich streichelt die
Europäische Union die Bergbauern, zugleich verhungern sie an ihrer
ausgestreckten Hand. Am Ende steht dann oft der Verkauf. Wer kann es
den Bauern unter diesen Voraussetzungen verübeln, den besten Preis zu
erzielen?
Dass sich die bäuerlichen Interessenvertreter jetzt mit dem Ruf nach
strengeren gesetzlichen Regelungen und der
Selbstbewirtschaftungspflicht gegen eine schleichende Aushöhlung der
Tiroler Agrarstruktur stemmen, ist nachvollziehbar. Über die
bäuerlichen Familien hinaus geht es schließlich um die Identität des
Landes, um eine nachhaltige Bewirtschaftung im Tal und auf den Almen
sowie um regionale Versorgungsketten. Für den Natur-, Freizeit- und
Lebensraum. Dass 50 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen bereits
verpachtet werden, zeigt, dass landesweiter Handlungsbedarf besteht.
Mit ihren Höfen stehen die Tiroler Bauern vielfach in der Auslage,
deshalb sind ihre Anwesen begehrt. Auch als getarnte
Freizeitwohnsitze. Die Investoren dirigieren dann mit dem Handy die
Bewirtschaftung oder treiben mit der Verpachtung die Pachtpreise in
die Höhe. Die Neueinsteigerregelung wird hinsichtlich der notwendigen
bäuerlichen Qualifikationen jetzt verschärft, alles andere ist jedoch
Wunschdenken. Oder bittere europäische Realität.

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