- 30.06.2021, 22:00:01
- /
- OTS0238
TIROLER TAGESZEITUNG, Leiter: "Die UEFA feiert einen Totentanz"
von Florian Madl, Ausgabe vom Donnerstag, 1. Juli 2021
Utl.: von Florian Madl, Ausgabe vom Donnerstag, 1. Juli 2021 =
Innsbruck (OTS) - Fans versetzt die Fußball-EM in Ausnahme-, die
Virologen in Alarmzustand. Dass mit freiem Oberkörper und ohne
erkennbare Abstandsregel gefeiert wird, ist dem Diktat der UEFA und
einem politischen Kniefall zuzuschreiben.
Pünktlich zu den ersten Menschenansammlungen im Zuge der
Fußball-Europameisterschaft kramte die Frankfurter Allgemeine wieder
die „Ischgl-Platte“ aus dem Archiv. Als hätte der ungeschickte Umgang
mit dem Massenphänomen Tourismus in den Urzeiten der Pandemie etwas
mit Tribünenbildern zu tun, wie wir sie augenblicklich in Budapest,
Kopenhagen oder London erleben. Mit der leidvollen Erfahrung von 16
Monaten Pandemie kann nämlich keiner behaupten, „alles richtig
gemacht“ und „nichts gewusst“ zu haben. Jeder Volksschüler versteht
sich mittlerweile auf Selbsttests, vom Corona-Vokabular à la
Delta-Mutation, 7-Tage-Inzidenz oder Aerosol ganz zu schweigen.
Kurzum: Wir und umso mehr die für das Zeitgeschehen Verantwortlichen
wissen, dass körpernahe Kontaktaufnahme in einem beengten Raum
zwangsläufig die Infektionsgefahr hebt. Und Singen? Rufen? Erklären
Sie einem England-Fan nach dem Siegestor von Harry Kane, dass sich er
und 42.000 andere im stummen Schrei üben sollen.
Was diese EURO anbelangt, so wurde von der UEFA einiges richtig
gemacht: der allgemeine Umgang mit dem Zusammenbruch Christian
Eriksens, die „Regenbogen-Diskussion“ (Diversität), die
Rassismus-Debatte (Niederknien vor dem Anpfiff). Aber im
Grundlegenden versagte der europäische Verband. Nicht nur, dass man
trotz Pandemie auf keine Pan-EURO verzichten wollte – vermehrtes
Reiseaufkommen führt zwangsläufig zu höherem Infektionsgeschehen.
Auch die Fan-Beschränkung im Stadion wurde lediglich begutachtet,
nicht gelenkt. So konnte der ungarische Machthaber Viktor Orbán wie
schon bei seinen politischen Irrflügen jegliche Corona-Limits außer
Kraft setzen und mit einer gefüllten Ferenc-Puskás-Arena den starken
Mann markieren.
London knickte ein, als es trotz erhöhten Infektionsgeschehens das
Wembley-Stadion zum Forschungsprojekt für Öffnungsschritte erhob.
Statt 45.000 dürfen zu Halbfinale und Finale bald 65.000 ins Stadion,
ein möglicher England-Triumph heiligt offensichtlich die Mittel. Nur
Russland, wo die Zahl der Corona-Toten einen Rekordwert erreicht,
reagierte. In St. Petersburg wurde die Anzahl der Fan-Meilen-Besucher
von 5000 auf 3000 reduziert: Das wäre so, als würden sie vor einem
Frontal-Zusammenstoß die Stoßstange ein wenig fester schrauben.
Die UEFA feiert dieser Tage einen Totentanz. Denn während Fans ihrer
Mannschaft folgen, begleiten sie Coronaviren auf Schritt und Tritt.
Wir haben nicht nur wenig richtig gemacht, viel schlimmer noch: Wir
haben offensichtlich nichts daraus gelernt.
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PTT






