• 30.07.2021, 22:00:01
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Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 31. Juli 2021. Von FLORIAN MADL. "Der Zug nach Paris ist längst abgefahren".

Innsbruck (OTS) - Österreichs Sommersport fehlte es jahrelang an Geld
und den dafür Verantwortlichen an Geduld. Ohne die aktuellen Erfolge
schmälern zu wollen: Diese Tokio-Medaillen sind passiert, aber nicht
das Ergebnis systematischer Aufbauarbeit.

So wie seit gestern, seit dem Gewinn der vierten österreichischen
Olympiamedaille, nicht alles gut ist im heimischen Sport, so war vor
neun Jahren nicht alles schlecht. Damals in London, als Rot-Weiß-Rot
ohne Medaille geblieben war, hatte Sportminister Norbert Darabos von
„Olympia-Touristen“ gesprochen und jene brüskiert, die sich mehr
abholen wollten als nur einen Aktiv-Urlaub samt Gratis-Einkleidung.
Österreichs Sport lernte zeitversetzt hinzu, mit der Abkehr vom
Gießkannen-Prinzip war der erste Schritt erfolgt. Denn so lobenswert
es war, jedes Pflänzchen im heimischen Sport-Biotop mit Subventionen
zu pflegen – es führte selten zum Erfolg. Es hat einen Grund, warum
Kenia bevorzugt in seine Läufer investiert und nicht in den alpinen
Skirennsport. Weil es an Infrastruktur, Tradition und natürlich an
Geld fehlt, um all diese Mängel zu kompensieren.
Deshalb darf das 2013 vom Sportministerium aus der Taufe gehobene
Projekt Rio 2016, eine Sonderförderung für den österreichischen
Sommersport (20 Mio. Euro) für den Zeitraum von vier Jahren, als
Startschuss erachtet werden. Der mittlerweile nicht mehr amtierende
ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel wurde als Koordinator auserkoren,
denn sein Wort hatte Gewicht, sein Durchsetzungsvermögen war bei
strittigen Fragen der Mittelzuteilung von Bedeutung. Dass der damals
71-Jährige mit Sommersport bis auf ein paar Jugenderinnerungen wenig
am Hut hatte, tat angesichts dieser Qualitäten nichts zur Sache. Doch
schon damals wurde der zweite Fehler begangen: Geduld fehlte.
Gegenbeispiel: Großbritannien besann sich nach den Sommerspielen 1996
(Platz 36 im Medaillenspiegel) und gab sich drei Olympiaden, also
zwölf Jahre. Bei den Heim-Sommerspielen 2012 in London tauchten die
Engländer mit 29 Goldenen plötzlich auf Platz 3 der Nationenwertung
auf.
Es bedarf keiner sportwissenschaftlichen Erhebung, um die
Erfolgsaussicht eines vierjährigen Aufbauprogramms als unzureichend
einzuschätzen. Und die Wahrscheinlichkeit, dass Österreich jemals
einen 100-Meter-Olympiasieger hervorbringt, liegt sogar noch unter
jener, dass Kenia jemals einen Abfahrts-Olympiasieger stellt.
Österreichs Sportpolitik sollte das Tokio-Ergebnis mit Vorbehalt
registrieren und eine Überraschungsmedaille wie Gold im
Damen-Radrennen nicht als Synonym für den Aufschwung werten. Die
Konzentration muss der Zukunft gelten: Der Zug nach Paris 2024 ist
längst abgefahren – so kurzfristig lassen sich keine Weichen stellen.
Aber es ist höchste Zeit, sich über Olympia 2028 in Los Angeles und
2032 in Brisbane Gedanken zu machen.

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