• 19.04.2021, 22:00:01
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TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 20. April 2021 von Gabriele Starck "Der schwarz-grüne Rollentausch"

Innsbruck (OTS) - Zerstritten und führungsschwach die
Regierungspartei, einig und energiegeladen die kleinste Opposition im
Bundestag. Die Bilder, die CDU/CSU und Bündnis 90/Die Grünen in
Deutschland derzeit abgeben, wirken wie ausgetauscht.

Die Blamage ist perfekt. Die einst gespaltenen und notorisch
streitenden Grünen haben der CDU/CSU vorgemacht, wie ein
Wahlkampfauftakt hinzulegen ist. Der Auftritt der beiden
Parteivorsitzenden Annalena Baerbock und Robert Habeck war wie ein
Hollywood-Happyend gleich zum Filmstart – Einigkeit, gegenseitige
Wertschätzung und unterstützende Worte desjenigen, der verzichtet.
Das Gegenteil von all dem, was die Union seit mehr als einer Woche
der Öffentlichkeit zumutet.
Es ist die erste Kanzlerkandidatur, die die deutsche Öko-Partei
gestern erklärt hat, und es ist auch das erste Mal, dass bei den
Grünen eine Personalie fern der Gremien und Basis bestimmt wurde. Ein
vor wenigen Jahren noch unvorstellbarer Vorgang.
Doch Baerbock und Habeck haben in den drei Jahren, in denen sie nun
an der Spitze stehen, maßgeblich dazu beigetragen, dass die Partei
erwachsen wurde. Diskussionen zwischen Fundis und Realos werden nach
wie vor geführt, aber sie übertönen nicht mehr die gemeinsamen
übergeordneten Ziele eines klima- und menschenfreundlichen
Deutschlands.
Auch war die Festlegung auf Baerbock keine Horuck-Entscheidung, wie
sie das bei der Union wegen der ewigen Taktiererei von CSU-Chef
Markus Söder nun wurde. Die beiden Grünen-Vorsitzenden haben schon
vor Langem klargemacht, dass sie beide wollen und bereit sind. Und
entschieden haben die beiden gemeinsam, und doch allein – nämlich
fernab von Flügelkämpfen, Zurufen oder aktuellen Umfragen. Diese
nämlich sähen Strahlemann Habeck leicht im Vorteil. Doch die anfangs
unterschätzte Baerbock ist inzwischen aus Habecks Schatten
herausgetreten, verblüfft eigene Leute wie auch die Konkurrenz immer
wieder durch Willensstärke, Konsequenz und Kompetenz in der Sache.
Ganz anders die Union. Die Chefs von CDU und CSU, Armin Laschet und
Söder, sind mit ihrer Ankündigung, es bis zum Ende vergangener Woche
unter sich auszumachen, kläglich gescheitert. Söder sieht die für ihn
besseren Umfragewerte als einziges Kriterium.
Es ist gut möglich, dass die Grünen gestern die künftige
Vizekanzlerin präsentiert haben. Das allerdings nur dann, wenn sich
CDU und CSU kräftig am Riemen reißen, die Selbstzerfleischung beenden
und wieder zu regieren beginnen. Gelingt ihnen das nicht, dürfte es
nämlich auch zu einem Rollentausch im Kanzleramt kommen.
Die Nachfolgerin von Angela Merkel hieße dann Annalena Baerbock. Und
die Union könnte sich sogar auf der Oppositionsbank wiederfinden.

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