• 19.11.2020, 22:00:02
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  • OTS0257

Leitartikel "Gesellschaft ohne Zwischentöne" vom 20. November 2020 von Mario Zenhäusern

Innsbruck (OTS) - Befürworter und Gegner der Corona-Maßnahmen liefern
sich einen Schlagabtausch. Die Fronten sind total verhärtet. Dabei
geht es längst nicht mehr darum, wer Recht hat: Jetzt gilt es, das
Gesundheitssystem vor dem Kollaps zu bewahren.

Von Mario Zenhäusern
In Berlin gingen am Mittwoch Tausende Menschen auf die Straße, um
gegen die von der deutschen Bundesregierung verordneten und im
Vergleich mit Österreich ohnedies milderen Maßnahmen gegen die
weitere Verbreitung des Coronavirus zu protestieren. Weil sie dabei
ganz bewusst gegen die simpelsten Regeln wie Abstand und Mundschutz
verstießen, löste die Polizei die Versammlung auf. Unter die Kritiker
des deutschen Corona-Kurses hatten sich, wie schon bei ähnlichen
Veranstaltungen, wieder Vertreter des rechten und rechtsextremen
Lagers gemischt. Die Demonstranten lieferten den Uniformierten eine
wilde Straßenschlacht. Fazit: 365 Festnahmen, zehn verletzte
Polizisten, drei davon schwer.
Das Beispiel von Berlin belegt, wie verhärtet die Fronten sind. Auch
in Österreich. Hierzulande sind die Auseinandersetzungen zwar nicht
so gewalttätig wie in Deutschland, dafür liefern sich die Exponenten
der heimischen Pro- und Anti-Corona-Lager in Internetforen und
sozialen Medien einen heftigen, von wechselseitigen Untergriffen
geprägten Schlagabtausch. Die Gesellschaft ist gespalten wie selten
zuvor. Statt sich mit dem Problem an und für sich und möglichen
Lösungsansätzen auseinanderzusetzen, werden ausschließlich die
Argumente der jeweiligen Gegenseite zerpflückt, Vorwürfe ausgetauscht
und Ressentiments geschürt. Es gibt nur noch Schwarz oder Weiß, Gut
oder Böse. Die wichtigen Grau- und Zwischentöne, die zu einem
funktionierenden Zusammenleben gehören, sind verschwunden. Ganz zu
schweigen vom demokratischen Grundkonsens, der das Rückgrat eines
Staates wie Österreich ist. Verschlimmert wird dieser Riss, der sich
wie der Grand Canyon durch unser soziales Gefüge zieht, durch die
offensichtliche Uneinigkeit der Wissenschaft, die ihren Teil zur
Verunsicherung der Menschen beiträgt. Das und die nicht zuletzt
daraus resultierende Ohnmacht der Politik fördern nur eines: Angst.
Mittlerweile geht es aber längst nicht mehr darum, welches der beiden
Lager nun letztlich Recht hat. In Krankenhäusern und vor allem in den
Senioren- und Pflegeheimen sterben immer mehr Menschen mit oder am
Coronavirus, die Intensivstationen platzen aus allen Nähten. Jetzt
gilt es, das Gesundheitssystem vor dem drohenden Kollaps zu bewahren.
Die Alternative ist, sollten die Zahlen nicht rasch und massiv
sinken, das unnötige Leiden und Sterben von Menschen – und das kann
niemand allen Ernstes wollen.

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